Die Zukunft liegt im Westen, jedenfalls jene des Bahnverkehrs zwischen Grafing-Bahnhof und der Landkreisgrenze. Die Deutsche Bahn hat am Donnerstag vier Varianten für einen Streckenneubau vorgestellt. Hintergrund ist die erwartete Zunahme des Zugverkehrs durch den Brenner-Basistunnel, zwei neue Gleise müssen dafür gebaut werden. Im Bereich Kirchseeon bis Grafing-Bahnhof laufen alle Neubaustrecken noch parallel zur Bestandstrasse. Ein Stück weiter südlich, kurz nach dem Gewerbegebiet Schammach, zweigen sie dann in unterschiedlich weiten Bögen davon ab. Kurz vor der Landkreisgrenze, etwa auf Höhe Ametsbichl, treffen alle Varianten wieder auf die existierende Bahnstrecke.
Ende der 2030er Jahre soll die Strecke fertig sein
Warum man sich für diese Varianten entschieden hat, erläuterten Bahn-Pressesprecherin Kathrin Kratzer, der Projektleiter für den Abschnitt Trudering-Großkarolinenfeld Dieter Müller und Gesamtprojektleiter Matthias Neumaier: Für den Fernverkehr vom und zum Brenner ist eine sogenannte "Flachbahnstrecke" geplant. Durch geringe Höhenunterschiede können längere Züge - bis zu einem Dreiviertelkilometer - mit höheren Geschwindigkeiten - bis zu 220 Kilometer pro Stunde - unterwegs sein. Allerdings nur, wenn auch die Kurven nicht zu eng sind - das ist der zweite Grund für die Neubaustrecke. Deren Fertigstellung erwartet man seitens der Bahn zwischen 2038 und 2040.
Die mit 16,9 Kilometer längste Variante schlägt einen weiten Bogen bis knapp östlich von Hohenthann auf Rosenheimer Gebiet. Südlich von Langkofen und Niclasreuth führt die Trasse wieder Richtung Bestand zurück. Insgesamt vier Brücken und zwei Tunnel wären hier nötig. Die zwei östlicheren Trassen haben je eine Länge von 15,6 Kilometer und einen ähnlichen Verlauf. Nach dem Schwenk nach Westen bei Schammach nähern sie sich südlich von Eisendorf beziehungsweise Pfadendorf wieder der Bestandsstrecke. Beide führen dann zwischen Lorenzenberg und Aßling weiter nach Süden, eine westlich und eine östlich des Gewerbegebietes Am Ölfeld. Für erstere müssten drei Brücken und ein Tunnel, für letztere zwei Brücken und drei Tunnel gebaut werden.
Auch wenn die Bahnvertreter auf das in den kommenden Monaten folgende Auswahlverfahren verwiesen, dürfte die mittlere Variante am vielversprechendsten sein. Bei einer virtuellen Bürgerbefragung im Sommer konnten Interessierte selbst Trassenvorschläge auf einem Streckeneditor erstellen. Insgesamt 202 sind eingegangen, die man geprüft habe, so Müller. Sämtliche Trassen östlich des Bestandes seien wegen zu dichter Wohnbebauung, aufgrund von Natur- und Wasserschutzgebieten sowie wegen zu wenig Platz für die Schnellfahrkurven durchgefallen. Von den umsetzbaren Vorschlägen habe ein großer Teil entlang der nun vorgestellten vierten Variante - 15,7 Kilometer lang und genannt Limone - gelegen.

Brenner-Nordzulauf:Die Bahn lässt Bürger zeichnen
Mit einem neuen Online-Programm können Menschen aus den Regionen Ebersberg und Rosenheim erstmals selbst den Gleisverlauf für den Brenner-Nordzulauf entwerfen. Die DB erklärt, jede Idee auf Tauglichkeit prüfen zu wollen.
Diese verläuft in einer leichten Kurve westlich an Eisendorf vorbei. Dort würde sie in einem Tunnel verschwinden und etwa auf Höhe Lorenzenberg wieder an die Oberfläche kommen. Von dort ginge es fast gerade Richtung Niclasreuth, den Ort passiert die Trasse im Westen. Eine kürzere und eine längere Brücke sind in diesem südlichen Bereich noch vorgesehen, zwischen Amets- und Kronbichl trifft die neue dann wieder auf die alte Strecke.
Aus der Politik kommt Kritik
Doch es regt sich auch Kritik: "Keiner Trassenvariante kann zugestimmt werden - Wir lehnen die Vorschläge in dieser Form ab!" Mit diesen Worten reagieren mehrere Politiker aus dem Landkreis auf die Pläne der Bahn. Unterzeichnet haben das Schreiben der Bundestagsabgeordnete Andreas Lenz und Landrat Robert Niedergesäß sowie die Landtagsabgeordneten Thomas Huber (alle CSU) und Doris Rauscher (SPD). Ebenfalls dabei sind die Bürgermeister von Aßling, Hans Fent, Baiern, Martin Riedl, Bruck, Josef Schwäbl, Emmering, Claudia Streu-Schütze, Frauenneuharting, Eduard Koch, Grafing, Christian Bauer, und Kirchseeon, Jan Paeplow.
Zentraler Kritikpunkt: "Leider hat es die DB Netz AG aber versäumt, auf die Vorschläge der Anrainergemeinden einzugehen." Diese fordern seit Jahren, die Bestandsstrecke auszubauen und die unbedingt nötigen Neubauten unterirdisch beziehungsweise eingehaust herzustellen. Stattdessen habe die Bahn Pläne vorgestellt, die "mit erheblichen Eingriffen in die Landschaft, großem Flächenverbrauch und vielen betroffenen Menschen verbunden und deshalb nicht akzeptabel" seien. "Eine neue Trasse muss im Tunnel oder direkt an der Bestandsstrecke liegen. Die geplanten Trassen durchschneiden ökologisch wertvolle Waldflächen bei Schammach und das Wasserschutzgebiet bei Oberelkofen."

Dass man weitgehend auf Tunnel verzichtet, erklärt man bei der Bahn mit den planerischen Anforderungen. "Wir sind angehalten, wirtschaftlich zu planen", so Neumaier, "ein durchgehender Tunnel wäre nicht genehmigungsfähig." Ebenfalls wohl nicht kommen werde eine komplette Einhausung der Strecke. Allerdings, so betont Müller, "es gilt Neubaustandard", es werde also mehr Lärmschutzmaßnahmen geben als an bestehenden Bahnlinien.
Auch dazu gibt es Kritik aus der Politik: "Der Lärmschutz an der Bestandsstrecke muss schnellstmöglich auf Neubaustandard erhöht werden. Der bis dato geplante Lärmschutz an der Bestandsstrecke ist nicht ausreichend." Als Lösung für beide Probleme erneuern die Politiker ihre Forderung nach einem Ausbau der bestehenden Strecke, was auch bedarfsgerecht sein könnte: "Vor dem Bau einer Neubaustrecke ist zunächst anhand einer Prognose für das im Jahr 2040 und darüber hinaus zu erwartende Verkehrsaufkommen eindeutig die Notwendigkeit nachzuweisen." Ebenfalls erneuert wird die Forderung nach einer Umgehung für den Bahnverkehr: Der Ostkorridor zwischen Rosenheim und Mühldorf müsse ausgebaut werden, "um den Knotenpunkt München entsprechend zu entlasten."
Mehr Informationen gibt es unter https://www.brennernordzulauf.eu/home.html . Bei einem Live-Infoabend werden unter dieser Adresse am Montag, 13. Dezember, von 18 bis 20 Uhr, vom Planungsteam der Bahn Fragen zum Projekt beantwortet.