Armut im Landkreis Ebersberg:"Um mithalten zu können, ist eine immer höhere Kaufkraft nötig"

Lesezeit: 5 min

Armut im Landkreis Ebersberg: Alleinerziehende leben besonders oft am Rande des Existenzminimums. Die explodierenden Energiekosten werden nun vermutlich alles noch viel schlimmer machen.

Alleinerziehende leben besonders oft am Rande des Existenzminimums. Die explodierenden Energiekosten werden nun vermutlich alles noch viel schlimmer machen.

(Foto: Ute Grabowsky/IMAGO/photothek)

Ebersberger Fachleute geben Einblick in eine sonst oft verborgene Welt, nämlich jene der Abgehängten, wo Ausgrenzung, Scham, Überforderung und Einsamkeit grassieren. Und nun kommt noch die Sorge vor einem kalten Winter hinzu.

Von Anja Blum, Ebersberg

Rein statistisch gesehen, ist Armut im Landkreis kein Thema: Bayern hat im bundesweiten Vergleich Bestnoten, und Ebersberg innerhalb des Freistaats ebenfalls. Doch genau hierin liegt das Problem, denn arm zu sein unter Wohlhabenden - das ist besonders schlimm. Darin waren sich am Mittwochabend bei einer Gesprächsrunde alle Fachleute einig. Besonders alarmierend aber war, dass keiner der vier auf dem Podium sagen konnte, was nun, angesichts der astronomischen Energiepreise, noch auf die Bevölkerung des Landkreises zukommen wird. Geschweige denn, was in einer solchen Lage zu tun wäre.

Zur Diskussion eingeladen hatte die evangelische Gemeinde Ebersberg, der Titel des Abends in der Reihe "Horizonte" lautete: "Armut auch im Landkreis Ebersberg - das geht uns alle an!" Ein schwieriges Thema also, das erwartungsgemäß nicht allzu viele Menschen in das Gemeindehaus zog. Dabei wäre ein Besuch durchaus lohnend gewesen, gaben die Fachleute doch höchst konkrete Einblicke in eine Welt, die in diesem reichen Landkreis sonst so oft im Verborgenen bleibt. Jochen Specht vom Landratsamt steuerte behördliche Erkenntnisse bei, Liane Spiegelberg von der Diakonie Rosenheim berichtete von den Nöten der zahlreichen Tafel-Kundschaft in Ebersberg, Ulrike Bittner, Geschäftsführerin der Landkreis-Awo, leuchtete anhand ihrer Erfahrungen die immense Dunkelziffer der Bedürftigen aus und Gerhard Größ, ebenfalls von der Diakonie, widmete sich "der krassesten Form der Armut", der Obdachlosigkeit.

Armut im Landkreis Ebersberg: Jochen Specht ist im Landratsamt Ebersberg zuständig für Demografie und Sozialplanung.

Jochen Specht ist im Landratsamt Ebersberg zuständig für Demografie und Sozialplanung.

(Foto: Christian Endt)
Armut im Landkreis Ebersberg: Liane Spiegelberg von der Diakonie Rosenheim leitet die Tafel in Ebersberg.

Liane Spiegelberg von der Diakonie Rosenheim leitet die Tafel in Ebersberg.

(Foto: Christian Endt)
Armut im Landkreis Ebersberg: Ulrike Bittner ist Kreisgeschäftsführerin der AWO.

Ulrike Bittner ist Kreisgeschäftsführerin der AWO.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Um trotz der positiven Statistiken die Lage adäquat zu erfassen, hat ein Expertengremium bereits 2019 eine für den Landkreis spezifische Definition von Armut erstellt. Ihr zufolge wird "Armut im Wesentlichen als ein Mangel an Mitteln und Möglichkeiten verstanden, das Leben so zu zu gestalten, wie es im Landkreis Ebersberg üblicherweise möglich ist". Sprich: Wer sich als einziger keinen Restaurant- oder Kinobesuch leisten kann und deshalb den sozialen Rückzug antreten muss, der ist arm.

Armut im Landkreis Ebersberg: Diskussionsrunde im evangelischen Gemeindehaus Ebersberg zum Thema Armut im Landkreis mit (von links) Jochen Specht (Landratsamt), Ulrike Bittner (Awo), Liane Spiegelberg und Gerhard Größ (beide Diakonie Rosenheim).

