Corona im Landkreis:Jugendliche Pandemietreiber

Während die Infektionszahlen in Ebersberg insgesamt sinken, ist die Gruppe der unter 14-Jährigen überproportional betroffen. Mediziner appellieren an die Eltern, ihre Kinder impfen zu lassen.

Von Andreas Junkmann, Ebersberg

Vor allem Kinder und Jugendliche sollen sich an die Corona-Maßnahmen halten, um die älteren Mitbürger zu schützen - das war noch vor wenigen Monaten geltender Konsens in der Gesellschaft. Doch die Rolle der Jüngeren hat sich mit den zunehmenden Fortschritten bei der Impfung gewandelt. Plötzlich sind sie es, die sich mit dem Virus infizieren und die Krankheit weitertragen. Das geht nicht zuletzt aus den Zahlen hervor, die das Ebersberger Landratsamt zu Beginn dieser Woche veröffentlicht hat: Während die Infektionszahlen insgesamt eher sinken, ist die Gruppe der unter 14-Jährigen überproportional betroffen. Laut Gesundheitsamt werden in dieser Altersgruppe mittlerweile gut ein Drittel aller Neuinfektionen im Landkreis Ebersberg registriert.

Für den Zornedinger Mediziner Marc Block, der während des Corona-Katastrophenfalls vom Landrat als Versorgungsarzt bestellt war, kommt diese Entwicklung nicht weiter überraschend. Durch die Delta-Variante habe sich die Infektiosität des Virus nochmals erhöht. Nun treffe es eben vor allem diejenigen Bevölkerungsschichten, die noch nicht gegen Corona immunisiert sind. Block richtet deshalb einen klaren Appell an die Jugendlichen und deren Eltern im Landkreis: "Impfen, impfen, impfen."

Das klang im Frühjahr noch etwas anders. Damals hatte der Allgemeinmediziner in einem Schreiben an seine Ärztekollegen vor einer voreiligen Impfung der Jüngeren gewarnt. Eine Haltung, die Block heute ausdrücklich revidiert: Damals habe es noch keine Empfehlung der Ständigen Impfkommission gegeben, dass sich auch die Zwölf- bis 17-Jährigen ohne Bedenken immunisieren lassen können. "Darauf habe ich in dem Schreiben verwiesen", so Block. Die Politik sei dagegen bereits vorgeprescht. "Ich habe aber gesagt, man solle sich an die Wissenschaft halten." Erst nach deren ausdrücklicher Empfehlung habe er sich ebenfalls für die Impfung von Kindern und Jugendlichen ab zwölf Jahren aussprechen können, so Block.

Gerade dieser vermeintliche Schlingerkurs wird von Impfskeptikern gerne als Argument gegen die Immunisierung ihrer Kinder ins Feld geführt. Solcherlei Zweifel will Marc Block aber zerstreuen. Gerade in einer Pandemie gebe es laufend neue Erkenntnisse. "Man darf nicht auf alten Hüten beharren. So funktioniert Wissenschaft - und das ist auch gut so." Heute jedenfalls sei er definitiv dafür, dass sich auch Jüngere gegen das Coronavirus impfen lassen sollen.

Mit dieser Meinung steht Block nicht alleine da. Auch der Grafinger Kinderarzt Reiner Valentin spricht sich klar für eine Impfung von Kindern und Jugendlichen aus, dazu drängen dürfe man aber niemanden. "Der Wunsch muss vom Patienten kommen", so Valentin. Auch er sieht die aggressivere Delta-Variante als Grund dafür, warum sich nun auch vermehrt Jüngere mit dem Virus anstecken, wenngleich der Grafinger Mediziner einschränkt, dass seiner Erfahrung nach gerade bei kleinen Kindern nur sehr selten Infektionen auftreten. Eher seien aktuell die älteren Jugendlichen betroffen.

Um die Lage wieder in den Griff zu bekommen, legt auch Reiner Valentin allen Impfwilligen eine Immunisierung nahe. Gesundheitliche Bedenken müsse man jedenfalls keine haben: "Bisher haben bei uns alle die Impfung gut vertragen." Wichtig sei, dass endlich mit den Vorurteilen gegen die Corona-Spritze aufgeräumt werde. "Es sind zum Teil schon verrückte Dinge, die da erzählt werden", sagt Valentin etwa mit Blick auf Gerüchte, wonach Frauen nach einer Immunisierung nicht mehr schwanger werden können.

Schon etwas befremdlich findet es deshalb der Grafinger Kinderarzt, dass anfangs alle nach einer Impfung geschrien hätten, und nun kaum mehr jemand das Angebot wahrnehme.

Das lässt sich auch aus den aktuellen Zahlen des Ebersberger Landratsamtes vom Mittwoch ablesen. Demnach stagniert die Quote der vollständig Geimpften weiterhin bei knapp 60 Prozent - und liegt damit weiter unter dem Bundesdurchschnitt. Der Wert für die Sieben-Tage-Inzidenz liegt derweil bei 97,2. "Tendenziell ist er wieder am Ansteigen", schreibt das Landratsamt in einer Pressemitteilung, aus der ebenfalls hervorgeht, dass es zum Mittwoch in der Region 35 Neuinfektionen mit dem Coronavirus gegeben hat. Vor einer Woche waren lediglich elf neue Fälle.

Damit das Infektionsgeschehen nicht wieder an Fahrt aufnimmt, sind weiterhin mobile Impfteams in den Gemeinden unterwegs. Am Donnerstag, 23. September, hält der Impfbus von 9 bis 14 Uhr am Wochenmarkt beim Rathaus Egmating. Am Samstag, 25. September, kann man sich von 9.30 bis 17 Uhr am Parkplatz vor dem Edeka in Eglharting eine kostenlose Corona-Impfung geben lassen. Am Dienstag, 5. Oktober, bis einschließlich Donnerstag 7. Oktober, am Bürgerhaus Pliening jeweils von 9.30 bis 17 Uhr. Am Freitag, 8. Oktober, bis einschließlich Sonntag, 10. Oktober, in Landsham an der Kirchheimer Straße 9, ebenfalls von 9.30 bis 17 Uhr.

Wo immer der Impfbus steht, könne man sich ohne Terminvereinbarung kostenfrei impfen lassen, so das Landratsamt - unabhängig davon, in welcher Gemeinde man wohnt.

© SZ vom 23.09.2021
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