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Kreistag:Schulen erhalten keine Sozialarbeiter

Landrat Fauth spricht von unwilligen Lehrern und nicht erziehungsfähigen Eltern: Erneut hat der Kreistag die Übernahme der Kosten für Sozialarbeiter abgelehnt.

L. Brunckhorst

Sie sind immer jünger und es gibt sie in allen Bildungsschichten: Kinder, die den Unterricht stören, ihre Hausaufgaben nicht machen, sich mit Lehrern und Mitschülern anlegen. Die Politik im Landkreis weiß um dieses Problem, doch sie weigert sich, es anzugehen: Nach dem Schul- und Sozialausschuss des Kreistags hat nun auch der Jugendhilfeausschuss den Wünschen des Humboldt-Gymnasiums und der Realschule in Vaterstetten nach Sozialarbeitern nicht entsprochen.

Blick in eine Schulstunde: Der Landkreis weiß um die Probleme an den Schulen. Doch die Kosten für Sozialarbeiter will er nicht übernehmen.

(Foto: ag.dpa)

Beide Schulen hatten beim Kreis die Einstellung von Jugendsozialarbeitern beantragt und dafür auch vom Jugendamt Unterstützung erhalten, doch wie zuvor der Ausschuss für Familien, Schulentwicklung, Soziales, Kultur und Sport (FSK), vermied auch der Jugendhilfeausschuss jegliche Zusage. Der Ausschuss erkannte zwar allgemein den Bedarf an, den von Jugendamtsleiterin Anja Pondorf vorgeschlagenen Satz, wonach die Einrichtung von Jugendsozialarbeit an den Realschulen und Gymnasien befürwortet werde, strich der Ausschuss jedoch aus dem Beschluss. Statt dessen wurde das Jugendamt beauftragt, zunächst einmal den "konkreten Bedarf" zu ermitteln.

Der Ausschuss folgte damit der von der CSU im Kreistag vorgegebenen Linie, wonach zunächst die Finanzierung geklärt werden müsse. So hatten Landrat Gottlieb Fauth und Kreisrat Andreas Lenz eindringlich davor gewarnt, mit einem Startbeschluss eine Finanzierungszusage zu geben. Sie warfen zugleich der Staatsregierung vor, mit ihrer Weigerung, Schulsozialarbeit zu finanzieren, die Kosten auf die Kommunen abwälzen zu wollen. Diese Gefahr sehen auch SPD und Grüne, ihre Kreisräte Christine Gerneth und Thomas Kroll warnten jedoch im Ausschuss davor, angesichts der Notwendigkeit mit der Einstellung von Sozialarbeitern zu warten, "bis etwas passiert". Durch präventive Maßnahmen, rechnete SPD-Kreisrat Kroll vor, könne der Landkreis zudem an anderer Stelle Kosten sparen.

Landrat Fauth ließ sich davon nicht beirren. Der Landkreis könne die Kosten für Sozialarbeiter an seinen sieben weiterführenden Schulen nicht übernehmen. Diese lägen bei "mehreren hunderttausend Euro". Eine Vollzeitstelle wird auf etwa 50.000 Euro geschätzt. Im übrigen, so Fauth weiter, wehre er sich dagegen, dass das "gesamtgesellschaftliche Problem an die Kommunen runter delegiert" werde. "Manche Eltern sind nicht erziehungsfähig und manche Lehrer mehr und mehr unwillig, ihrem Erziehungsauftrag nachzukommen", machte der Landrat seinem Unmut über die steigenden Erwartungen und Forderungen Luft.

An der letztlich hinhaltenden Entscheidung des Jugendhilfeausschusses konnte auch der Hinweis von Bettina Judt vom Jugendamt nichts ändern, dass es im Landkreis München bereits an sehr vielen Realschulen und Gymnasien Jugendsozialarbeit gebe - und im Landkreis Ebersberg auch an Hauptschulen. Selbst aus Grundschulen werde dem Jugendamt seit einiger Zeit ein Bedarf an Sozialarbeitern gemeldet, so Judt.

Die Sozialpädagogin führt diese Entwicklung darauf zurück, dass Kinder und Jugendliche immer mehr Zeit in der Schule verbringen und weniger im Familien- und Freundeskreis. "Die Schule verändert sich vom Lern- zum Lebensort", sagte Bettina Judt. Damit brächten die Schüler auch ihre Probleme und Krisen aus der Familie verstärkt in die Schule mit. Den Schulen aber fehlten kompetente Ansprechpartner und das Jugendamt in der Kreisstadt werde meist erst kontaktiert, "wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen" sei. "Dann ist es oft zu spät."

© SZ vom 20.07.2010/hai
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