Diskussionsrunde im evangelischen Gemeindehaus Ebersberg zum Thema Armut im Landkreis mit (von links) Jochen Specht (Landratsamt), Ulrike Bittner (Awo), Liane Spiegelberg und Gerhard Größ (beide Diakonie Rosenheim).

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Davon betroffen sind vor allem Alleinerziehende, Kinder und Rentner - in zunehmender Zahl. "Denn um mithalten zu können, ist eine immer höhere Kaufkraft nötig", sagte Specht, Leiter der Abteilung Sozialplanung und Demografie am Landratsamt. Und angesichts der aktuellen Krise stehe freilich zu befürchten, dass nun ganz neue Schichten in Nöte gerieten, ergänzte der Hausherr, Pfarrer Edzard Everts. Befeuern wird dies freilich ein bereits jetzt großes Problem: den Fachkräftemangel gerade in der Pflege und der Kinderbetreuung, was wiederum die Armen besonders hart trifft.

Die Lebenshaltungskosten im Landkreis Ebersberg gehören bayernweit zu den höchsten

Das ist die Schattenseite der viel gerühmten Lebensqualität: Der Landkreis ist, vor allem was die Wohnkosten betrifft, eine der teuersten Regionen Bayerns. 2021 zählte das Landratsamt im Hartz-4-Bereich 725 Kinder und Jugendliche - "das sind eigentlich 725 zu viel", mahnte Specht. Und hinzu kämen zahlreiche Familien, die zwar keinen Anspruch auf staatliche Leistungen hätten, aber trotzdem nicht über genügend finanzielle Ressourcen verfügten. "Manche bekommen einfach keine Unterstützung, nur weil sie ein paar Euro zu viel verdienen", sagte Bittner.

Doch um Geld alleine geht es bei Armut nicht, auch das machte der Abend deutlich. Denn hinzu kommen meist Ausgrenzung, Scham, Überforderung und Einsamkeit. Vor allem die Alleinerziehenden stünden wegen ihres riesigen Organisationsaufwands derart unter Druck - "die ziehen sich total zurück und klappen uns irgendwann einfach zusammen", so Bittner. Gerade aus dem Kita-Bereich wusste die Awo-Chefin viele Beispiele für die Folgen von Armut zu benennen: Kinder etwa, die immer an ihrem Geburtstag daheim geblieben seien, weil die Familien nicht Brezn und Süßes für alle hätten spendieren können. "Deswegen haben wir diesen Hype eingebremst, der Kuchen wird jetzt von den Kindern und Erzieherinnen vor Ort gebacken." Aus dem gleichen Grund habe man die Art der Ausflüge verändert: Inzwischen erkundeten die Kinder die nähere Umgebung, anstatt das Legoland. Auch die Abbuchung der Gebühren habe die Awo verlagert, sie finde nun über die Geschäftsstelle statt. "Es ist einfach nicht gut, wenn das Team weiß, bei wem es gerade eng ist."

Weihnachtswunsch Haarfärbemittel: Auch die Altersarmut nimmt zu

Von viel Scham wusste auch Spiegelberg zu berichten. "Wir haben einen älteren Herrn, der fährt extra aus einer anderen Gemeinde zu uns, damit niemand mitbekommt, dass er Tafelkunde ist." Und wie weit es bei diesen Menschen oft fehle, hätten die bescheidenen Weihnachtswünsche der Senioren gezeigt: "Da standen Sachen drauf wie Weichspüler, Kaffee oder Haarfärbemittel." Die Zahl der Tafelgänger in der Kreisstadt ist zuletzt übrigens auch extrem gestiegen, von rund 160 Personen 2021 auf etwa 450, wegen des Ukraine-Kriegs. Doch nicht nur Geflüchtete seien unter den Kunden, so Spiegelberg, sondern auch Arbeitslose, Geringverdiener, Verschuldete, Rentner, physisch und psychisch Erkrankte.

Probleme, die in vielen Fällen leider miteinander einhergehen. Größ von der Wohnungsnotfallhilfe sprach von "sehr vielen Menschen mit multiplen Vermittlungshemmnissen", die eigentlich keine Chance hätten auf Verbesserung ihrer Lebensumstände. Und auch in anderen, weniger gravierenden Fällen könne es Jahre dauern, eine Sozialwohnung zu bekommen. Deswegen sieht Größ hier großen Handlungsbedarf, es müsse dringend mehr günstiger Wohnraum geschaffen werden. "Das muss doch gehen, in so einem reichen Landkreis!"

Manche flüchten sich in den Alkohol, was die Probleme nur noch verschlimmert

Bei Größ in der Herberge landet die Spitze des Eisbergs, Menschen ohne Wohnung, denen es nicht nur an Geld mangelt, sondern "an einer zweiten Haut, an einem Schutzraum". Außerdem gebe es oft Probleme mit Alkohol und in der Folge auch mit der Psyche. "Das sind meist schwierige, lästige Menschen, und deswegen bei den Behörden nicht sonderlich beliebt", so Größ, der den Gestrandeten hilft, ihre Rechte durchzusetzen. Ihre Zahl schätzt er landkreisweit auf etwa 300.

Doch Größ unterstützt nicht nur Menschen, die bereits auf der Straße gelandet sind, sondern auch solche, denen ein Verlust der Wohnung droht. "Wer nicht mehr zahlen kann, wer eine Mahnung bekommt oder sogar schon eine Kündigung: Bitte sofort zu uns kommen!" Denn Mietschulden ließen sich oftmals über staatliche Hilfen begleichen - und selbst ein großer Stapel ungeöffneter gelber Briefe könne ihn nicht schrecken. Momentan liege die Zahl der Fälle der Ebersberger Wohnungsnotfallhilfe, bei denen bereits eine Kündigung vorliege, bei etwa 250 pro Jahr.

Es herrscht also durchaus auch im Landkreis Armut - und was lässt sich dagegen tun? Klar wurde, dass es viele Bedürftige gibt, die alleine nicht zurechtkommen im Dschungel der Bürokratie und der vielgestaltigen Hilfen. Deswegen brauche es dringend mehr Vermittlungsinstanzen. Und man müsse den Menschen deutlich machen, dass die staatlichen Gelder keine Almosen seien: "Die Betroffenen sollen von ihrem Recht auf Hilfe Gebrauch machen, sie nehmen niemandem etwas weg!", so Specht.

Wichtig sei, hinzuschauen und zu helfen, wenn jemand in Not gerate

Es gebe in Ebersberg viele aufmerksame, großzügige Menschen, sagte Bittner, und die Awo freue sich über jede unbürokratische Spende. Darüber hinaus seien aber alle gefragt - "allein genau hinzuschauen, etwa in der Nachbarschaft, hilft oft schon viel". Denn im persönlichen Kontakt ließen sich die meisten Probleme am besten lösen. "Es braucht Vertrauen, um die Hosen runterzulassen." Wenn zum Beispiel ein Rentner das "Essen auf Rädern" plötzlich nur noch an drei Tagen bestelle, anstatt an fünf, so frage man vorsichtig nach. Und meist werde das Angebot, die zwei anderen Lieferungen künftig per Spende zu finanzieren, dankend angenommen.

Im evangelischen Gemeindesaal übrigens war es an dem Abend recht kühl. "Wir haben die Heizung noch nicht angemacht, denn auch auf uns werden Kosten zukommen, die wir eigentlich nicht stemmen können", erklärte Everts. Doch zusperren sei keine Option, denn in dem Haus träfen sich Jugendliche wie Senioren. "Deswegen spiele ich mit dem Gedanken, den Saal diesen Winter in eine Wärmestube zu verwandeln. Das wäre ein konkretes Projekt, mit dem man helfen könnte."

Außerdem überraschte der Pfarrer die Gäste mit einer persönlichen Offenbarung: Auch er habe einige Zeit mit seiner Familie am Existenzminimum gelebt, zu viert von 1600 Euro netto. "Ich wollte in Teilzeit sein, die Kinder waren mir wichtiger." An eine Aufstockung per Jobcenter habe er damals gar nicht gedacht. Doch insofern wisse er sehr gut, dass die Klage über das ständig zunehmende Anspruchsdenken nur auf einen Teil der Bevölkerung zutreffe. "Sich zurücknehmen kann man nur, wenn noch etwas Luft ist bis zur Wand."

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