Buchhandel in der KriseAbschied vom Buchladen in Baldham

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Noch hat Matthias Pickelmann jede Menge Bücher zu verkaufen, Ende Juli aber räumt er die Regale von AP Buch aus.
Noch hat Matthias Pickelmann jede Menge Bücher zu verkaufen, Ende Juli aber räumt er die Regale von AP Buch aus. Peter Hinz-Rosin
  • Der AP Buchladen in Baldham schließt nach 45 Jahren Ende Juli, weil Geschäftsführerin Margot Bartl früher als geplant in den Ruhestand geht und kein Nachfolger gefunden wird.
  • Mitinhaber Matthias Pickelmann führt die Schließung auf weniger Laufkundschaft, die allgemeine Krise des Einzelhandels und den Rückgang im Buchhandel durch Digitalisierung zurück.
  • Der 51-jährige Pickelmann bedauert besonders den Verlust der Stammkunden, die teilweise seit 17 Jahren kommen, freut sich aber darauf, beruflich etwas Neues anzufangen.
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Fast ein halbes Jahrhundert lang hat sich in Baldham eine Buchhandlung gehalten. Nun findet sich für die Geschäftsführerin keine Nachfolgerin mehr, weshalb der Mitinhaber den Laden schließt.

Von Alexandra Leuthner, Vaterstetten

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Unter dem hellen Vordach sind Postkartenständer aufgestellt, daneben ein Drehregal mit reduzierten Reiseführern und eine Box mit älteren Büchern, die aus der Preisbindung gefallen sind. Nichts deutet hier draußen darauf hin, dass der AP Buchladen vor dem Aus steht – außer vielleicht der auffällige Mangel an potenziellen Kunden, die durch die Ladenpassage flanieren könnten, in der er sich befindet. Trotz der guten Lage direkt beim Baldhamer Bahnhof verirren sich nur wenige Menschen hierher, was nicht nur, aber auch daran liegen mag, dass es an diesem Nachmittag nieselt – fast so, als sei schon wieder Herbst.

„Der Standort ist schwieriger geworden, es gibt immer weniger Leute, die hier vorbeikommen“, sagt Buchhändler Matthias Pickelmann. Man trifft ihn hinter der geschwungenen Kassentheke im Innern des Ladens, wo er gerade für eine Kundin eine Bestellung aus einem Regal heraussucht. Ja, Stammkunden habe er viele, vor allem ältere Menschen und Familien mit Kindern, doch die Laufkundschaft werde immer weniger. „Die Apotheke hat zugemacht, die Post nebenan nur noch ein paar Stunden am Nachmittag offen, auch die Boutique ist zu, und der Rewe hat sein Angebot reduziert“, fährt er fort. Es habe also nicht nur mit dem sich verändernden Leseverhalten zu tun, dass es der Buchhandlung nicht gut geht, sondern ebenso mit der allgemeinen Krise des Einzelhandels.

Dass die Geschäftsführerin Margot Bartl in den Ruhestand gehen würde, habe tatsächlich schon länger festgestanden, erzählt Pickelmann. Nun ist Bartl, die das Geschäft bis 2017 zusammen mit Pickelmanns Vater Alexander geführt hatte, zusätzlich erkrankt, und damit sei „alles viel schneller gegangen als geplant.“ Ende Juli schließt der Buchhändler zum letzten Mal die Ladentür hinter sich – „und damit eines der ältesten Geschäfte im Landkreis Ebersberg. Das habe ich zumindest so gehört“, sagt er.

1979 hatte Axel Bohnenkamp den Buchladen gegründet, Alexander Pickelmann übernahm ihn 2001, zusammen mit Margot Bartl, die zuvor bereits mit ihm in der akademischen Versandbuchhandlung in Sendling gearbeitet hatte. Von dort habe sein Vater zahlreiche Kontakte mitgebracht, erzählt Matthias Pickelmann. Die Belieferung von Fachbuchhandlungen ist bis heute ein Standbein der Buchhandlung und fand im auf AP Buch abgekürzten Namen „Akademisch-Pädagogischer Buchdienst München“ ihren Niederschlag. So gehört neben den Bibliotheken der Münchner Universitäten und der Bayerischen Staatsbibliothek seit 17 Jahren die Sanitätsakademie der Bundeswehr zu den Kunden des Baldhamer Geschäfts. Ein Kontakt, der Pickelmann – so hofft er – im Anschluss an seine Zeit im Buchladen ein anderes Auskommen ermöglichen könnte.

2009 habe er in Baldham die Ausbildung zum Buchhändler gemacht, erzählt er, nicht nur der Vater, auch die Mutter habe schon in der Branche gearbeitet. 2017 übernahm er die Anteile des Vaters an AP Buch. Als sich im vergangenen Jahr das Ausscheiden von Geschäftsführerin Bartl abzeichnete, habe er noch mit dem Gedanken gespielt, den Laden alleine weiterzuführen, und sogar eine Suchanzeige im Börsenblatt geschaltet, um einen neuen Partner zu finden – ohne Erfolg. Der Eigentümer wolle den Laden mit seinen 85 Quadratmetern nun verkaufen, ebenso wie die benachbarte Fläche der Postfiliale. Der Mietvertrag ist schon gekündigt und endet zum 31. August.

„So gern ich den Job mache – die Aussichten sind nicht besonders gut.“

„So wie die aktuelle Lage im Buchhandel ist, ist ein Weitermachen aussichtslos.“ Sowohl die Belieferung des Fachbuchhandels als auch das Privatkundengeschäft seien in den vergangenen Jahren immer weiter zurückgegangen, resümiert Pickelmann, auch die Universitätsbibliotheken verwendeten zunehmend digitale Medien, „immer mehr geht online, über E-Books und Datenbanken.“ Auf der anderen Seite gebe es zwar immer noch lesende Menschen, doch insbesondere angesichts der aktuellen politischen Situation überlegten sich viel genau, wo sie sparen können. „So gern ich den Job mache – die Aussichten sind einfach nicht besonders gut.“ Pickelmann hebt die Schultern: „Und ich bin 51, jetzt geht es gerade noch, etwas anderes anzufangen.“

Die eine oder andere Lücke in den Regalen ist schon jetzt nicht mehr zu übersehen. Im Juli, dem letzten Monat vor der Schließung, darf Pickelmann laut Gesetz dann die Preise senken und mit dem endgültigen Abverkauf beginnen. Politische Bücher, Romane, Werke zur Zeitgeschichte, Biografien, eine sehr große Abteilung mit Reiseführern und eine noch größere mit Kinderbüchern werden dann so weit wie möglich geräumt. „Die gängigsten Sachen habe ich bis dahin schon noch da, alles andere kann ich den Kunden natürlich weiterhin bestellen“, sagt er bei einer Tasse Kaffee. Vom Tisch am Schaufenster springt er hin und wieder auf, weil das Telefon läutet oder jemand auf der Suche nach einem Buch in den Laden kommt, und beinahe jeder hat schon davon gehört, dass es hier zu Ende geht. Sätze wie „Das ist ja schade“, und „Stimmt das wirklich?“ sind zu hören.

„Das mit den Stammkunden tut mir am meisten weh“, sagt Pickelmann, zurück am Tisch. „Da sind manche dabei, die seit 17 Jahren kommen – manche, die schon als Kind hier waren oder als Schülerpraktikanten hier gearbeitet haben.“ Buchhändler sei wirklich ein toller Beruf, aber „viel Geld bleibt natürlich nicht übrig.“ „Ich persönlich freue mich darauf, etwas anderes zu tun, in dem ich mich nicht dauernd sorgen muss, genug Umsatz zu machen.“

Den Verlust von über 600 Buchhandlungen seit 2018 beklagt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels. AP Buch in Baldham ist nun die nächste, die aus den Verzeichnissen fällt.

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