Preise Kunstverein Ebersberg zeichnet einen Berliner und einen Holländer aus

Zum Abschluss des Festivals gibt es zwei glückliche Gewinner. Einer von ihnen wohnt in seinem Kunstwerk.

Von Michaela Pelz, Ebersberg

"Da liegt mein Rock!" freut sich eine Ebersbergerin. Wie viele andere hat sie Kleidung von mehr oder weniger großem Erinnerungswert an die Künstlerin Gisela Heide gespendet, für eine textile Performance während der Finissage von "Wo bitte geht's nach Arkadien?". "Schön, dass so viele da sind - das war früher nicht immer so," freut sich Andreas Mitterer, Vorsitzender des Kunstvereins Ebersberg bei der Begrüßung in der Säulenhalle der Alten Brennerei.

Und schon geht es los. Gespannt blicken die zahlreichen Besucherinnen und Besucher auf Cornelia Melián, die sich in einem rosa Seidenkleid auf einem Podest dreht, während Gisela Heide das Kleid mit einer großen Schere vom Saum bis zum Ausschnitt zerteilt. Sie schneidet spiralförmig, wie bei einem Apfel, von dem am Ende ein einziges, zusammenhängendes Stück Schale bleibt. Hingegen absolut fragmentarisch ist das, was die Sängerin und Performerin Melián zeitgleich völlig ungerührt, mal flüsternd, mal mit Pathos, von einer weißen Papierrolle abliest: "... eine gute Ehe ... ungenutzt im Schrank ... mein Lieblingsstück ... eher unbequem ..." - lauter schriftliche Aussagen der früheren Besitzer.

Gisela Heide webt aus Bänderrollen ein festes, kunterbuntes Netz.

(Foto: Christian Endt)

Die Ergänzung der Sätze findet in den Köpfen des Publikums statt. Nach gut sechs Minuten ist das Schneidwerk beendet. Was folgt, ist unerwartet: Mit Unterstützung des Publikums, das eine tragende (oder eher haltende) Rolle bekommt, webt Gisela Heide aus der live produzierten pinkfarbenen Seidenschlange und bereits vorhandenen Bänderrollen ein festes, kunterbuntes Netz. Während sie das tut und die Menschen dazu bringt, eng zusammenzurücken, hört man weitere Satzfetzen, diesmal aus dem Publikum: "das diente zur Mückenabwehr am Chiemsee" oder "das Giftgrüne war mal ein richtig süßer Hosenanzug".

Als das Gebilde fertig ist, bohrt Melián wie bei einer Geburt Kopf und Oberkörper durch das stabile Geflecht und beginnt, parallel zu kraftvollen Bewegungen unglaubliche Dinge mit ihrer Stimme zu tun: In meist unverständlichen Silben singt sie erst melodische Koloraturen, um gleich danach zu gackern, gurren, locken oder schrill zu schreien. Manche Zuhörende sind begeistert, andere verstört, doch die Sängerin, bekennender John-Cage-Fan, lässt sich nicht beirren und wird am Ende mit viel Applaus belohnt.

Geraldine Frischund Roland H.H. Biswurmlocken mit kraftvollen Texten und Flöte.

(Foto: Christian Endt)

Nach einem großen, gegenseitigen Dank der Organisatoren stellt Initiator Peter Kees bei einer gut einstündigen Führung alle 39 Werke noch einmal vor und formuliert noch einmal den Leitgedanken des Projekts: "Die Dichter haben in Arkadien einen Ort gesehen, an dem man ohne Krieg und ohne Arbeit im Einklang mit der Natur lebt. Wir können kein Paradies hierherholen, aber wir können einzelne Situationen gestalten."

Mit Trommelwirbel wird sodann die Verleihung des Publikumspreises eingeläutet. Sein Budget stammt mangels eines Sponsors tatsächlich von den Besuchern selbst, die "Stimmscheine" zu drei Euro kaufen konnten, auf die sie jeweils zwei Namen schreiben durften. Am Ende freuen sich gleich zwei Künstler über die stattliche Summe von jeweils circa 200 Euro:

Der Niederländer Robert Roelink, der nicht nur die Installation "Live your biggest dream" mitten im Klosterbauhof platziert hat, sondern dort als "lebender Nomade" mit seinem Wohnmobil auch gleich selbst für vier Wochen eingezogen ist. Und der Berliner Dennis Fuchs, der sich für seine partizipative Installation "Hin und her" mit in Größe, Form und Material ganz verschiedenen Tischtennisschlägern von den strengen Zulassungsregeln des Sportverbands inspirieren ließ.

Um Identität und Erinnerung geht es in der Performance aus Stoff und Klang von Gisela Heide und Cornelia Melián.

(Foto: Christian Endt)

Die "Vocal-Flute-Drum-Poetry-Performance" von Geraldine Frisch und Roland H.H. Biswurm will definitiv mehr sein als "noch ein bissl Musik als Rausschmeißer" - und das ist sie auch. Kraftvoll deklamiert der aus Rottweil stammende Dichter und Musiker beim energischen Durchmessen der Räume die von ihm verfassten Texte, während seine Bandkollegin von Cheraleen & die Goldstücke die Vertonung des "nach allen Seiten offenen Perpetuum mobile" zu vorproduzierten Klavierklängen auf der Querflöte erklingen lässt. Da traut sich auch im Nebenraum niemand mehr, "die Kunst der Kollegen zu ignorieren".

Nach dem Applaus werden auch schon sorgfältig Bilder verpackt und Installationen entfernt. Das Festival ist definitiv zu Ende. Hochzeitskleid, Hosenanzug und Rock aber existieren weiter. Denn Gisela Heide wirft ihre Installation "Identität und Erinnerung - Transformationen" nicht weg, sondern nimmt alles mit in ihr Moosacher Atelier.