Kulturprojekt in AnzingKunst mal mit Kinderaugen sehen

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Johannes Mayrhofer erklärt den Schülern der 4a aus Anzing seine Kunstwerke. Die Kinder hören interessiert zu und melden sich ganz brav, wenn sie Fragen haben.
Johannes Mayrhofer erklärt den Schülern der 4a aus Anzing seine Kunstwerke. Die Kinder hören interessiert zu und melden sich ganz brav, wenn sie Fragen haben.
Peter Hinz-Rosin

Die vier Künstler Peter Böhm, Norbert Haberkorn, Siegfried Horst und Johannes Mayrhofer zeigen in Anzing Schülern ihre Werke. Eine Begegnung, die beide Seiten gleichermaßen inspiriert.

Von Paulina Weltin, Anzing

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Die Kinder der Klasse 4a der Grundschule Anzing bilden im Rathaus eine Traube um den Künstler Johannes Mayrhofer und lauschen andächtig den Erklärungen zu seinen Werken. Ein Junge ist von einem Bild ganz besonders begeistert. Er sehe hier große Eisbrocken, auf denen man klettern könne, und dahinter eine Wiese, erklärt er. „Und oben drüber, das sieht aus wie ein Drache, wie Drachensteigen. Das gefällt mir am meisten!“ Schnell wird klar: Auf Kinder wirkt Kunst oft ganz einfach und direkt. Sie erkennen sofort Formen, Farben und Strukturen und interpretieren sie auf ihre eigene, ganz unbefangene Weise. Es ist diese kindliche Klarheit und Begeisterung, die die Kunst für sie greifbar und lebendig macht.

Kinder Kunst fernab des Unterrichts ganz hautnah entdecken zu lassen: Diese Idee nahm ihren Ursprung, als Künstler Peter Böhm vor vier Jahren kurzerhand in die Grundschule Anzing ging, die sich nur ein paar Meter neben dem Rathaus befindet, und von einer geplanten Ausstellung ebendort erzählte. Seitdem ist diese im Anschluss an das traditionsreiche „Kunststoff“-Wochenende, bei dem diverse Kunstschaffende aus dem nördlichen Landkreis Ebersberg ihre Türen für Interessierte öffnen, stets noch ein Tag länger geöffnet: für die jungen Besucher aus der Grundschule Anzing.

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Die vier Künstler – Peter Böhm, Norbert Haberkorn, Siegfried Horst und Johannes Mayrhofer – stellen dann immer nacheinander ihre Werke vor und laden die Kinder ein, die Bilder mit eigenen Händen zu erfassen, sie zu analysieren und zu staunen. Auf diese Weise werden die jungen Besucher behutsam an die Kunst herangeführt, mit viel Raum für Entdeckungen.

Nach Mayrhofer ist Haberkorn an der Reihe. Mit kindgerechten Erklärungen führt er die Mädchen und Jungs durch seine Zeichnungen und erklärt, was er sich bei der Gestaltung gedacht hat. „Ist das mit Kugelschreiber gemacht?“, fragt ein Junge. Genau, das sei Kugelschreiber auf Papier, zwei Dinge, die man doch eigentlich immer zur Hand habe, bestätigt Haberkorn.

Zwischen seinen Erklärungen lässt er immer wieder die Kinder zu Wort kommen: „Was fällt euch ein, wenn ihr das Bild seht?“ Die Antworten sind vielfältig: „Das sieht aus, als wäre es unter Wasser.“ „Ein Blatt?“ „Da ist ein Kaffeeglas!“ Haberkorn nimmt sich für jede Antwort Zeit, geht auf die Ideen der Schülerinnen und Schüler ein, erklärt und bestätigt ihre Beobachtungen. Geduldig hört er zu, während die Besucher voller Neugier Fragen stellen – und sich jedes Mal davor brav melden.

Die unterschiedlichen Wahrnehmungen der Kinder faszinieren den Künstler. „Das ist immer wieder beeindruckend“, sagt Haberkorn später. „Kinder sehen so viele Dinge, die ein Erwachsener oft gar nicht wahrnimmt. Manchmal sehe nicht einmal ich selbst das, was sie in meinen Bildern entdecken. Das inspiriert mich dann auch.“

Ein Junge entdeckt einen Fantasiekopf – eine Interpretation, die Haberkorn mit einem zustimmenden Nicken aufgreift. „Eigentlich ist es ein Stein“, erklärt er, „aber Kunst lässt eben viele verschiedene Interpretationsmöglichkeiten zu.“
Ein Junge entdeckt einen Fantasiekopf – eine Interpretation, die Haberkorn mit einem zustimmenden Nicken aufgreift. „Eigentlich ist es ein Stein“, erklärt er, „aber Kunst lässt eben viele verschiedene Interpretationsmöglichkeiten zu.“
Peter Hinz-Rosin

