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Offener Brief:Mögliches Verbot von Kunstrasen beunruhigt örtliche Vereine

Strahlend grün und nagelneu: der Kunstrasenplatz des SC Baldham-Vaterstetten. Der Verein finanziert den Platz zum großen Teil aus eigenen Mitteln - und hat nicht zuletzt deshalb großes Interesse daran, ihn lang zu nutzen.

(Foto: Christian Endt)

Die Debatte trägt zur Unruhe im Landkreis Ebersberg bei. Der SC Baldham-Vaterstetten hofft nun auf Unterstützung von der Politik.

Von Elisabeth Urban, Vaterstetten

Der Strafraum links kostet 5000 Euro, ein Viertel des Mittelkreises kann schon für 1500 Euro erstanden werden. Fast fertig ist der neue Kunstrasenplatz des SC Baldham-Vaterstetten, doch die Spenden, die durch Patenschaften für einzelne Parzellen gesammelt werden sollen, fließen laut Helmut Lämmermeier, Vorsitzender der Fußballabteilung des SCBV, eher zögerlich. Mit ein Grund für die schleppende Beteiligung ist vielleicht auch die aktuelle Debatte um Kunstrasen als Mikroplastikschleuder. Denn auch auf dem Vaterstettener Platz wird das in die Kritik geratene Recycling-Granulat SPR verwendet, das aus Altreifen hergestellt wird. Damit dies nicht eines Tages zum Problem wird für die Vaterstettener Fußballer, hoffen diese nun auf Unterstützung aus der Politik.

Angefangen hatte alles Ende März 2019 mit einem Bericht der europäischen Chemikalienagentur (ECHA), in dem Beschränkungsmöglichkeiten für Mikroplastikausstoß diskutiert wurden. Neben Autoreifen, Kosmetikprodukten und synthetischer Kleidung waren dabei auch Kunstrasenplätze ins Visier gerückt. Das Granulat, das hier als sogenanntes Infill zwischen die Halme gestreut wird, sorgt dafür, dass der Platz federnd wird und Stürze weicher aufgefangen werden.

Die Kritik war nun, dass das Kunststoffgranulat bei reger Nutzung eben nicht auf dem Platz bleibt, sondern zum Beispiel beim Schneeräumen im Winter oder an den Schuhen der Spieler haftend in der Umwelt verteilt wird. Aus welchem Material das Granulat besteht, nimmt dabei ebenso wie der Aufbau des Rasens Einfluss auf den tatsächlichen Ausstoß.

Durch den ständigen Verlust von Granulat müssen die Plätze immer wieder aufgefüllt werden, wie oft das passiert und wie viel Granulat pro Nachfüllung ausgebracht wird, variiert stark. Lämmermeier erinnert sich daran, dass der alte Platz im Vaterstettener Stadion in zehn Jahren wohl einmal neu befüllt worden sei. Bei dem neuen Platz rechne man damit, alle zwei bis drei Jahre aufzufüllen.

Wie umweltschädlich Kunstrasen ist, ist umstritten

Doch wie schädlich die Kunstrasenplätze für die Umwelt tatsächlich sind, das ist umstritten. Eine Studie des Fraunhofer-Instituts aus dem Jahr 2018 hat Sportstätten als eine der größten Quellen von Mikroplastik in Deutschland überhaupt genannt - und damit massiv Kritik auf sich gezogen. Bemängelt wurde unter anderem die Kalkulation des Instituts, wie viel Granulat in der Regel nachgefüllt werden muss.

Auch Lämmermeier hält diese Studie, die das Institut nun noch einmal präzisieren will, für unsauber. Das ändert nichts daran, dass derzeit darüber diskutiert wird, ob Kunstrasenplätze mit Granulatfüllung noch eine Zukunft haben. Im Zuge einer öffentlichen Konsultation, die noch bis zum 20. September dauert, will die ECHA herausfinden, welche Auswirkungen eine mögliche Beschränkung des Einsatzes von Mikroplastik-Granulat hätte. Im Frühjahr 2020 sollen die Ergebnisse vorgelegt werden - dann wird es auch darum gehen, ob Verbote oder Einschränkungen auf die Vereine zukommen. "Man weiß halt nicht so ganz genau, wo das Ganze jetzt hinläuft", erklärt Helmut Lämmermeier vom SCBV.

Er hat sich deswegen nun mit Unterstützung des Vereinsvorsitzenden Josef Schmid in einem offenen Brief an die Vaterstettener Europaabgeordnete und stellvertretende CSU-Vorsitzende Angelika Niebler und CSU-Generalsekretär Markus Blume gewandt. Er habe von beiden bereits positive Rückmeldung erhalten, so Lämmermeier, und auch aus dem Vereinsumfeld sei er in seinem Anliegen bestärkt worden.

Lämmermeier macht in seinem Brief deutlich, dass die teilweise diskutierten Granulatalternativen für den SCBV keine Option seien. Im neugebauten Platz wird das in die Kritik geratene Recycling-Granulat SPR verwendet, das aus Altreifen hergestellt wird. Man habe sich ganz bewusst dafür entschieden, so Lämmermeier, weil es die besten Dämpfungseigenschaften aufweise und kein neuer Kunststoff produziert werden müsse.

Gesundheitlich unbedenklich

Die gesundheitliche Unbedenklichkeit des Materials habe man sich ebenfalls bestätigen lassen. Korkgranulat oder Quarzsand seien keine wirklichen Alternativen. Der Quarzsand federe schlecht und sei bei Stürzen äußerst unangenehm, Kork werde bei Regen aufgeschwemmt und man befürchte ein Schimmelrisiko. "Ich glaube nicht, dass man auf die Idee käme zu sagen, dass die Autoreifen aus Kork sein sollen", sagt Lämmermeier. Er wünscht sich von den beiden CSU-Politikern, dass sie sich für eine genauere Faktenermittlung zum Thema einsetzen, und schlägt vor, Maßnahmen zur Verringerung des Granulataustrags staatlich zu fördern.

So könne man zum Beispiel an den Ausgängen der Plätze Abtretgitter mit Auffangboxen installieren, um den Austrag durch die Spieler zu verhindern. Bis jetzt habe der SCBV selbst auch noch keine derartigen Schutzmaßnahmen, man wolle jetzt abwarten ob es Aussichten auf Förderung gebe und überlege dann nachzurüsten.

Auch in anderen Sportvereinen beobachtet man die Entwicklungen gespannt - beispielsweise beim TSV Grafing, der von der Stadt einen Kunstrasenplatz gepachtet hat. Auch hier möchte man den Kunstrasen nicht missen, sagt Jürgen Daser. Er sei viel strapazierfähiger als normaler Rasen und könne auch in den Wintermonaten genutzt werden. Neue Kunstrasenplätze sind derzeit unter anderem in Hohenlinden und in Poing in Planung.

© SZ vom 26.08.2019/koei
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