Kunstverein Ebersberg Große Werke, kleine Schätze

Anna Wesely (links) freut sich über den dritten Preis bei der Mitgliederausstellung des Ebersberger Kunstvereins. Karin Nahr aus Glonn überzeugt mit ihrem künstlerischen Eindruck eines oberfränkischen Dorfes.

(Foto: Christian Endt)

Weil der Kunstverein das Format der Exponate begrenzte, können bei der Mitgliederausstellung 319 Bilder gezeigt werden. Den Publikumspreis erhält die Glonner Künstlerin Karin Nahr

Von Franziska Langhammer, Ebersberg

Manche Kunstwerke finden erst im Zusammenspiel ihre Vollständigkeit. Deswegen war Karin Nahr anfangs gar nicht begeistert davon, dass ihre als Triptychon konzipierten Gemälde nicht nebeneinander hingen, sondern eines an einer anderen Wand angebracht war. Der Wirkung der drei Wachsgravuren tat dies jedoch keinen Abbruch: Die Glonner Künstlerin gewann den diesjährigen mit 1000 Euro dotierten Publikumspreis bei der Mitglieder-Ausstellung des Kunstvereins Ebersberg. Den zweiten Platz belegte Jutta Elschleger aus Forstinning mit kleinformatigen Akrylbildern, Platz drei ging an Anna Wesely für ein atmosphärisches Ölbild. Gesponsert wurden die Preise von der Sparda Bank München und der Firma Boesner aus Forstinning.

Bereits voriges Jahr war Karin Nahr mit dem dritten Platz des Publikumspreises ausgezeichnet worden, damals für eine Komposition über Löwenzahn. Dieses Jahr widmete sich die aus Nürnberg stammende Künstlerin dem Städtchen Betzenstein in Oberfranken, wo sie im Sommer eine Woche lang Urlaub gemacht hatte. "Dieser Ort hat etwas Verlassenes, Altertümliches", findet Nahr. Die drei Gemälde zeigen Gebäude im Fachwerkstil, zerfallene Bauernhöfe sowie eine einsame Straße, die an verschachtelten Häusern und bröckelnden Fassaden vorbeiführt; ein Kirchturm ragt im Hintergrund auf. Die Szenerie mutet - nicht zuletzt, weil konsequent in Schwarz-Weiß gehalten - beinah mittelalterlich an. Die Zeit scheint still zu stehen in diesem verschlafenen Örtchen, in dem sich keine Menschenseele blicken lässt. Den ländlichen Charakter des Dargestellten durchdringt eine nostalgische Atmosphäre, die durch die Leere und scheinbare Leblosigkeit des Ortes noch verstärkt wird.

"Das Motiv ist eher nur Anlass", sagt Karin Nahr über ihre Arbeit, "die Ruhe und das Schlichte der Stadt haben mir gefallen."

Angewandt hat sie bei der Umsetzung keine klassische Technik: Mit einer Radiernadel kratzte sie die Konturen in eine Leinwand, die mit Paraffinwachs überzogen ist. Nahr, die unter anderem als Lehrerin für Kunsterziehung an Hauptschulen tätig war, arbeitet seit 2009 als freischaffende Künstlerin in ihrem Atelier in Glonn.

Bei der Ausstellung, die dieses Jahr unter dem Motto "Alles hängt mit allem zusammen" stand, präsentierten 106 Teilnehmer 319 Werke. Jedes Mitglied konnte einreichen; einzige Vorgabe: Die Kunstwerke durften die Größe von 1,50 Meter im Quadrat nicht überschreiten. "Normalerweise stellen wir viele große Bilder aus", sagt Martina Brenner vom Vorstand des Kunstvereins, "aber so zeigen wir diesmal mehr kleine Werke." Das Anordnen gestaltete sich als Herausforderung: "Wir haben zu sechst drei Tage lang aufgehängt", erzählt Brenner, "die Einreichungen waren sehr vielseitig, und wir wollten sie als Gesamtkunstwerk arrangieren." Fast alle der Werke sind verkäuflich; nur manchmal hängen die Künstler so an ihrer Arbeit, dass sie sie lieber wieder mit nach Hause nehmen.

So geht es etwa auch Rebecca Winhart mit ihrem Porträt auf Holz, das sie trotz Interesse mehrerer potenzieller Käufer selbst behalten möchte. Sie ist mit 26 Jahren eine der jüngsten Ausstellenden; Thema ihrer Arbeit sind Flüchtlinge. Auf ein großflächiges Holzbrett hat Winhart mit Öl und Akryl das Gesicht einer jungen Frau gezaubert, die mit großen Augen am Betrachter vorbeischaut. Ihr Blick ist rätselhaft, nicht zu deuten, und doch spricht er Bände. Auch das Material des Werks hat seine Geschichte. Ein Schreiner, erzählt Winhart, habe seine Firma aufgelöst: "Er hatte einige Schätze aus Holz übrig." Das Bild gehört zu einer Serie von Porträtmalerei auf Brettern in ähnlichem Stil.

Die Ebersberger Bildhauerin Silvia Di Natale präsentierte ebenfalls ein Werk aus Holz. Der morsche Apfelbaum des Nachbarn musste gefällt werden - und Di Natale schuf mit einer elektrischen Kettensäge aus dem hohlen Baumstamm ein Kollektiv von dynamischen Figuren. "Es sagt viel über unser Leben aus", so Di Natale, "die Menschen sind getrieben von einem gierigen Reißen, aber innen sind sie hohl". Di Natale schaffte es mit ihrer Skulptur unter die zehn beliebtesten Kunstwerke.

Abstimmen über die Werkschau durften alle Besucher; jeweils vier Stimmen konnten abgeben werden. Insgesamt 770 Kunstinteressierte zog die Mitgliederausstellung dieses Jahr an, die mit der Verleihung des Publikumspreises endete.