Neue Flyer und Plakate:Schrecken über den Wipfeln

Die Gegner des geplanten Windparks im Ebersberger Forst starten eine Kampagne für ein Nein beim Bürgerentscheid am 16. Mai. Viele ihrer Argumente sind zumindest fragwürdig.

Von Alexandra Leuthner, Ebersberg

Mindestens zwanzig Windräder, urzeitlichen Rieseninsekten ähnlich, erheben sich hoch über einem Wald und dehnen sich als gigantischer Windpark in kaum messbare Fernen. Daneben ein Bild eines idyllischen Spazierwegs durchs Grüne. Mit dieser Gegenüberstellung wirbt die Initiative der Windkraftgegner für ein Nein zum Bürgerentscheid am 16. Mai. 50 000 Flyer sollen verteilt, Plakate unter anderem in Grafing, Ebersberg, Kirchseeon, Eglharting, Zorneding, Baldham und Vaterstetten aufgehängt werden.

Eine doch sehr überspitzte Darstellung, zu der Catrin Dietl stellvertretend für die Initiative aus "Schutzgemeinschaft Ebersberger Land", Landesbund für Vogelschutz, "Bürgerinitiative St2080 - Schwaberwegen und Moos" sowie "Landschaftsschutz Ebersberger Forst" erklärt: Mit dem Bau der fünf Windräder "ist das Tor für weitere Baubegehrlichkeiten, zum Beispiel Umgehungsstraßen oder weitere Windräder, weit aufgestoßen." Ursprünglich habe Landrat Robert Niedergesäß (CSU) versichert, die Windkraftplanungen im Forst zu beenden, wenn im Umweltgutachten vom Oktober 2019 eine Teilaufhebung des Landschaftsschutzgebiets Ebersberger Forst abgelehnt würde. "Das natur- und artenschutzrechtliche Gutachten spricht sich klar gegen eine Zonierung aus", heißt es im Flyer. Und ohne Zonierung müsse die Landschaftsschutzgebietsverordnung de facto aufgehoben werden, um den Bau der Windräder zu ermöglichen - und damit auch weitere Bebauung. Eine rechtssichere Begrenzung auf fünf Windräder wie im Vertrag mit den Bayerischen Staatsforsten - dem Eigentümer des Forsts - vereinbart, sei gar nicht möglich, so Dietl.

Ebersberg, Ebersberger Forst, vom Aussichtsturm

Noch sind die Bäume im Ebersberger Forst unter sich, hier ein Blick vom Aussichtsturm Richtung Norden. Am 16. Mai geht es in einem Bürgerentscheid darum, ob sich zwischen den Wipfeln in einigen Jahren fünf Windräder drehen dürfen.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Ein Szenario, das Hans Gröbmayr, Mitglied der vom Landkreis mit der Öffentlichkeitsarbeit beauftragten Energieagentur Ebersberg-München, mit Verweis auf eben diesen Vertrag und einen entsprechenden Kreistagsbeschluss weit von sich weist. "Im Ebersberger Forst sind fünf Windräder geplant und keines mehr", unterstreicht er. "Kein Politiker, der wiedergewählt werden will, wird darüber hinausgehen." Der Bayerische Windenergieerlass von 2016 erlaube ausdrücklich Windkraft in Landschaftsschutzgebieten, was aber weder bedeute, dass Schutzgebiete in Gänze aufgehoben werden müssten - vielmehr könne man mit einer Herausnahme von Teilgebieten arbeiten - noch, dass so sämtlicher Naturschutz übergangen werden könne. Nach einem positiven Entscheid im Mai würden ja zunächst erst einmal alle notwendigen artenschutz-, wasserschutz- und naturschutzrechtlichen Prüfungen unternommen, um zu klären, ob eine Aufstellung überhaupt möglich ist. "Die Bürger entscheiden am 16. Mai nicht darüber, ob fünf Windräder gebaut werden oder nicht." Im Flyer liest sich das anders. Das vom Kreistag beauftragte und zitierte Gutachten eines unabhängigen Umweltinstituts weise lediglich darauf hin, dass in einem gleichmäßig funktionierenden System wie dem Ebersberger Forst keine Einteilung in unterschiedlich wertvolle Zonen aus Naturschutzgesichtspunkten möglich sei, sagt der ehemalige Klimaschutzbeauftragte des Kreises.

