bedeckt München

Kulturverein Zorneding-Baldham:Vierhändige Verwandlung

Martinsstadl - Klavierduo Slver-Garburg

Dialog mit einer Stimme: Das Ehe- und Musikerpaar Sivan Silver und Gil Garburg begeistert das Publikum des Kammermusikzyklus beim Kulturverein Zorneding-Baldham.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Beim Kammermusikzyklus regt das Klavierduo Silver-Garburg die Fantasie an und gibt überzeugende Antworten auf die Stürme des Lebens

Von Ulrich Pfaffenberger

Was mag Franz Schubert wohl bewogen haben, ein Stück mit dem Titel "Lebensstürme" ausgerechnet in a-moll zu setzen, die erste der weichen Tonarten, die ohne jede Herauf- oder Herabsetzung eines Tones auskommt, die glatt auf den weißen Tasten dahinspaziert? Als ob die Stürme im Leben keine Kratzer und kein Kreuz mit sich brächten. Einen Teil der Antwort liefern die Geschichtsbücher, denen zufolge der Titel für das Allegro-Stück dem Herausgeber einfiel, nicht dem Komponisten; eine Urform des Click-Baiting mithin.

Den anderen Teil der Antwort gaben am Sonntag beim Konzert im Zornedinger Martinstadl das Ehe- und Musikerpaar Sivan Silver und Gil Garburg vierhändig am Flügel. Beim zweiten Konzert im aktuellen Kammermusikzyklus beseitigten sie eindrucksvoll alle Zweifel, dass dem hellklingenden, eleganten a-moll die Sprache fehlte, um widrige Winde auszudrücken. Viel mehr noch: Aus der Tonarten-Charakteristik wandten sie sich aufmerksam auch den Eigenschaften "sanft, traurig" zu und machten jene Energie von Stürmen erkennbar, die einen vorantreibt und von Ballast freibläst, wenn man sich ihnen nicht hilflos ausliefert, sondern mit eigenem Willen ihre Kraft nutzt.

Beim Zuhören reift auch die Erkenntnis, warum sich Schubert, der große Liederkomponist, dem Klavier zu vier Händen so intensiv gewidmet hat, mehr als die anderen großen Meister der Klassik. Spieltechnik und gegenseitige Abstimmung im hautnahen Miteinander erfordern eine so eigene Herangehensweise an diese Stücke, dass sich etwas ergibt, was man mit "Dialog mit einer Stimme" wohl treffend beschreibt: Innen und Außen im Einklang. Schon im ersten Stück des Konzerts hatten Silver-Garburg nachdrücklich gezeigt, zu welch veränderter Wahrnehmung solche Vierhändigkeit führt. Ebenfalls aus Schuberts Hand hatten sie die "Fantasie f-moll" angenommen, um daraus einen lebendigen Körper zu formen und ihn mit Charakter zu füllen. Aus einem bedächtigen, nachdenklichen Beginn entwickelten sie eine Figur, die sich geschlossen anhört - die vier Sätze sind durchgehend angelegt, ohne Unterbrechung. Aber immer wieder lassen sich Ecken, Kanten und Brüche feststellen, scheinbar ohne großen Nennwert, aber tatsächlich von Schubert so markant gesetzt wie die Lichter, Schatten und Fugen in einem Gemälde. Da finden sich lyrische Momente neben Ausdrücken von fast schon tänzerischer Leichtigkeit und Momenten der Gedankenschwere. Für zwanzig Minuten bekommt die Fantasie so viel zu tun, dass es einem erst mit Verzögerung dämmert: Die beiden da vorne, am Klavier, die haben verstanden. Die interpretieren nicht mehr, die verwandeln ein Werk aus der Vergangenheit zu einem erfüllenden Teil unseres Lebens, jetzt, in diesem Augenblick.

Für die Fantasie der Zuhörer war abschließend dann auch Strawinskys "Le Sacre du Printemps" die denkbar beste Nahrung. Beim einen oder anderen mag angesichts des trüben Herbstes schon die Vorstellung frühlingshafter Lüfte und Düfte ausgereicht haben, die in die vierhändigen Klavierversion des Stücks reichlich eingeflochten sind. Zwar bietet die orchestrale Fassung wegen ihrer opulenten Bläserbesetzung hier mehr Spiel- und Gestaltungsraum; doch vermittelt die reduzierte Version aus identischer Komponistenhand mit Nachdruck, dass dies der Ausdruckskraft des Stückes keinen Abbruch tut. Im Gegenteil gewinnt sie an dialogischer Kraft im Spannungsfeld der Emotionen und Botschaften der beiden Pianisten. Diese Kraft ist so stark, dass sich vor dem inneren Auge der Tanz des Balletts in erstaunlicher Detailtreue visualisiert - jede Handbewegung auf der Klaviatur setzt in der Fantasie eine Tanzbewegung in Gang, hauchfein und transparent legt sich das Bild über das karge Interieur des Martinstadl und macht den Raum zur Bühne.

Man tritt dem Duo nicht zu nahe, wenn man seine Interpretation des Frühlingsopfers mit der Idealmischung aus Verehrung für Stück und Schöpfer einerseits und mit schierem Vergnügen am Instrument und der eigenen Kunstfertigkeit charakterisiert. Silver-Garburg sind einer dieser Glücksfälle, in denen sich die Zuneigung zweier liebender Menschen - sie verhehlen es nicht - im Konzertieren vereint. Da spielen zwei, die schon wissen, dass sich das Suchen lohnt, musikalisch wie menschlich. Daher bewahren sie auch den Respekt vor ihrem Publikum und überschütten es nicht mit Emotionen. Vielmehr wecken sie dieselben, indem sie den Zuhörer an ihrer Energie und Lebensfreude teilhaben lassen. Umso verdienter der Beifall, der sich Bahn bricht, nachdem der letzte Akkord in einem Moment der Stille verhaucht ist. Zahlreiche Bravorufe künden von der Freude wie der Kennerschaft im Raum, der sich einmal mehr für Künstler geöffnet hat, die unser Leben reicher machen.

© SZ vom 27.10.2020
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema