Beim Kulturverein Zorneding-Baldham:Ovationen für Spiel mit der Stille

Beim Kulturverein Zorneding-Baldham: Hochkarätig: das "Schumann Quartett" und Pianist Oliver Triendl im Zornedinger Martinstadl.

Hochkarätig: das "Schumann Quartett" und Pianist Oliver Triendl im Zornedinger Martinstadl.

(Foto: Christian Endt)

Inspirierende Uraufführung von Enjott Schneiders "Still sein - Callarse" durch das "Schumann Quartett" und Oliver Triendl am Klavier.

Von Ulrich Pfaffenberger

Zorneding - Peter Ustinov hat in seinem Buch "Der alte Mann und Mr. Smith" davon erzählt, wie Gott und der Teufel die Erde bereisen und von den Reaktionen auf ihr gemeinsames Erscheinen höchst irritiert sind. Ihr Streben nach dem Verstehen der Menschheit mündet in ein geistreich-humoristisches Philosophieren - und in die Erkenntnis, dass keiner von beiden ohne die Existenz des anderen in seiner Rolle wahrnehmbar ist. Das ist mit Licht und Schatten so, mit oben und unten sowie mit Stille und Geräusch. Am Sonntagabend hat das Publikum beim Kulturverein Zorneding-Baldham die Uraufführung einer Komposition erlebt, die sich genau dieses Kontrasts annimmt: "Still sein - Callarse", im Coronajahr 2020 von Enjott Schneider nach einem Gedicht von Pablo Neruda geschaffen. Eingebettet zwischen einen Quartettsatz c-Moll von Franz Schubert und Wolfgang Amadeus Mozarts "Jagdquartett" entwickelt es die gewünschte irritierende Funktion: Ist das noch Musik oder nur Geräusch, ist das ein Klavierquintett im klassischen Sinn oder eine freie Assoziation aus einem beliebig besetzbaren Ensemble heraus? Fragen, die sich nur beantworten lassen, wenn man sich auf ein geistreich-humoristisches Philosophieren einlässt. Göttliches und Teuflisches, so nah beieinander?

Es wäre aufschlussreich, diese Frage jemandem zu stellen, der unter Amusie leidet, der Unfähigkeit, Tonfolgen und Rhythmen zu erkennen. Für diese Menschen hören sich Schubert und Mozart genauso an wie klapperndes Geschirr oder das Kreischen einer rostigen Tür. Indem Schneider für sein zehnminütiges Opus genau diesen Effekt ausreizt und Stille dadurch hörbar macht, dass er sie mit scheinbar willkürlichen Sprüngen über Saiten und Notenzeilen durchbricht, erzeugt er etwas Einzigartiges: individuelle Wahrnehmung. Ein Zustand, über den wir bei den großen Klassikern schon oft hinweg sind, indem wir uns auf ihre typischen Merkmale stürzen, auf ihren Beitrag zum Wohlgefühl und guten Geschmack abheben und uns schönen Gedanken widmen, während wir lauschen. Diesen Luxus gönnt uns "Still sein - Callarse" nur als Folgewirkung: Wert der Stille. Könnte man diese "Moments of Silence" (so Schneiders jüngste CD) aus der Aufführung herausschneiden und sammeln, entstünde ein tiefgründiger Quell der Ruhe. Der genauso zum Hinhören und Nachdenken einlädt wie "Doktor Murkes gesammeltes Schweigen" von Heinrich Böll.

Die Aufführung gewann zusätzliche Spannung dadurch, dass hier zwei Generationen konzertierten. Wir können nur vermuten, welche Wirkung unterschiedliches musikalisches Verständnis und Lebenserfahrung zwischen dem jungen Schumann Quartett und dem erfahrenen Pianisten Oliver Triendl ins Spiel brachten. Bei einer Uraufführung lässt sich kein Vergleich mit anderen Interpreten ziehen. Der Filmmusikkomponist Schneider leistet hier Bemerkenswertes, weil er in der Wirkung von Bild und Musik individuelle Interpretation anstößt. Einmal mehr macht eine solche Aufführung erlebbar, wie viel passiert sein muss - in Gesprächen, Proben, Versuchen - bevor man "konzertiert". Bevor man es wagt, das wertvolle Gut der Stille mit Geräuschen zu durchbrechen, seien sie auch noch so wohl gesetzt.

Daran dachte wohl auch die eine oder der andere beim abschließenden Stück, Robert Schumanns Klavierquintett Es-Dur, das im zweiten Satz vom Motiv eines Trauermarsches geprägt wird. Von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen, entspricht eine solche Musik nicht mehr der hierzulande gelebten Kultur. Begräbnisse finden nicht mehr im Gleichschritt statt. Wenn sich also eine Generation wie Erik und Ken Schumann (Violine), Liisa Randalu (Viola) und Mark Schumann (Cello) einem Werk nähert, das eine erloschene Stilform inkludiert und ein Publikum anspricht, dem diese nur rudimentär vertraut ist, dann mag man das "Wagnis" nennen. Tatsächlich aber ist es das, was uns Musik in ihrer unendlichen Bandbreite von Abstraktion und Variation seit Menschengedenken vermittelt: Wie man aus einem Geräusch eine Nachricht macht, wie man aus dem Wechselspiel von Stille und Tönen Emotionen entstehen lässt, und wie der Dialog mit der Vergangenheit die Gegenwart belebt.

Enjott Schneider hat das Verständnis für die Vielfalt der Stille mit dem Hinweis auf zwei weitere scheinbare Nichtigkeiten erhellt: Erst die Null hat die Mathematik den Spielraum gegeben, den sie braucht, um die Welt zu entschlüsseln; und es ist das weiße Licht, das alle Farben des Spektrums bündelt. Stille, so die Erkenntnis, ist nicht Zwang. Sie befreit aus den Fesseln permanenter Klangerzeugung. Wie unendlich groß die Möglichkeiten sind, die sich aus einem meisterhaften Spiel mit der Stille ergibt, das haben das Schumann Quartett und Oliver Triendl mit Herz, Geist und makellosem Können demonstriert. Dem Publikum war das donnernde Ovationen mit reichlich Bravo-Blitzen wert.

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