
Wie ist Arkadien? Gaston Florin sagt: wie viele kleine Momente, lauter Papierschnipsel, die zusammen auf magische Weise ein wunderbares Ganzes, etwas Neues, ergeben. In Gastons "Modell": ein Blatt Papier. Für den Zauberer eine seiner leichtesten Übungen. Nur ein wenig Wind habe es gebraucht, um all diese Schnipsel über ganz Ebersberg zu verteilen, so der Moderator. Und schon schwenkt er einen schwarzen Fächer und lässt zahllose weiße Flöckchen aus seiner Hand über die Bühne wirbeln. Was für ein schönes Bild - zumal vor einmaliger Kulisse: Die mobile Bühne des "Kultursommers im Landkreis Ebersberg" steht an diesem Abend neben dem Meta Theater in Moosach, vor einem durch und durch grünen Tal. Man könnte sagen: mitten in der Idylle von Arkadien.

Seit Anfang Mai war Ebersberg arkadisches Hoheitsgebiet, eine friedliche Übernahme der Kreisstadt durch die Kunst, sichtbar auf Straßen, Plätzen und Wiesen. Ziel war es, die Menschen zu konfrontieren mit kreativen Beiträgen, die unsere Lebensweise hinterfragen. Die irritieren, verstören, zum Nachdenken oder zum Lachen anregen. Die Fragen stellen und Ausrufezeichen setzen, vielleicht einen Weg weisen in eine bessere Zukunft. Am Wochenende nun ist das zweite Arkadien-Festival zu Ende gegangen, erstmals mit Veranstaltungen im üblichen Rahmen, mit Bühne und Publikum. Zuvor nämlich hatten die Macher vor allem auf Interventionen im öffentlichen Raum gesetzt, der unkalkulierbaren pandemischen Widrigkeiten wegen. Mit Kunst, die sich im Vorbeigehen antizipieren ließ, vermied man Menschenaufläufe - und erreichte zugleich ein viel größeres Publikum als bei der ersten Ausgabe 2019, die sich vornehmlich in der Galerie des Ebersberger Kunstvereins abgespielt hatte. Das aber bedeutet auch, dass das Programm diesmal viel stärker der Kritik ausgesetzt war - zahllose Anfragen und Beschwerden bei Ämtern und Polizei zeugen davon. Doch egal, wie man zu Arkadien steht, gewiss ist: Dieses Festival sucht in der Region seinesgleichen.
Der Preis
Etwa 130 Künstlerinnen und Künstler, regionale wie internationale, hatten sich für eine Teilnahme an dem Festival beworben, die Jury bestand aus dem Initiator Peter Kees, Frenzy Höhne, Künstlerin aus Leipzig, Luci Ott vom Ebersberger Kunstverein, Hans Winkler, Künstler aus Berlin, sowie der Kulturbeobachterin Tine Neumann, ebenfalls aus Berlin. Diese fünf Juroren wählten für Arkadien 2021 etwas mehr als 20 Teilnehmende aus und entwarfen so ein so umfang- wie abwechslungsreiches Programm. Insofern war freilich allein schon das Dabeisein eine Auszeichnung - doch es sollte obendrein eine dezidierte geben, den mit 2000 Euro dotierten Kunstpreis der Stadt Ebersberg nämlich.
Die Verleihung dessen am Sonntagabend allerdings bringt eine Überraschung mit sich: In Arkadien, diesem alten Sehnsuchtsort, gebe es keinen Wettbewerb, sagt Festivalleiter Peter Kees, vielmehr träume die Jury von einem Land, in dem Kunstschaffende angemessen für ihre Arbeit entlohnt würden. Außerdem sei in diesen schwierigen Zeiten Solidarität ohnehin das oberste Gebot. "Daher haben wir gemeinsam beschlossen, das Preisgeld gerecht auf alle beteiligten Künstlerinnen und Künstler zu verteilen", erklärt Kees - und erntet reichlich Applaus für diese zutiefst arkadische Wendung.
