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Corona-Krise in Ebersberg:Eine große Gemeinschaftsleistung

Hilfskrankenhaus in der Ebersberger Dr.-Wintrichhalle, 2020

Alle hofften, dass die Betten im Hilfskrankenhaus für 105 Patienten nie gebraucht werden.

(Foto: Christian Endt)

Nach dem dreimonatigen Katastrophenfall in Bayern zieht die Kämmerin des Ebersberger Landratsamts vor dem Kreis- und Strategieausschuss Bilanz. Bislang muss der Kreis 818 000 Euro für die Folgen von Corona aufwenden

Von Johanna Feckl, Ebersberg

Es war wohl ein ungewöhnlicher Start in die neue Wahlperiode für die Ausschussmitglieder, die sich am Montagnachmittag im Hermann-Beham-Saal im Ebersberger Landratsamt zusammengefunden haben: Die erste Sitzung des Kreis- und Strategieausschusses begann nicht mit Plänen und Anträgen für die bevorstehende Amtszeit, sondern mit einem Blick in die Vergangenheit. Nach drei Monaten beendete Ministerpräsident Markus Söder (CSU) am 16. Juni den Katastrophenfall für Bayern. Vor dem Ausschuss zog Kämmerin Brigitte Keller nun eine erste Bilanz für den Landkreis. Bislang muss dieser 818 000 Euro für die Auswirkungen von Corona aufwenden. Bis zum Jahresende werden die außerplanmäßigen Kosten aller Voraussicht nach weiter ansteigen.

Eine "große Gemeinschaftsleistung" nannte Landrat Robert Niedergesäß (CSU) die Bewältigung der Corona-Folgen für den Landkreis. Nicht nur viele seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Landratsamt hätten ihren Beitrag dazu geleistet, sondern auch Stellen wie Technisches Hilfswerk, Bundeswehr, Polizei, Senioren- und Pflegeheime, Schulen und viele Ehrenamtliche, etwa die Näherinnen und Näher, durch deren Hilfe Tausende Masken an Einrichtungen im Gesundheitsbereich übergeben werden konnten, die dort dringend benötigt wurden.

Obwohl seit zwei Wochen kein Katastrophenfall mehr vorliegt, trifft sich weiterhin der Corona-Krisenstab, wie Kämmerin Brigitte Keller den Ausschussmitgliedern mitteilte. Seit Beendigung des Katastrophenfalls steuert der Krisenstab dem Infektionsschutzgesetz gemäß ein sogenanntes "koordinierungsbedürftiges Ereignis", zweimal pro Woche trifft sich das Gremium, um die Lage im Landkreis zu sichten und zu bewerten, jeden Dienstag und Freitag. Zu Beginn des Katastrophenfalls kam der Krisenstab noch zweimal täglich zusammen, später dann einmal am Tag.

Immer noch seien um die 180 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem Landratsamt ganz oder in Teilzeit eingesetzt, um die Aufgaben rund um Corona zu bewältigen - sie arbeiten also nicht in ihrem gewöhnlichen Einsatzgebiet. Am stärksten betroffen von dieser Maßnahme sind laut Keller das Gesundheitsamt sowie die Bereiche öffentliche Sicherheit und Ordnung, Personal, IT, Amtsleitung und Öffentlichkeitsarbeit. Das hat zur Folge, dass das Tagesgeschäft oft liegen bleibe, so Keller. "Die Mitarbeiter sind müde." Der Dienstbetrieb im Landratsamt wird aber auch weiterhin eingeschränkt bleiben und zwar so lange, bis Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Corona-Aufgaben befasst werden müssen. Eine Prognose, wie lange dieser Zustand noch andauern wird, gibt es aktuell keine.

Die größten Auswirkungen der Pandemie zeigen sich beim Gesundheitsamt. Mehr als 50 Beschäftigte hat das Landratsamt von der Regierung von Oberbayern zur Unterstützung abgeordnet bekommen. Die meisten davon sind laut Keller mittlerweile wieder in ihr ursprüngliches Aufgabengebiet zurückgekehrt. Aktuell werden sogenannte Contact Tracing Teams (CTT) aufgebaut. Für eine solche Kontaktverfolgung hält der Freistaat pro 20 000 Einwohner fünf Mitarbeiter für erforderlich.