Doch bald tippt die Lehrerin Haberkorn auf die Schulter – die Gruppe sollte weiter zur nächsten Station. Doch so intensiv betrachten die Schüler die faszinierenden Kugelschreiber-Zeichungen Haberkorns, dass man sie fast davon wegziehen muss. Der Künstler lacht und sagt: „Wenn man Kindern eine Zeichnung zum Anschauen gibt, dann können die manchmal eine halbe Stunde darüber reden und hören gar nicht mehr auf. Sie entdecken so viel darin!“ Anschließend ermutigt Haberkorn die Schüler: „Legt los, wie ihr wollt, probiert es daheim einfach aus!“

Zum Glück wartet bei Peter Böhm schon die nächste spannende Aufgabe: Hier dürfen die Mädchen und Buben endlich selbst aktiv werden und ihre eigene Kunst erschaffen – und zwar mit der Frottage-Technik. „Das kommt von frottieren und nicht frittieren“, erklärt Böhm schmunzelnd und sorgt damit für ein Lächeln bei den Grundschülern. Bei der Frottage wird die Oberflächenstruktur eines Gegenstandes oder Materials durch Bleistiftschraffur auf ein aufgelegtes Papier übertragen.

Für die Kinder hat Böhm verschiedene Objekte vorbereitet, darunter Abdrücke von Münzen, Nägeln und Holzfasern. Und schon zeichnen sie drauflos. Wichtig sei dabei, dass man den Stift nicht wie üblich halte, sondern viel flacher, erklärt der Künstler. So lernen die Schüler, dass man einen Stift auch zu etwas anderem außer Schreiben nutzen kann. „Und am Ende den Name druntersetzen!“, wirft Haberkorn ein, denn ein Künstler müsse seine Werke immer signieren. Die Kinder nicken eifrig und zeichnen konzentriert weiter.

Hier dürfen die Kinder mit Peter Böhm (links) eigene Kunstwerke anfertigen.
Hier dürfen die Kinder mit Peter Böhm (links) eigene Kunstwerke anfertigen.
Peter Hinz-Rosin
Bei der Frottage-Technik wird die Oberflächenstruktur eines Materials durch Bleistiftreiben auf Papier übertragen.
Bei der Frottage-Technik wird die Oberflächenstruktur eines Materials durch Bleistiftreiben auf Papier übertragen.
Peter Hinz-Rosin

Den ganzen Vormittag über strömen Schulkinder aus der ersten bis zur vierten Klasse in das Rathaus Anzing. Doch Haberkorn betont, dass das Alter keinen besonders großen Unterschied mache: Alle jungen Besucher seien gleichermaßen begeistert und stellten Fragen. Schön sei auch, dass ihnen hier die unterschiedlichsten Techniken der Kunst gezeigt würden und sie sich am Ende dann sogar selbst an eine heranwagen dürften. „Dann stürzen sie sich darauf und sind motiviert, nun selbst auch etwas gestalten zu dürfen.“

Auch Siegfried Horst ist erfreut über die Sicht der Kinder auf seine Werke. Dieser Vormittag sei immer „wunderbar!“, sagt er und erzählt begeistert von den vielen Begegnungen von Kindern mit seiner Kunst. So erinnert sich der 83-Jährige an ein Projekt, bei dem die Kinder sich selbst porträtieren sollten, so wie Horst selbst es oft tut. Teilweise seien die Zeichnungen der Kinder aber besser gewesen als seine eigenen, sagt er. „Weil sie einfach spontan und unreflektiert drauflosmalen.“  Ein weiteres Beispiel, das dem Künstler besonders im Gedächtnis geblieben ist: Er hatte eine Reihe von Gesichtern gezeichnet, etwa 25, und drei Selbstporträts daruntergemischt. Und dann die Überraschung: Die Kinder hätten sofort erkannt, welche Zeichnungen ihn darstellten, die erwachsenen Begleitpersonen hingegen nicht.

Haben gerne Besuch von Kindern: Die Künstler Siegfried Horst, Hans Mayrhofer, Norbert Haberkorn und Peter Böhm (von links, vor den Arbeiten von Horst) stellen immer gemeinsam im Anzinger Rathaus aus.
Haben gerne Besuch von Kindern: Die Künstler Siegfried Horst, Hans Mayrhofer, Norbert Haberkorn und Peter Böhm (von links, vor den Arbeiten von Horst) stellen immer gemeinsam im Anzinger Rathaus aus.
Peter Hinz-Rosin

Zum Abschied ein fröhliches „Auf Wiedersehen!“– jener altbekannte Singsang, den viele Erwachsene wohl noch aus ihrer eigenen Schulzeit kennen. Mit einem großen Dankeschön verabschieden sich die Kinder von den Künstlern, und auch diese geben den jungen Gästen noch ein paar Worte mit: „Ich hoffe, ihr macht zu Hause weiter“, sagt Peter Böhm, „und legt die Handys mal für einen Moment weg!“ Ein Satz, der ein Schmunzeln hervorruft – und vielleicht den ein oder anderen kleinen Anstoß gibt, mal einen Stift in die Hand zu nehmen. Ein Vormittag voller Neugier, Kreativität und echter Begegnung geht für die 4a nun zu Ende – mit dem Gefühl, dass Kunst nicht nur betrachtet, sondern erlebt werden will.

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