Ebersberger Künstler:Mit Kreativität zurück zur Leichtigkeit

kunstSTOFF 2021 Poing & Markt Schwaben

Die Gruppe "Kunststoff" lädt zu den offenen Ateliers in Poing, Anzing und Markt Schwaben.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Die Gruppe "Kunststoff" lädt am kommenden Wochenende zum Atelierbesuch in Poing, Anzing und Markt Schwaben.

Von Michaela Pelz

Weil in der Pandemie manches anders ist, fällt für die Gruppe "Kunststoff" heuer der Mai auf den Oktober. Wo man seit 2013 normalerweise im Frühjahr die Möglichkeit hatte, die Mitglieder des offenen Netzwerks hautnah an ihrer Wirkungsstätte zu erleben und mit ihnen ins Gespräch zu kommen, ist das heuer erst am kommenden Wochenende der Fall. Dann wird man an sechs Locations in Poing, Markt Schwaben und Anzing Exponate aus den Bereichen Malerei, Bildhauerei, Grafik, Fotografie und sogar Installationen und Performances zu unterschiedlichen Themen bestaunen können.

Startet man im Poinger "Atelier im Osterfeld", gibt es die Chance, gleich vier Künstlerinnen auf einmal zu erleben. Conny Boy, Cornelia Propstmeier, Rosemarie Hingerl und Inge Schmidt kennen sich schon seit Mitte der 90er Jahre. Entstanden ist daraus nicht nur eine Ateliergemeinschaft, sondern echte Freundschaft, mit einer jährlichen Mal-Rückzugsklausur in der Villa Breitenberg im Bayerischen Wald. Aus dieser hat sich auch das aktuelle gemeinsame Thema ergeben. Als Inge Schmidt davon erzählt, kann man direkt die dortige Stimmung von "Fröhlichkeit, Leichtigkeit, Beschwingtheit" spüren. Durch die Mischung aus "gemeinsam verreisen, schönem Ambiente und schönster Landschaft" habe man förmlich aufatmen, den Druck der Pandemie fallenlassen und ins "Unernste" gehen können.

Bei Rosemarie Hingerl führte dies zu Arbeiten aus Acryl auf Leinwand mit blühenden Blumenwiesen, die, so Hingerl, "Ruhe, Heiterkeit, Romantik, Zauber, Farbenspiele und zugleich auch Kraft ausstrahlen". Nicht weniger bunt ("mir war es heuer ein Anliegen, Farbe zu zeigen!"), aber deutlich gegenständlicher sind die Ranunkeln, Sonnenblumen, Hortensien und Allium (Zierlauch-)blüten, die Conny Boy auf ihren Acrylbildern eingefangen hat. Inspirieren ließ sie sich dabei von den Werken von Klaus Fußmann. Auch Cornelia Propstmeier nennt in Bernd Zimmer jemanden, der ihr Schaffen beeinflusst hat. Für "Deep in", einen Bach, der in einem Urwald verschwindet, habe sie ein eigenes grünes Werk in Anlehnung an dessen Arbeiten übermalt. Doch sie hat sich nicht auf ein Thema beschränkt. "Natur gegen Architektur, Grün gegen grau" habe sie darstellen, Nachverdichtung mit der Frage kombinieren wollen: Wo bleibt die Natur? Darum zeigt sie auch auf einer Baustelle gefundene Leistenabschnitte, aufgearbeitet als Relief, sowie schwarz-weiße Bilder, die in Anlehnung an einen Zeitungsartikel die Flutkatastrophe von Simbach einfangen.

Erholung findet man bei einem Blick auf Inge Schmidts entzückende Skulpturen und dem Bild, das ihr nach eigenen Angaben am meisten entspricht. "Das Blütenhafte an sich" hat sie das "aquarellige und luftig-leichte" Acrylwerk in rosa, lila und orange genannt, entstanden gleichzeitig mit dem daneben hängenden, höchst dramatischen, "Bolero". In jeder Hinsicht köstlich ist das "Stillleben, aber laut", entstanden bei einer Fortbildung in Kolbermoor. "In einer zauberhaften Konditorei erstand ich diese Cassis-Schokoladenbonbons. Gesehen - gekauft - gemalt - gegessen! Ich fand sie unglaublich!"

