Kunstszene breitet sich im Landkreis-Norden aus Inspiration durch Dialog

Zwölf Mitglieder der Gruppe "Kunststoff" sowie drei Gäste laden am Wochenende zum Austausch in offene Ateliers ein. In Markt Schwaben, Poing und Anzing zeigen sie Malerei, Fotografie, Bildhauerei und mehr

Von Anja Blum

Es gibt Kunst in rauen Mengen zu sehen, doch eine "Ausstellung" soll die Veranstaltung von Kunststoff am Wochenende nicht sein, vielmehr spricht die Gruppe aus dem nördlichen Landkreis ganz bewusst von "Offenen Ateliers". Denn nicht schickes Ambiente, Wein, Häppchen und Verkauf stehen hier im Vordergrund, sondern der Dialog über Kunst. Man wolle den Besuchern einen lebendigen Eindruck von der künstlerischen Arbeit vermitteln und mit ihnen diskutieren, über Werke, Motive, Techniken oder Materialien, erklärt Organisatorin Inge Schmidt aus Poing. Deswegen gebe es auch immer allerlei kreative "Schnupperangebote": Diesmal können Gäste zum Beispiel selbst Holzskulpturen erschaffen, Raku-Brand ausprobieren oder anhand von Silikonform und Gips den langen Weg einer Bronzefigur nachempfinden.

Seit nunmehr sieben Jahren veranstaltet die Gruppe Kunststoff ihre offenen Ateliers in Poing, Anzing und Markt Schwaben. Zwölf Mitglieder laden am Samstag und Sonntag, 18./19. Mai, dazu ein, sich mit ihrem Werk auseinanderzusetzen, hinzu kommen diesmal drei Gastkünstler, das Niveau der Arbeiten und Projekte ist durchweg hoch. "Schon ein bisschen stolz" sei man auch auf die Kontinuität der Reihe, sagt Schmidt, denn deren Organisation stelle die Gruppe immer wieder vor Herausforderungen. Da gibt es einerseits personelle Veränderungen - Brigitte Stanke ist heuer aus gesundheitlichen Gründen nicht dabei, Karl Orth aus beruflichen - aber auch geografisch muss manchmal umgeplant werden. Das Loher-Haus stand nun erstmals nicht mehr zur Verfügung, ein Atelier in Parsdorf wird derzeit umgebaut. "Aber es gelingt uns immer wieder, Lösungen zu finden", sagt die Organisatorin - und freut sich über spannende Veränderungen, neue Orte und Konstellationen.

So liegt der Schwerpunkt - allein mengenmäßig - heuer erstmals auf Markt Schwaben. Ottilie Gaigl hat in ihr Atelier in der Geltingerstraße 65 zwei Gäste eingeladen. Sie selbst setzt sich derzeit fotografisch wie zeichnerisch mit Insekten auseinander, mit jenen Tierchen also, die wir einerseits fürchten, andererseits dringend brauchen. Gaigl zeigt ein paar ganz persönliche Begegnungen. Dazu gesellen sich Werke der Schmuckdesignerin, Künstlerin und "Nomadin" Frances D'Aintree aus München, die Impressionen aus Neuseeland ankündigt, sowie der Argentinierin Amalia Carrara aus Pliening, die hauptsächlich mit Ton arbeitet. Hinter ihrer Serie "Menschen" steht die Idee, dass ein Individuum die gesamte Menschheit repräsentiert, indem es "die Metaphern des Daseins durchlebt".

Auch im Atelier im Markgrafenweg 33 spielt sich Spannendes ab: Die zwei Weggefährtinnen Maria Heller und Ulrike Pfeifer haben sich einem gemeinsamen Thema gewidmet: "Behausung, Nest, Verwurzelung, Unterschlupf, Schutz." Anliegen der Künstlerinnen war es, dem existenziellen Bedürfnis nach Rückzug und Geborgenheit nachzuspüren, sie haben dazu mit verschiedenen Drucktechniken und keramischem Material experimentiert. Bei schönem Wetter können Besucher ein kleines Objekt selbst dekorieren und brennen lassen. Auf Trockenheit hofft vermutlich auch Stefan Pillokat, der das erste Mal seinen Garten öffnet: Im Angerl 15 erwartet die Besucher eine kleine feine Auswahl an Skulpturen, von Pillokat vorsichtig mit der Motorsäge aus Holz herausgeformt. Am Samstag (ab 16.30 Uhr) kann man ihm beim Schnitzen über die Schulter schauen und an beiden Tagen mit verschiedenen Holzmaterialien selbst eine Skulptur erschaffen.