Die Bilanz
Doch nicht nur um den Kunstpreis geht es beim Finale am Sonntag in Moosach, sondern auch um eine Bilanz - die wohl nicht besser hätte ausfallen können: Alle Hoffnungen hätten sich absolut erfüllt, ist sich die Jury im Gespräch auf der Bühne einig. Dabei war das Festival mit allerhand Ungewissheiten gestartet, wie der Rückblick zeigt: Schon die Auswahl der Teilnehmenden via digitaler Bewerbungen sei eine Herausforderung gewesen, so Kees - und habe sich doch als wunderbar gelungen erwiesen. "Das Programm war eine tolle Mischung von poetisch bis provokant", lobt Neumann, und Winkler befindet, die Eingriffe in den öffentlichen Raum hätten stets einen Nerv getroffen. "Sie haben die Stimmung wiedergegeben."
Hinzu kamen freilich die pandemischen Unwägbarkeiten: Was würde wann funktionieren, was überhaupt erlaubt sein? Im Mai seien ja noch gar keine Veranstaltungen oder Ausstellungen möglich gewesen, erinnert Kees, "da haben wie also ganz subversiv begonnen" - der Unterstützung aus Rathaus und Landratsamt in Ebersberg sei Dank. Aber auch später sei, trotz aller Unsicherheiten, "der Plan sehr gut aufgegangen", so Ott. Und wo das Virus tatsächlich den Spielverderber gab, indem es etwa die Einreise zweier englischer Künstler verhinderte, da habe man sehr schöne Kompromisse gefunden - in diesem Fall arkadisches Radio aus Cornwall.
Sehr zufrieden zeigen sich die Festivalmacher auch mit der Resonanz - obwohl viel positives Feedback des Publikums im öffentlichen Raum freilich nur vermutet werden kann. "Die Menschen melden sich ja leider meist nur zu Wort, wenn sie was zu meckern haben", bemerkt Höhne. Trotzdem: Man habe viel mediale Aufmerksamkeit erregen können, weit über die Region hinaus, konstatieren die Juroren, zuletzt hat sogar Die Zeit das Skandälchen um die "Innehaltestelle" und den "Entschleunigten Parkplatz" in Ebersberg aufgegriffen. Zur Erinnerung: Die Verkehrsbehörde hatte kurz vor Festivalschluss wegen Amtsanmaßung und anderer strafrechtlicher Verstöße die Entfernung der beiden Installationen verlangt.
Doch da die Provokation ausdrücklich zum Konzept von Arkadien gehört, kam Kees und Co. diese humorlose "Amtshandlung" gerade recht, man deutete das behördliche Schreiben als endgültigen Ritterschlag für das Festival. Überhaupt ist das eine der zahlreichen Erkenntnisse aus Arkadien Nummer zwei: Wie leicht sich die Menschen irritieren lassen durch Kunst, die letztendlich harmlos ist. Es sind offenbar weder Blutbäder, noch Hakenkreuze (man denke an den Moosacher Otto Dressler) oder schlimme Geschmacklosigkeiten nötig, um für Wirbel zu sorgen. Ein paar seltsame Fahnen vor dem Landratsamt, angemalte Pflanzen rund um den Klostersee oder ein Parkplatz, der die übliche Gebührenordnung auf den Kopf stellt, genügen völlig. Bekomme ich jetzt einen Strafzettel? Oder doch den Gratis-Kaffee?
"Ich war anfangs sehr gespannt, welche Programmpunkte Ärger machen würden", erzählt denn auch Ebersbergs Bürgermeister Uli Proske, er sei dem Provokationspotenzial aber gelassen gegenüber gestanden. "Egal, das machen wir jetzt einfach." Dann zählt er auf: Das Lichthaus auf der Wiese am Waldrand, die Eiszapfen im Klosterbauhof, die rätselhaften Plakate überall: Vieles habe zu besorgt-erzürnten Anrufen im Rathaus geführt. "Aber für mich war das eine sehr spannende Zeit", so Proskes Fazit, "gerne jederzeit wieder!"
Ja, die Themen, die Arkadien aufgegriffen hat, waren vielfältig und relevant, es ging um den Klimawandel, um Mobilität, um Konsum und oftmals um unseren Umgang mit Lebenszeit. Manches kam kritisch daher, vieles humorvoll, anderes eher rätselhaft. Die Kunst war in den vergangenen Wochen höchst präsent in Ebersberg - doch ohne sich aufzudrängen. Wer schauen, staunen, lachen, fragen, nachdenken oder sich aufregen wollte, war herzlich eingeladen. Viele Künstlerinnen und Künstler konnte man bei ihren Performances beobachten oder sich sogar an ihren Aktionen beteiligen. Oft war es erklärtes Ziel, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, sei es an der Trafo-Bar oder beim Tee im Bushäuschen. Manche Passanten gingen aber auch achtlos vorbei an den Objekten und Installationen. Vermutlich aus Desinteresse. Möglicherweise jedoch macht es auch Angst, wenn die gewohnte Kulisse plötzlich Risse bekommt, wenn die Kunst ungefragt in unseren Alltag hineinplatzt. Nach dem Motto: "Was macht der denn da? Ist der irre?"