Auch Norbert Haberkorn hat im Rahmen seines Projekts "Nothing But Blue" Kulinarisches verarbeitet, allerdings in Form der Verpackung einer Flasche Whisky, von der er alles wegschnitt, was nicht blau war. Denn diese Farbe bestimmt, was an Malerei, Zeichnungen oder Collagen auf den 30 mal 30 Zentimeter großen Papierblättern landet, und zwingt so "zu Fokussierung und Konzentration auf Farbklang, Struktur und Intensität im Ausdruck". Zu sehen sind die Arbeiten im Atelier von Karl Orth, der seinerseits aufgrund einer hohen Arbeitsbelastung mit zahlreichen Ausstellungen diesmal selbst nicht ausstellt. Dafür hat er dem, so Schmidt, "fast schon Stamm-Gast-Künstler" Rob Anthony Raum zur Verfügung gestellt, um seine Fotos von Städten, Landschaften, Tieren und Menschen zu zeigen.

In ihrer Präsenz überwältigende Lebewesen bannt auch Siegfried Horst auf Leinwand. Seine Bilder und diverse Keramiken sieht man im Rathaus Anzing. Da dort vorher noch eine Trauung stattfindet, muss der Aufbau sehr kurzfristig vorgenommen werden. "Es ist einfach wunderbar, welche Unterstützung wir durch Kathrin Alte, die Anzinger Bürgermeisterin, erfahren haben", schwärmt Inge Schmidt, als man über die Location spricht, in der auch Peter Böhm seine ungewöhnlichen Werke mit der Überschrift "Eins hoch n", also ein und dasselbe Motiv auf verschiedenen Hintergründen, präsentiert. Komplettiert werden die Exponate im Rathaus von Johannes Mayrhofers Arbeiten auf Papier mit Kohle und Grafit und farbiger Tusche. Er selbst sagt dazu: "Vielleicht liegt es an Signalen aus der Pandemie-Zeit, dass ich mich anstelle expansiver Farbverläufe mehr mit intensiven grafischen Strukturen befasst habe."

Ottilie Gaigl hat sich aus privaten Gründen bislang nicht eingehend zu ihren aktuellen Arbeiten geäußert. Im Booklet zitiert die Markt Schwabenerin aus dem Song "Masters of War" von Bob Dylan, einer düsteren Abrechnung mit zerstörerischen Kräften. Daneben ist eine abstrakt-dynamische Tuschearbeit mit dem Titel "Was uns bewegt" zu sehen. Insofern darf man gespannt sein, was Gaigl im Atelier Graga noch so alles präsentieren wird. Eine Premiere gibt es in Markt Schwaben in der Kunst-Etage der Trödlerei: Stefan Pillokat fährt zweigleisig und stellt unter dem Motto "Charakterköpfe" erstmals Holzarbeiten im Mix mit Malerei aus. Ebenfalls in Markt Schwaben befindet sich das Atelier, in dem sich Maria Heller und Ulrike Pfeiffer dem Thema "Artenvielfalt" widmen. Die beiden Kunsttherapeutinnen wollen für den Insektenreichtum in der unmittelbaren Umgebung sensibilisieren. Dazu hat etwa beider Lieblingstier, die Libelle, Heller zu einem Teller aus weißem Ton inspiriert, in dem sich ein aus schwarzem Porzellan kunstvoll geformter, mit Spezialfarbe bemalter Körper befindet, umrahmt von zart gemalten Flügeln. Pfeiffer wiederum hat unter dem Motto "Art-Schutz-Programm" Collagen aus Drucktechnik und Acrylmalerei angefertigt.

Weil die beiden Freundinnen der festen Überzeugung sind, dass "Kreativität in der Gemeinschaft wächst und eine andere Energie im Raum ist, wenn man gemeinsam arbeitet," laden sie ihre Besucher ein, selbst aktiv zu werden. Bei der Herstellung kleiner Drucke per Handabzug lässt sich so Einblick in die Tätigkeiten und Techniken der Künstlerinnen gewinnen und überdies "das Optische, das Gespräch und das Ausprobieren" verbinden. Ein tolles, niederschwelliges Angebot, gerade für Kinder, hautnah zu erleben, dass Kunst auch außerhalb von Museen stattfindet.

Gruppe "Kunststoff": Offene Ateliers in Poing, Anzing und Markt Schwaben am Samstag und Sonntag, 9./10. Oktober, 14 bis 19 Uhr. Ausführliche Informationen unter www.kunststoff-art.de.

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