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Coronavirus:Kreis Ebersberg: Wirtschaftskrise stärker als anderswo

Rapsfeld mit Kirche im Bairer Winkel, 2020

Abendstimmung: Ein Rapsfeld mit Kirche im Bairer Winkel im Landkreis Ebersberg.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Laut einer aktuellen Studie könnte der Landkreis Ebersberg von den Corona-Folgen im regionalen Vergleich überdurchschnittlich betroffen sein.

Die Corona-Krise könnte die Beschäftigten im Landkreis Ebersberg härter treffen als in vielen Nachbarlandkreisen. Dies geht aus einer aktuellen Studie des Wirtschaftsforschungsunternehmens Prognos AG hervor. Demnach sind nur gut ein Drittel aller sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze im Landkreis Ebersberg einer Branche zugeordnet, die von der Krise wenig betroffen ist. Bei gut der Hälfte aller Betriebe mit Angestellten gehen die Statistiker von Prognos von einer mittleren, beim Rest sogar von einer hohen Betroffenheit durch die Krise aus.

Verschiedene Faktoren tragen laut Prognos zu dieser Betroffenheit von der Krise bei. Neben fehlenden Arbeitskräften, entweder durch Erkrankung oder auch durch Einreiseverbote und Kontaktbeschränkungen, sind dies etwa unterbrochene Lieferketten, fehlende Aufträge wegen zurückgehender Nachfrage sowie in der Folge Kurzarbeit oder gar Zwangsurlaub der Belegschaft. Zwar gehen die Experten davon aus, es gebe wohl "keinen Bereich der Wirtschaft und des öffentlichen Lebens, der nicht mit Auswirkungen der Krise konfrontiert ist". Dennoch seien einige Bereiche und deren Beschäftigte stärker betroffen.

Glück hat, wer wie gut 12,9 Millionen Bundesbürger etwa in der öffentlichen Verwaltung, in der Finanz- und Versicherungswirtschaft, im Gesundheits- und Sozialwesen oder Erziehung und Unterricht tätig ist. Diese gelten, genau wie Baugewerbe, Informationsdienstleistungen sowie Bergbau, Entsorgung, Energie- und Wasserversorgung als relativ krisenfest. Für den Landkreis Ebersberg sind laut Prognos 32,9 Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Jobs in diesen Sektoren angesiedelt, das sind 5,6 Prozentpunkte weniger als der Bundesschnitt.

Zum Glück für die Landkreisbewohner trifft dies auch auf das andere Ende der Tabelle zu: jene Berufe, die sehr stark von der Krise betroffen sind. Darunter fallen neben dem Bereich Tourismus und Gastronomie auch das produzierende Gewerbe, speziell in der Chemie-, Kunststoffindustrie sowie beim Maschinen- und Fahrzeugbau. Auch die "Kultur- und Kreativwirtschaft" gilt laut Prognos als von der Krise stark betroffen. Rund 7,5 Millionen Arbeitnehmer haben einen Job in einem dieser Bereiche, was 22,4 Prozent der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze ausmacht. Im Landkreis liegt der Anteil mit 16,4 Prozent deutlich niedriger.

In Freising ist es genau umgekehrt

Überdurchschnittlich ist dagegen der Bereich, dem die Prognos-Experten eine "mittlere Betroffenheit" attestieren. Dazu zählen neben der Land- und Forstwirtschaft auch die Herstellung von Konsumgütern - egal ob Lebensmittel, Kleidung oder Medikamente - sowie Handel, Logistik und weitere unternehmensnahe Dienstleistungen. Bundesweit arbeiten 13 Millionen Leute oder 39 Prozent der Arbeitnehmer in einem dieser Bereiche, im Landkreis Ebersberg dagegen 50,7 Prozent.

Dies deckt sich mit den Daten des Bayerischen Statistischen Landesamtes über die Wirtschaftsstruktur im Landkreis. So hat das produzierende Gewerbe deutlich an Bedeutung verloren. War vor einem Jahrzehnt noch knapp jeder vierte sozialversicherungspflichtige Arbeitsplatz in diesem Bereich angesiedelt, sind es mittlerweile um die 20 Prozent. Gewachsen ist im gleichen Zeitraum indes der Anteil bei den Dienstleistungen. Der lag vor zehn Jahren noch bei etwa 35 Prozent, inzwischen machen Dienstleistungen rund 40 Prozent der Jobs im Landkreis aus. Der Sektor Handel und Verkehr schwankt nach einem leichten Anstieg in den 2000er Jahren seitdem um den Wert von 37 bis 38 Prozent.

Dass es vor allem letzterer Sektor ist, der den Experten Sorge bereitet, zeigt ein Vergleich mit den Landkreisen Erding und Freising. So liegt laut Prognos im Nachbarlandkreis bei 38,8 Prozent der Jobs eine niedrige und bei 46,3 Prozent eine mittlere Betroffenheit vor. Was sich damit erklärt, dass der Anteil der Dienstleistungen in Erding etwas höher, jener bei Handel und Verkehr etwas geringer ist als in Ebersberg.

In Freising ist es genau umgekehrt, hier sehen die Experten nur 24,1 Prozent der Arbeitsplätze als durch die Krise nur gering betroffen an. Dafür sind 57,3 Prozent der Jobs mittelschwer und 18,6 Prozent schwer betroffen. Auch dies entspricht der Datengrundlage des Statistischen Landesamtes: Demnach entfallen fast die Hälfte aller im Landkreis Freising vorhandenen Arbeitsplätze auf den Bereich Handel und Verkehr, die laut Prognos vergleichsweise krisenfesten Dienstleistungsjobs machen dagegen nur knapp 30 Prozent aus.

Über die Frage, wie krisensicher die Jobs der Landkreisbürger insgesamt sind, gibt die Studie allerdings nur bedingt Auskunft. Denn untersucht wurde die "regional vorherrschende Branchenstruktur", in Folge also die Arbeitsplätze, welche im Landkreis vorhanden sind. Von denen gibt es weit weniger als sozialversicherungspflichtig beschäftigte Kreisbürger. Laut Statistischem Landesamt haben rund 32 Prozent von ihnen ihren Arbeitsplatz außerhalb der Landkreisgrenzen, die meisten davon in Kreis und Stadt München.

Dort sind mit 55 und 65 Prozent die meisten Jobs im Dienstleistungssektor angesiedelt, der Anteil der wenig betroffenen Jobs liegt demnach bei 37,4 und 41,3 Prozent. Allerdings ist auch der Anteil der Dienstleistungen in Gastronomie und Gewerbe höher, darum liegt auch der Anteil der stark betroffenen Jobs mit 21,6 Prozent im Landkreis und 19,9 in der Stadt München höher als in Ebersberg.

© SZ vom 18.05.2020/koei
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