Kultur Spiel mit einem Sehnsuchtsort

Peter Kees besetzt kleine Flächen und erklärt diese zu arkadischem Hoheitsgebiet: Fremde Staatsgewalt darf Personen dort nicht belangen.

(Foto: Andrea Tretner/oh)

Konzeptkünstler Peter Kees präsentiert im Ebersberger Rathaus seine arkadischen Landnahmen

Interview von Alexandra Leuthner

Die Freiheit der Kunst und des Denkens hatte der Konzeptkünstler Peter Kees ziemlich genau vor einem Jahr beschworen, als er im Obergeschoss des Amtsgerichts ein Gewehr als Teil einer interaktiven Installation präsentieren wollte. Das Veto des Amtsgerichtsdirektors hatte Kees damals in einem öffentlichen Dialog zu einer recht grundsätzlichen Abrechnung mit staatlich gesetzten Grenzen für die ungehinderte Kunstentfaltung genutzt. Nun setzt er selbst staatliche Grenzen, will aber damit vor allem einer Entgrenzung das Wort reden - des Denkens, des Fragens, der Fantasie. Seit 2013 besetzt er als selbst ernannter Botschafter Arkadiens quadratmetergroße Flächen Land überall in Europa, erklärt sie zu arkadischem Hoheitsgebiet. Spiel? Kunst? Oder politische Einmischung?

SZ: Herr Kees, ein Botschafter nimmt normalerweise als diplomatischer Vertreter eines Staats repräsentative Aufgaben wahr. Sie repräsentieren nicht, Sie besetzen Land. Ist der Begriff falsch gewählt?

Peter Kees: Nun, ich habe ja mehrere Botschaften Arkadiens gegründet, etwa in Havanna auf der Biennale (2006), im gleichen Jahr ihn Berlin, seither bin ich als Botschafter Arkadiens unterwegs und nehme natürlich repräsentative Aufgaben wahr. Das ist ein Spiel mit der Realität, mit dem Topos Arkadien, den es seit der Antike gibt, und der seit jeher den Wunsch nach einem vollkommenen Dasein im Diesseits ausdrückt. Nach einem Zustand also, den es so in der Menschheitsgeschichte nie gegeben hat. Aber in Berlin habe ich damals tatsächlich das diplomatische Korps angeschrieben und eingeladen.

Und was ist passiert?

Ich bin angerufen worden, und es hieß: Wir finden Sie nicht auf der Liste auswärtiger Staaten. Ich habe dann Ärger mit dem Auswärtigen Amt bekommen.

Kein Wunder, das Land gibt es ja auch nicht.

Deshalb habe ich mir überlegt, wo Arkadien eigentlich ist, und angefangen, Land zu besetzen, an vielen Stellen in Europa.

Zahlen Sie eigentlich für die Arkadienquadratmeter? Fragen Sie in den Staaten - darunter Finnland, Italien, Frankreich, Österreich, Tschechien, die Schweiz, Griechenland - um Erlaubnis?

Nein, die Landbesetzungen sind meist illegal, ausgenommen dort, wo sie im Rahmen von Ausstellungen oder Events stattfinden, wie in Finnland oder in Koblenz, am Deutschen Eck. Aber ich trete an die Regierungen heran, informiere die Öffentlichkeit über meine Landnahme, die aus vier Grenzpfosten und Pflöcken besteht. Es will ja eine Frage in die Welt setzen - die nach der Existenz Arkadiens als Sehnsuchtsort.

Hat schon mal jemand die Pfähle wieder herausgerissen?

Mit einem gewissen Vandalismus muss ich leben. Interventionen wie diese sind ja immer eine Sache auf Zeit.

Und wie sieht es mit Interventionen von staatlicher Seite aus?

Ich bin noch nie belangt worden. In Wirklichkeit ist Arkadien ja eine Vorstellung, eine Idee. An manchen Stellen, wie dem Deutschen Eck, hat es aber eine starke symbolische Bedeutung. Und doch soll die Sache mit Augenzwinkern gesehen werden. Die Schweiz hat tatsächlich einen Staatsrechtler mit der Prüfung der Rechtslage beauftragt. Sie haben mir dann mitgeteilt, dass meine Aktion weder staats- noch völkerrechtliche Auswirkungen habe. Es gab aber einen großen Medienrummel und Kommentare in der Zeitung, sogar von entarteter Kunst war die Rede.

Das mit dem Augenzwinkern klappt also nicht überall, in der Türkei haben Sie sich das auch nicht vorstellen können und sind gar nicht erst hingefahren, um Ihr Arkadien zu besetzen. Sie haben 2016 einen anderen Weg gewählt.

Richtig. Auch heute würde ich nicht hinfahren. Ich weiß nicht, ob ich da auf irgendeiner Liste stehe. Ich wollte damals dem türkischen Generalkonsul ein Schreiben, meine Grenzsteine und Pfähle überreichen und bin des Platzes verwiesen worden. Die Aktion ist im Rahmen der Ebersberger Ausstellung dokumentiert. Aber so ist sie vielleicht sogar besser gelungen.

Weil es um das Zeichen in der Öffentlichkeit geht? Das gilt dann wohl auch für Ihre Anfrage in Jerusalem?

Sicher, man stößt ja etwas an. Ich habe im Dezember dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu und dem Palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas geschrieben mit dem Antrag, einen Quadratmeter Land an einem zentral gelegenen Ort in Jerusalem zum Arkadischen Hoheitsgebiet erklären zu dürfen.

Ein Gebiet, in dem bereits andere Parteien um jeden Quadratmeter ringen, jetzt auch Sie. Haben sie schon eine Antwort?

Nein, leider habe ich bisher nichts gehört.

Schade, ein bisschen Arkadien würde dem Nahen Osten sicher gut tun.

Ja, (lacht, ein bisschen bitter), das würde es auf jeden Fall.

Hat schon mal jemand bei Ihnen Asyl beantragt?

Nicht ernsthaft. Aber ein Mann hat mir mal erzählt, dass er mit arkadischem Visum im Pass in Afrika über irgendeine Grenze gekommen ist.

Wie suchen Sie Ihre Quadratmeter aus? Die Autoren der Antike beschreiben Arkadien ja als landschaftliche Idylle...

Der griechische Regierungsbezirk Arkadien ist nicht nur idyllisch. Die Heimat der Schäfer, die unserer Vorstellung von Arkadien zugrunde liegt, ist eher steinig und rau. Aber wenn ich eine Landnahme betreibe, dann versuche ich, Arkadien zu spüren. Ich bin auch dabei, eine arkadische Akademie zu gründen, in der ich gemeinsam mit anderen Künstlern, Philosophen und Soziologen versuche, gesellschaftlichen Veränderungen auf künstlerischer Ebene Rechnung zu tragen, etwa der Suche nach alternativen Lebensentwürfen.

Und was bekommt man in der Ausstellung zu sehen?

Große Fotos der ein mal ein Meter großen Flächen mit Längengrad und Breitengrad, eine Europakarte, auf der die Orte eingezeichnet sind, Kisten mit arkadischer Erde, die ich mitgebracht habe.

Die Ausstellung "Arkadische Landnahmen ist von Montag, 16. April, bis Freitag, 11. Mai, in der Galerie im Rathaus Ebersberg zu sehen. Sie wird am Montag um 19 Uhr eröffnet.