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SZ-Kolumne: Auf Station, Folge 6:Maden zum Nutellabrot

Frühstück in Barcelona, 2017

Der Anblick ist appetitlich - die Gesprächsthemen zum Essen sind es nicht immer.

(Foto: Johannes Simon)

Intensivfachpflegerin Julia Rettenberger über nächtliche Gespräche am Pausentisch.

Protokoll von Johanna Feckl

Es liegt erst ein paar Tage zurück, als ich mit zwei Kolleginnen während meiner Nachtschicht in unserer Personalküche am Tisch saß. Pausenzeit. Die eine packte Wurst- und Käsebrot aus, die andere einen Joghurt mit Müsli, ich mein Nutellabrot. Dazu gab es Kaffee - eh klar. Wir haben miteinander geratscht, so wie jedes Mal. Oft geht es dabei um unsere Arbeit, um Situationen, die, nun ja, kurios waren, nennen wir es so. In dieser Nacht lautete das Thema: Maden. Hunderte davon. Die hatten sich aber nicht im Abfalleimer unserer Küche breit gemacht, der länger nicht geleert worden war, nein. Es ging um Maden, die sich in offenen Wunden einquartiert hatten.

Vor gut zwei Jahren kam eine Frau mit einer Blutvergiftung zu uns auf die Station. Eine meiner Kolleginnen, mit denen ich Brotzeit machte, behandelte sie. Die Frau litt an einem sogenannten Ulcus cruris, wie meine Kollegin erzählte, eine Gefäßerkrankung an den Beinen: Die Venenklappen schließen nicht mehr richtig, das sorgt für eine schlechte Durchblutung, sodass die Haut zerfällt. Die Behandlung bei fortgeschrittenem Krankheitsverlauf zählt nicht zu den Lieblingsjobs von uns Pflegekräften, dazu braucht es nicht einmal Maden - denn es riecht nicht nur übel, sondern die Krankheit führt auch zu offenen Wunden. Deswegen ist es wichtig, dass die Betroffenen Verbände tragen und diese regelmäßig wechseln. Ansonsten ist das ein Paradies für Keime und Bakterien.

Die Patientin meiner Kollegin aber hat es mit dem Verbandwechseln nicht so genau genommen. Ihr Hausarzt hatte ihr eine Binde angelegt. Dann ist nichts mehr passiert, vier oder fünf Wochen lang. Genug Zeit, damit sich die Wunden verunreinigten und es zu einer Blutvergiftung kam, mit Maden als I-Tüpfelchen. Meine Kollegin und ein Chirurg verbrachten mit Pinzette, sterilen Kompressen und Desinfektionsmittel ausgerüstet eine Stunde damit, Hunderte von Maden von den Beinen der Frau zu entfernen. Die Viecher landeten in einer Nierenschale, die 500 Milliliter fasst. Am Ende war sie zu einem Drittel voll.

Intensivpflege Fachkraft Kreisklinik Ebersberg

Julia Rettenberger.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Wir Pflegekräfte sind einiges gewohnt, aber Maden aus Wunden pulen ist auch für uns eine Ausnahme. Der Patientin ging es gut, sie hat von der Prozedur nichts gespürt. Die Maden hatten sogar etwas Gutes: Sie haben das tote Gewebe und den Dreck aus den Wunden gefressen. Nicht umsonst gibt es medizinische Madentherapien. Im Prinzip passiert dort nichts anderes, nur werden die Tierchen absichtlich in die Wunden platziert.

Wir drei saßen also vor unserer Brotzeit, nachts um drei Uhr, meine Kollegin erzählte - und wir mussten furchtbar lachen über ihr Maden-Intermezzo. Ich hab weiter in mein Nutellabrot gebissen. Es war lecker.

Julia Rettenberger ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 27-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit an der Kreisklinik in Ebersberg. Die gesammelten Texte finden Sie unter sueddeutsche.de/thema/Auf_Station.

© SZ vom 14.06.2021
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