Verärgert zeigt sich Gröbmayr auch über die Gegenüberstellung der beiden Bilder auf dem Plakat und den Flyern. Der Wald verliere durch die Eingriffe "seine Einzigartigkeit" und seinen "bisherigen, über Jahrhunderte unbeeinträchtigten Gebietscharakter als größte zusammenhängende Waldfläche im süddeutschen Raum", heißt es dort. Für die fünf Anlagen müssten insgesamt fünf Hektar gerodet werden, schreibt Catrin Dietl in einer Stellungnahme dazu. Selbst wenn drei Viertel der Fläche mit Eichen aufgeforstet werden würden, dauere es ein Jahrhundert, bis aus Setzlingen Bäume würden.

Hans Gröbmayr

"Die Bürger entscheiden am 16. Mai nicht darüber, ob fünf Windräder gebaut werden oder nicht."

Gröbmayr hält entgegen: Gerade aus der Darstellung des angeblich drohenden Windparks auf dem Flyer könne man gut die notwendigen Rodungen pro Anlage erkennen; 0,3 Hektar nämlich, die am Rand des Waldes wieder aufgeforstet werden müssten. Er sagt: Dort, wo "das schöne Bild aus dem Forst entstanden ist, wird man die Windräder jedenfalls nicht hinbauen, sondern dort, wo der Eingriff in die Natur am geringsten ist."

Sehr ärgerlich findet Gröbmayr schließlich auch die Bilder von Vögeln, die von Windrädern im Forst gefährdet würden. Dietl spricht in ihrer Stellungnahme von besonders kollisionsgefährdeten Arten wie Schwarzstorch, Rotmilan und Wespenbussard. Als Kollisionsopfer nachgewiesen und im Forst vorhanden seien auch Mäusebussard, Habicht, Turmfalke und Uhu. Durch Gutachten belegt seien dort auch elf verschiedene Fledermausarten. "Wir gehören nicht zu denen, die sagen, es stirbt nie ein Vogel", sagt Gröbmayr. Es seien aber lang nicht so viele wie von Windkraftgegnern behauptet werde, sondern drei bis vier pro Windrad und Jahr. "Und das dann eher in solchen Windparks wie auf dem Flyer dargestellt." Dessen Aussagen seien zu relativieren: "Rotmilane jagen grundsätzlich über freiem Gelände, nicht im Wald, und überqueren den Forst höchstens mal". Uhus schließlich gebe es dort überhaupt keine. Was die abgebildeten Fledermäuse angehe, erklärt Gröbmayr: "Es gibt längst die Fledermausabschaltung, jeder Experte weiß das."

Was eine mögliche Grundwassergefährdung angeht - die Windkraftgegner sorgen sich wegen Maschinenölen oder giftigen Brandstoffen in unmittelbarer Nähe zum Wasserschutzgebiet - sagt Gröbmayr: Die Fundamente für die Windräder ähnelten denen eines Hauses und reichten nicht soweit in die Tiefe, zudem würden hier ebenfalls Untersuchung vorgeschaltet, bevor man irgendetwas baue.

Der Wald, urteilt Gröbmayr abschließend, werde nicht durch Windkraft zerstört, sondern durch den Klimawandel. Grundwassermessungen im Forst zeigten, dass auch hier der Pegel bereits gesunken sei - wenn auch nicht so stark wie in anderen Bundesländern. Dietl hält entgegen: Ihre Initiative setze auf Umwelt- und Naturschutz vor Ort. Klimaschutz sei wünschenswert, "aber hier ist unser Einfluss homöopathisch".

© SZ vom 17.04.2021
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