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Kultur im Kreis Ebersberg:Schlechte Perspektiven für Ebersberger Kleinkunstbühnen

Viele Veranstaltungsorte in der Region bleiben weiterhin geschlossen. Unter den derzeitigen Corona-Bedingungen rentieren sich Auftritte nur selten

Von Franziska Langhammer

Wenn der Abschied ein abrupter war, können Wiedersehen schon einmal sehr emotional ausfallen. "Es war wie Weihnachten und Neujahr zusammen", erzählt Axel Tangerding, Gründer und Leiter des Moosacher Meta Theaters. Frenetischen Applaus habe es gegeben. Nach Wochen und Monaten des kulturellen Lockdowns bahnen sich die Veranstaltungen zaghaft wieder ihren Weg zurück ins Tagesgeschehen. Ende Juni war es für das Meta Theater soweit: die erste Vorstellung mit Publikum vor Ort, eine Lesung über die Autorin Lena Christ. Wegen der geltenden Corona-Beschränkungen dürfen im Meta Theater allerdings derzeit nur 20 Stühle aufgestellt werden. "Das fühlt sich schon sehr zahnlückig an", sagt Tangerding.

Zuletzt hatte sich die Moosacher Kulturstätte in Livestreams ausprobiert, die auch sehr gut aufgenommen wurden. Momentan sei der Aufwand für eine Abendveranstaltung schon sehr hoch, erzählt Tangerding. Der Teufel stecke dabei im Detail: Allein die regelmäßigen Desinfektionen oder Spezialreinigungen nach den Vorstellungen kosten und fordern mehr Personal. Doch nicht nur die Events vor Ort sind von Corona betroffen: "Wir machen ja auch eigene Produktionen, die dann auf Tour gehen", sagt Tangerding. So musste nun auch auf ein gut bezahltes Gastspiel in Leipzig schweren Herzens verzichtet werden. "Unsere Absagen gehen bis Ende des Jahres", so der Theaterleiter.

"Immer mit angezogener Handbremse"

Zum Teil auch, weil Proben nicht stattfinden können. In einem Stück etwa sind zwei Bläser Teil des Ensembles, sie dürften nach den derzeitigen Verordnungen nur mit Trennwand spielen. Viele Produktionen, die im Mai gelaufen wären, sind nun vorerst auf den Herbst verschoben - immer mit angezogener Handbremse, wie Axel Tangerding betont, denn niemand kann vorhersehen, wie die Lage in ein paar Monaten sein wird. "Hinter jeder Planung steht ein großes Fragezeichen, das frisst wahnsinnig viel Energie."

Dem Herbst schaut der Moosacher mit gemischten Gefühlen entgegen, wenn alle Produktionen, auch anderer Spielstätten, gleichzeitig herauskommen. "Das verspricht viel Chaos", sagt Tangerding und fügt hinzu: "Wo es uns besonders trifft, ist unsere 40-Jahr-Feier." Die war nämlich eigentlich für den September geplant gewesen. Der Vorstand hat nun aber beschlossen, die Feier auf das Frühjahr 2021 zu verlegen. "Nach 40 Jahren muss man bei sowas auch ein Auge zudrücken können", so Tangerding.

Fühlten sich viele Kulturstätten in den vergangenen Monaten von der Politik allein gelassen, winkt das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst nun endlich mit einem Förderprogramm, das sich gezielt an kulturelle Spielstätten und Laienmusikvereine richtet. Insgesamt 40 Millionen Euro will der Staat dazu aufwenden, die Auswirkungen der Corona-Pandemie in diesem Bereich abzufedern; bis Ende Oktober kann die Finanzhilfe angefordert werden. Bisher ist allerdings noch nicht ganz klar, wer berechtigt ist und was abgerechnet werden kann. So heißt es für die meisten Kleinkunststätten erst einmal weiterhin: abwarten.

Nur 15 Gäste erlaubt - das ist einfach nicht wirtschaftlich

"Wir haben seit 15. März zu", antwortet Ulrich B. Fischer, Betreiber der Café-Bar Herzog in Zorneding, knapp auf die Frage, wie es ihm gehe. Mit den geforderten 1,5 Metern Mindestabstand würden gerade mal 15 Menschen in den Raum passen. "Das ist für jeden Künstler und uns wirtschaftlich uninteressant", so Fischer. Außerdem könne so keine positive Stimmung aufkommen.