Für den Landkreis Ebersberg mit seinen gut 144 000 Einwohnern bedeutet das, dass sieben Teams eingerichtet werden, insgesamt also 35 Personen in Vollzeit oder dementsprechend mehr, sollten Teilzeitkräfte angestellt sein. Von den sieben Teams, die zum Teil aktuell noch aufgebaut werden, sind drei ruhend, wie Keller erklärte. Sie kommen dann zum Einsatz, wenn die Fallzahlen es erforderlich machen. Ein Team ist mit Sonderaufgaben betraut; hauptsächlich kümmert es sich um Personen, die aus ausgewiesenen Risikogebieten in den Landkreis einreisen, wie Norbert Neugebauer, Büroleiter des Landrats, auf Nachfrage erklärte. Ein weiteres beschäftigt sich mit rechtlichen Belangen rund um das Infektionsschutzgesetz, so Neugebauer weiter.

Insgesamt gab es im Landkreis bislang 517 Fälle einer Covid-19-Erkrankung, pro 100 000 Einwohner ist das im Vergleich mit den umliegenden Landkreisen die niedrigste Fallzahl. Mit fünf Menschen, die in Folge einer Corona-Erkrankung bisher gestorben sind, verzeichnet Ebersberg den zweitniedrigsten Wert in Oberbayern. Laut Keller ist das auch dem Umstand zu verdanken, dass es bis heute in keinem Senioren- oder Pflegeheim zu einem Ausbruch kam.

Damit das auch in Zukunft so bleibt, hat das Landratsamt eine wöchentliche Diagnostik für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Senioren- und Pflegeheimen ermöglicht. Die Kosten dafür trägt der Freistaat. Waltraud Gruber (Grüne) würde sich eine solche prophylaktische Testung auch für die Bewohnerinnen und Bewohner der Heime wünschen, Alexander Müller (FDP) merkte an, dass diese Diagnostik auf das Personal von ambulanten Pflegediensten ausgeweitet werden sollte. Laut Keller ist das Testen von Heimbewohnern nicht ausgeschlossen, organisieren müssten das die Einrichtungen jedoch selbst. Ebenso seien ambulante Pflegedienste nicht von der angebotenen Diagnostik ausgeschlossen. "Da weisen wir niemanden zurück!" Interessierte Pflegedienste sollten sich einfach an das Landratsamt wenden.

Das Hilfskrankenhaus in der Dreifachturnhalle der Ebersberger Realschule wird derzeit zurückgebaut. Von September an steht die Halle dann wieder für den Schul- und Breitensport zur Verfügung. Sollten in der Zukunft die Kapazitäten in der Kreisklinik einmal nicht mehr ausreichen, so wird es eine Lösung im Rahmen des Rettungszweckverbands mit Erding und Freising geben. Ein Großteil der Betten, die für das Hilfskrankenhaus angeschafft worden sind, sollen nach Erding transportiert werden, wo sie für die gemeinsame "Back-Up-Lösung" aufbewahrt werden.

Alle Maßnahmen, die wegen Corona erfolgen, belaufen sich bislang auf Kosten in Höhe von 4,09 Millionen Euro. Wie es bei einem Katastrophenfall üblich ist, muss der Kreis davon aller Voraussicht nach höchstens 20 Prozent übernehmen, also aktuell 818 000 Euro. Die größten Posten entfallen auf Personal, Dienst- und Schutzkleidung sowie Verbrauchsmaterial wie etwa Masken.

In welcher Höhe weitere Kosten auf den Kreis zukommen, kann im Landratsamt derzeit niemand abschätzen. Aber bei einer Sache war sich Landrat Niedergesäß sicher: "Das Thema wird uns noch längere Zeit begleiten - auch, wenn wir letzte Woche eine coronafreie Zeit mit null Infizierten hatten." Der Kreishaushalt wird wohl trotzdem noch mehr belastet als es bislang der Fall ist: Allein zwischen dem 17. Juni und dem 25. Juni, also innerhalb von einer guten Woche, ist der Eigenanteil an Kosten für den Kreis um 74 000 Euro gestiegen.

© SZ vom 01.07.2020

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