Migration ist bereits seit einem Jahrzehnt eines der bestimmenden Themen in Politik und Gesellschaft. Der Bundestagswahlkampf wurde davon dominiert, in den Medien wird das Pro und Contra diskutiert. Auch im Landkreis Ebersberg sorgt das Thema immer wieder für Kontroversen, so etwa als der damalige Bürgermeister Markt Schwabens, Michael Stolze, vor etwas mehr als einem Jahr aufgrund des Widerstands gegen die Errichtung einer neuen Flüchtlingsunterkunft zurücktrat.
In der Debatte wird immer wieder – implizit oder explizit – die Angst geäußert, dass ein höherer Ausländeranteil, insbesondere aufgrund von Asylgesuchen, zu mehr Kriminalität führt. Das Ifo-Institut hat nun eine diesbezügliche Analyse vorgelegt. Dafür nahmen die Experten des Instituts die Polizeilichen Kriminalstatistiken (PKS) der Jahre 2018 bis 2023 auf Landkreisebene unter die Lupe, um herauszufinden, ob an diesen Ängsten etwas dran ist. Der SZ liegen die Daten für den Landkreis Ebersberg vor.
Die meisten Straftaten im Landkreis Ebersberg sind Diebstähle, im Schnitt etwa 1000 pro Jahr
Die Studie erfasst Daten zur Kriminalität, insbesondere polizeilich erfasste Straftaten und Tatverdächtige, im Zusammenhang mit demografischen und sozioökonomischen Faktoren. Sie analysiert unter anderem die Kriminalitätsbelastung pro 1000 Einwohner, Unterschiede zwischen deutschen und ausländischen Tatverdächtigen sowie regionale und zeitliche Entwicklungen, um Ursachen und Muster der Kriminalität besser zu verstehen.
Zwischen 2018 und 2023 wurden im Landkreis Ebersberg 26 713 Straftaten begangen, Verstöße gegen das Asyl- und Aufenthaltsgesetz ausgenommen. Das entspricht im Schnitt etwa 4450 Straftaten pro Jahr. Die Aufklärungsquote schwankte zwischen 59 und 68 Prozent.
Am häufigsten wurden in dieser Zeit Diebstähle begangen, im Schnitt etwa 1000 pro Jahr. Ebenfalls häufig trat die sogenannte Straßenkriminalität auf, unter die etwa der Diebstahl aus Fahrzeugen, Taschendiebstahl, aber auch exhibitionistische Handlungen fallen. Außerdem kam es pro Jahr zu etwa 800 Fällen von Körperverletzung und 600 Fällen von Sachbeschädigung.

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Besonders schwere Straftaten sind im Landkreis jedoch selten. In den sechs Jahren zwischen 2018 und 2023 kam es zu insgesamt 15 Morden oder Totschlägen, die allesamt aufgeklärt wurden. Raub kam häufiger vor, insgesamt 102 Mal. Vergewaltigung oder sexuelle Nötigung wurde 71 Mal erfasst.
Insgesamt ist laut der PKS für das Jahr 2024 die Kriminalitätsrate im Landkreis Ebersberg rückläufig. Sie sank auf 4483 Straftaten – inklusive Verstößen gegen das Asyl- und Aufenthaltsrecht – was einem Minus von 3,5 Prozent entspricht. Insbesondere bei Drogendelikten lässt sich aufgrund der Legalisierung von Cannabis ein starker Rückgang verzeichnen.
Allerdings lässt sich bei manchen Straftatbeständen ein Anstieg beobachten: Im Bereich Internetkriminalität etwa wuchs die Schadenssumme seit der Corona-Pandemie erheblich, von 13 Millionen Euro im Jahr 2020 auf 41 Millionen im Jahr 2024. Zudem nimmt die Gewalt an Schulen zu: Vergangenes Jahr stieg sie um zehn Prozent, bei immer jünger werdenden Tätern.