Ein besonderer Coup ist in Anzing gelungen, hier konnte die Gruppe erstmals das Rathaus als Ausstellungsort gewinnen. Es wird bespielt von Siegfried Horst, Johannes Mayerhofer und Peter Böhm. Letzterer zeigt das von ihm entwickelte Verfahren der "Vulc-Art", Formen, die als Zufallsprodukte bei der Gummiherstellung entstehen. Dazu gibt es meist einen kleinen Crashkurs in bayerischer Gelassenheit, ganz nach dem Motto: "gfoidodagfoidned". Mayerhofer experimentiert hingegen seit Jahren mit Chaosstrukturen, die er mittels Farbe, Grafit, Kohle, Paste, Werkzeug oder Händen entstehen lässt und dann als Bühne nutzt für "inszenierte Auftritte" von Objekten und Gestalten. Regie führen dabei Fantasie und Assoziation. Der Maler Siegfried Horst hat in seinem Skizzenblock des Jahres 2001 geblättert und zeigt daraus zwölf zumeist farbige Zeichnungen - stark vergrößert. Hinzu kommen einige aktuelle Arbeiten in Mischtechnik. Am Sonntag um 16 Uhr spielt im Rathaus die russische Pianistin Olga Kigel.

In Poing locken diesmal zwei bekannte Locations, das Atelier Osterfeld und das Atelier Orth. Dort, im Eichenweg 4, gibt es Spannendes aus der Welt der Fotografie zu entdecken: Norbert Haberkorn und sein Gastkünstler Robert Anthony widmen sich jeweils dem urbanen Raum, aber mit völlig unterschiedlichen Ansätzen. Haberkorn spürt in seinem fotosoziologisches Projekt "S2 - Life in Transit" Akronyme und Kurzsätze aller Art auf, die sich an die Bahnfahrer zwischen Poing und München richten. Die Orwellsche Ziffernfolge "1984" etwa, als Graffito vielfach zu entdecken, soll uns "Medienopfer im IT-Überwachungsstaat wachrütteln, will darauf hinweisen, dass wir wohl schon kapituliert haben vor dem Großen Bruder". Anthony wiederum zeigt unter dem Titel "Stadtleuchten" allerlei urbane Aufnahmen mit Langzeitbelichtung. So fängt der Fotograf alle Lichtquellen ein, die eine nächtliche, nur konturenhafte Stadt zur bunten, beeindruckenden Bühne machen - so malerisch wie rätselhaft.

Im Atelier Osterfeld, Kampenwandstraße 1, präsentieren wie jedes Jahr Conni Boy, Rosi Hingerl, Conni Propstmeier und Inge Schmidt ihre Werke. Die düster-glänzenden Malereien von Conny Boy entstanden vergangenes Jahr im Bayrischen Wald. Wie so oft haben sie etwas Geheimnisvolles, Mystisches. Conni Propstmeier widmet sich immer wieder Landschaften und deren grafischen Strukturen - Linien, Schichtungen, Flächen lassen abstrahiert-bunte Räume entstehen. "Natur und die Freude am Einfachen" hat Rosemarie Hingerl zu ihrem Thema erklärt: Sie bannt den Lauf der Jahreszeiten auf Leinwand, zarte junge Triebe und Knospen, Blüten, die wieder verwelken, Laub, das fällt. "Meine Umgebung hat mir die Ideen zu meine Bildern bereitgestellt", so die Poingerin. Malerei und Skulpturen zeigt Inge Schmidt. Zuletzt war ein Besuch im zauberhaften botanischen Garten Jardin Majorelle in Marrakesch für sie "eine Offenbarung": Die Fassaden der Gebäude dort strahlen in Majorelle blau. "Das musste auf die Leinwand!", sagt Schmidt. Noch weiter vertieft hat sich zudem ihre Faszination für Rainer Maria Rilkes Lyrik als Inspirationsquelle. So entstehen ihre Figuren - poetisch, nicht greifbar, wie aus einer anderen Welt. Am Wochenende wird Schmidt sicher gerne von ihnen erzählen. Der Gedankenaustausch mit den Besuchern "ist Anregung für unsere künstlerische Reflexion und Arbeit", heißt es schließlich im Kunststoff-Flyer.

Offene Ateliers der Gruppe "Kunststoff" am Samstag, 18. Mai, von 15 bis 20 Uhr und am Sonntag, 19. Mai, von 13 bis 18 Uhr. Markt Schwaben: Markgrafenweg 33, Geltinger Straße 65, Im Angerl 15. Poing: Atelier im Osterfeld, Kampenwandstraße 1, Atelier Orth, Eichenweg 4. Anzing: Rathaus, Schulstraße 1. Bei schönem Wetter bietet sich eine Rundfahrt mit dem Rad an.