Die Hoffnung der Festivalmacher vom Kunstverein ist nun freilich, dass Arkadien nachwirkt. Dass das Programm Früchte treibt in Köpfen und Herzen, dass es inspiriert, vielleicht sogar dazu animiert, im eigenen Leben eine leichte Kurskorrektur vorzunehmen. Was stand nochmal auf den Plakaten in der ganzen Stadt? "Erkunde das Unbekannte".

Der Ausklang
Dass diese Hoffnung auf arkadische Nachbeben durchaus berechtigt ist, zeigt sich in Moosach gleich im Anschluss, bei einer Veranstaltung des Kultursommers: "Magie und Musik - Tango und andere Köstlichkeiten", dargeboten von Gaston Florin, Maria Reiter am Akkordeon und Heinrich Klug am Cello. Da nämlich greift der Zauberer das Thema "Lebenszeit" gleich wieder auf - und setzt es mit weißem Sand auf seine magische Art und Weise in Szene: Erst lässt er ihn unaufhörlich durch seine Hände rieseln - oh je, die Zeit verrinnt! Wie kann man sie aufhalten? Dann wieder ist der Sand plötzlich weg - wo ist sie bloß hin, die ganze Zeit? "Verstreichen lassen ist leicht, genießen ist schwer", sagt Gaston weise - und lässt das gebannte Publikum in Bachs berühmtem "Air" versinken.
Zu der Idee, Magie und Musik auf diese Weise zu verbinden, kann man diesen drei Künstlern nur gratulieren. Mit Tango, vor allem von Astor Piazzolla, und so manch klassischem Intermezzo liefern Klug und Reiter einfach den perfekten Soundtrack zu Gastons berückender Kunst, mal schwermütig-sehnsüchtig, mal lautmalerisch, mal hingetupft, mal elegisch, mal leidenschaftlich-temporeich. Es ist eine expressive Zwiesprache, die die beiden Instrumentalisten da halten, spielend, streichend, zupfend, klopfend. Die helle Freude an der kleinen, hübschen Melodie und am treibenden Rhythmus vereint Reiter und Klug - und macht das Duo zwischenrein auch ohne Gaston zum Erlebnis. Nur gegen Ende haben die Musiker etwas mit den Open-Air-Bedingungen, sprich: der Feuchtigkeit, zu kämpfen. Der Bogen ist schlaff, die Bässe klemmen. Trotzdem führen Reiter und Klug den Abend in ein furioses Finale á la Improvisationstheater.

Der Magier wiederum verzaubert das Publikum mit Bällen, Bechern, Karten, Tüchern und vielem mehr, ein absoluter Profi und Herz-Bube, der seine Zuschauer schmunzeln und staunen lässt. Denn die Gesetze der Natur, sie scheinen unter Gastons Händen schlicht nicht zu gelten. Dass er obendrein ein klasse Schauspieler ist, beweist der Brucker mit seiner Verwandlung in Jacqueline, Gastons weibliches Alter Ego quasi. Mit Perücke, High Heels und Kleid ändern sich auch Sprache, Gestik und Mimik komplett - aber zaubern, das kann auch Jacqueline. Vor allem die silbernen Ringe um den Arm stehen ihr ganz fantastisch. Und als dieses Prachtweib dann auch noch zu Erich Kästners "Abendlied des Kammervirtuosen" die weißen Haare des Cellisten durchwühlt, kennt die Freude des Publikums schier keine Grenzen mehr. Die Zugabe wiederum setzt mit Hildegard Knef einen eher nachdenklichen Schlusspunkt: "Illusionen, Illusionen sind das Schönste auf der Welt", singt Jacqueline. "Nur nicht denken, sich verschenken, denn wer weiß, wer weiß, wo ich schon morgen bin." In Arkadien vielleicht, wer weiß.