Ausländer sind in der polizeilichen Kriminalstatistik überrepräsentiert – aus vielerlei Gründen
Untersucht man die Ebersberger Daten im Hinblick auf die Herkunft der ermittelten Straftäter, ergibt sich ein ähnliches Muster wie im Rest Deutschlands: Ausländer – definiert als Personen ohne deutsche Staatsbürgerschaft – sind in der Kriminalstatistik überrepräsentiert. Die Tatverdächtigenrate von Ausländern ist etwa dreimal höher als die von Deutschen: Pro 1000 Ausländern in der Bevölkerung wurden zwischen 32 und 41 Personen als Tatverdächtige erfasst. Pro 1000 Deutschen waren es zwischen zehn und zwölf Tatverdächtige.
Dennoch kommen die Autoren der Ifo-Studie zu dem Schluss, dass Migration „keinen systematischen Einfluss auf die Kriminalität im Aufnahmeland“ hat – ein Ergebnis, das sich mit Befunden der internationalen Forschung deckt. Wie kann das sein? Wie können Ausländer deutlich häufiger in der PKS vorkommen, allerdings nicht systematisch zu einer Erhöhung der Kriminalität beitragen? Mehrere Faktoren sind hierbei zu berücksichtigen.
Zunächst ist die demographische Struktur der Ausländer zu beachten. Diese sind im Schnitt jünger und häufiger männlich, was unabhängig von der Nationalität einen Risikofaktor für Kriminalität darstellt. Laut den Autoren der Studie spielt diese Erklärung jedoch eine untergeordnete Rolle.

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Der mit Abstand wichtigste Erklärungsfaktor seien die sogenannten „ortsspezifischen Faktoren“. Damit sind bestimmte Bedingungen des Ortes gemeint, an dem die Ausländer oft wohnen. Insbesondere bei Geflüchteten sind dies meist eher städtische Umfelder sowie Viertel, die einkommensschwach sind oder eine hohe Arbeitslosigkeit aufweisen.
Zieht eine Person in ein solches Umfeld – egal, ob Ausländer oder Deutscher – erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass sie eine Straftat begehen wird. Die Forscher wissen, dass das der Fall ist, weil Ausländer, die in sozial stabilen Stadtteilen wohnen, meist ähnlich niedrige Kriminalitätsraten aufweisen wie Deutsche, sowie durch statistische Analysen, in denen soziale und wirtschaftliche Faktoren berücksichtigt wurden.
Schließlich muss beachtet werden, dass in der PKS lediglich Tatverdächtige auftauchen, keine bereits Verurteilten. Da Ausländer überdurchschnittlich oft von der Polizei als Tatverdächtige erfasst werden, tauchen sie dementsprechend häufig in der Statistik auf. Tatsächlich kamen in der gesamtdeutschen PKS von 2016 bis 2022 auf 100 Tatverdächtige mehr Verurteilte unter Deutschen als unter Ausländern.
Integrationsmaßnahmen können helfen, das Kriminalitätsrisiko zu senken
Obwohl laut den Autoren der Studie der Zuzug von Ausländern in eine Region also keinen systematischen Einfluss auf die lokale Kriminalitätsrate hat, geben sie einige Hinweise, wie das Risiko minimiert werden kann, dass sie straffällig werden: Integrationsmaßnahmen wie Sprachkurse würden nachweislich helfen, das Kriminalitätsrisiko zu reduzieren.
Auch Maßnahmen wie der erleichterte Zugang zur Staatsbürgerschaft sowie die gezielte Unterstützung bei der Jobsuche können hilfreich sein. Ein bedeutender Schutzfaktor nämlich ist die schnelle und unkomplizierte Integration in den örtlichen Arbeitsmarkt.
Schlussendlich ist die wichtigste Stellschraube bei der Bekämpfung der meisten Formen von Kriminalität jedoch die Verbesserung struktureller Faktoren – also der sozialen und ökonomischen Lage derer, die an den Rändern der Gesellschaft leben. Egal, ob es sich dabei um Ausländer oder Deutsche handelt.