Gedrückte Stimmung auch in Markt Schwaben. "Die Lage ist momentan nicht einfach", sagt Franz Stetter, Vorsitzender des Theatervereins. Vorsichtig formuliert er die derzeitigen Bemühungen: "Wir würden uns sehr freuen, wenn wir mal wieder was tun könnten." Die Corona-Regeln sind für den Verein schwer umzusetzen, ohne dass er am Ende noch draufzahlen muss. Geplant war eigentlich, Anfang August einige Veranstaltungen wie einen Jazz-Frühshoppen im Schlosspark zu organisieren. "Das werden wir aber definitiv nicht schaffen", so Stetter, denn die Kosten etwa für Aufbau und Technik müssten auf die Tickets aufgeschlagen werden. "Da kommt doch keiner", so Stetter. Nun setze man darauf, dass 2021 die Weiherfestspiele wieder stattfinden können. "Ich hoffe, dass die Politik auch sieht, dass die Kultur nicht vergessen werden darf", sagt der Theaterchef. "Da hängen viele Arbeitsplätze dran."

Bange blicken die Veranstalter auf den Herbst

Vorfreude schwingt in der Stimme von Stephanie Propstmeier vom Weinbeisser in Anzing mit. "Wir fangen am 15. Juli wieder an mit Werner Meier", sagt sie. Die Veranstaltung mit dem bayerischen Liedermacher sei ausverkauft, 80 Plätze stehen zur Verfügung. Möglich ist das, weil der Weinbeisser auch einen Außenbereich hat, in dem die Stühle in ausreichendem Abstand aufgestellt werden können. Auch einen Ersatztermin gebe es schon, so Propstmeier, falls das Wetter einen Strich durch die Rechnung mache. "Die Frage ist, was im Herbst passiert, wenn wir wieder auf die Innenräume angewiesen sind", sagt sie. Denn auch für die Künstler müssten die Veranstaltungen lukrativ sein. Kulinarisch kann man sich schon seit Ende Mai wieder im Weinbeisser verwöhnen lassen.

Ein Sonderfall ist das Theater Wasserburg. Es läuft unter privater Trägerschaft, ist aber staatlich und städtisch gefördert. "Finanziell sind wir nicht ganz so arg gebeutelt, weil die Förderung weiterläuft", sagt Uwe Bertram, Leiter der Spielstätte. Nur die Eigenfinanzierungsquote durch den Verkauf von Eintrittskarten müsse man kompensieren. Nun hat sich das Theater ohnehin in die Sommerpause verabschiedet, ab September beginnen dann wieder die Proben. Am 2. Oktober soll es mit der Premiere von "Hoffmanns Erzählungen" wieder los gehen, aber auch den bisher entfallenen Spielplan wolle man abspielen, erklärt Bertram.

"Wir sehen keinen Weg, derzeit sinnvoll Konzerte zu gestalten", sagt Hanno Größl von der Schrottgalerie Friedel in Glonn. "Da sind wir zu klein, zu eng, zu gemütlich." Unter den gegebenen Umständen habe das Team entschieden: lieber nicht. Etwa 20 bis 22 Gäste hätten derzeit nur Platz in der Galerie, die Musiker müssten hinter Spuckschutzwänden spielen. "Dabei ist das Schöne an der Schrottgalerie gerade die Nähe", sagt Größl. Außerdem müsse so ein Auftritt für die Musiker auch rentabel sein, ein fast leerer Hut sei keine Option. Ein Konzert, bei dem alle Mundschutz tragen, die Musiker "eingekastelt" sind und niemand etwas trinken darf? "Es blutet einem zwar das Herz", so Größl, "aber will man sowas veranstalten? Und will man so was sehen?" Dann also lieber verzichten.

Im Falle der Schrottgalerie geht das vergleichsweise einfach, weil - zum Glück- niemand im Team von dem Betrieb der Spielstätte leben müsse, wie Größl erklärt. Nun wird von Monat zu Monat entschieden, wie es weiter gehen soll. "Wir wollen nicht pauschal bis Weihnachten alles absagen, aber bisher ist nicht absehbar, wie sich alles weiterentwickelt." Dank richtet Größl an das treue Publikum, das durch Spenden hilft, Miete und Nebenkosten zu tragen und die Schließung zu überbrücken. Die ersten Schritte zumindest für ein Wiedersehen wurden schon gemacht: Am Donnerstag wurde die Bühne der Schrottgalerie zum ersten Mal für ein Online-Konzert genutzt.

© SZ vom 11.07.2020/moo

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