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Ebersberg:Kreis Ebersberg: Im Alter hinter verschlossenen Türen

363 ambulant betreute Wohngemeinschaften in Bayern

Eine ambulant betreute Wohngemeinschaft (Symbolfoto).

(Foto: dpa)

Das Amtsgericht Ebersberg verzeichnet so viele Betreuungsverfahren und Zwangsunterbringungen wie noch nie. Der Grund: Immer mehr demente Bürger, die sich oder andere gefährden.

Es ist eine der schlimmsten Vorstellungen, die man mit dem Alter verbinden kann: eine Demenz, die so hilflos und unberechenbar macht, dass man die Zielgerade seines Lebens hinter verschlossenen Türen verbringt. So hart das klingt: Im Landkreis Ebersberg ist dieses Szenario für immer mehr Menschen Realität. Nichts anderes lässt sich aus der aktuellen Statistik herauslesen, die das Amtsgericht Ebersberg am Freitagmittag bei einem Pressegespräch präsentiert hat. Demnach sind die Fälle der Betreuungsverfahren und Zwangsunterbringungen im Kreis Ebersberg 2019 verglichen zum Vorjahr erheblich angestiegen - und damit so hoch wie noch nie.

Die Jahresbilanz 2019 stellten der Direktor des Amtsgerichts Christian Berg und sein Stellvertreter Markus Nikol vor. Demnach ist die Zahl der laufenden Betreuungsverfahren im Vergleich zum Vorjahr um knapp sechs Prozent gestiegen, von 1260 auf 1331. Bei den neu hinzugekommen Betreuungsverfahren liegt der Anstieg gar bei 16 Prozent. 2018 waren es noch 339, vergangenes Jahr kommt das Ebersberger Amtsgericht auf 394 zusätzliche Verfahren. Nicht ganz so erheblich, aber doch sichtbar, ist der Anstieg der von Ebersberger Amtsrichtern genehmigten Unterbringungen - also ein richterlich angeordneter Freiheitsentzug einer Person, die aufgrund geistiger Verwirrtheit und Desorientiertheit vor sich selbst geschützt werden muss, oft ist hier eine Demenz das Thema. Hier steigt die Zahl im Kreis Ebersberg um gut sechs Prozent von 77 auf 82.

Warum dieser Anstieg? Für Gerichtsdirektor Berg gibt es dafür vor allem eine Erklärung: Die klare Tendenz, dass die Menschen immer älter werden, wodurch Krankheiten wie Demenz verhältnismäßig zunehmen. Eine Entwicklung, die nicht nur, aber eben auch den Landkreis Ebersberg betrifft. Bevor es zu einer angeordneten Betreuung oder gar einer Zwangsunterbringung kommt, muss ein Richter diesen Schritt überprüfen. Bei einer Betreuung erhält die betroffene Person einen bestellten Betreuer, der unter gerichtlicher Aufsicht die Vertretungsmacht erhält. Bei einer Unterbringung kommen die Betroffenen in geschlossene Abteilungen von Kliniken.

Die auch aus solchen Anstiegen resultierenden Probleme im Pflegebereich sind bekannt: Zu wenig Personal, prekäre Arbeitszeiten, noch prekärere Bezahlung - und das in einem alles andere als einfachen Berufsfeld. Im Pressegespräch in Ebersberg ging es nun um die Auswirkungen, welche diese Entwicklung schon auf die Gerichte hat, bevor es überhaupt zu einer angeordneten Maßnahme kommt. Denn auch im Gericht, dies lässt sich aus der Betreuungsstatistik herauslesen, steigen die Anforderungen. Christian Berg erklärte, dass er sich die Entwicklung fürs nächste Geschäftsjahr genau ansehen werde. Schon jetzt aber sei klar. "Wenn es so weiter geht, ist es irgendwann nicht mehr machbar."

Derzeit sind im Amtsgericht Ebersberg acht Richter im Einsatz, sieben davon in Vollzeit, eine Richterin arbeitet 75 Prozent in Teilzeit. Drei der Richter kümmern sich um Prozesse, bei denen es um Betreuung und Unterbringung geht, hinzu kommen vier Rechtspfleger und vier weitere Mitarbeiter, die speziell für diesen herausfordernden Bereich zuständig sind, gerade wenn es um angeordnete Unterbringung geht. "Bei dementen Menschen ist es oft so, dass sie sich total dagegen wehren", sagt Berg. Sie sähen dann nicht den Schutz, sondern vor allem den Freiheitsentzug. Die Folge: Der Prozess werde noch aufwendiger, es müsse eine einstweilige Verfügung her, und auf den Schreibtischen der Richter stapelten sich die Akten.

Richter Markus Nikol, bei dem im Schnitt jeden Monat 45,3 neue Verfahren unterschiedlichster Art (etwa Zivil- oder Strafprozesse) auf dem Schreibtisch landen, muss diese Prozesse alle selbst führen und zu Ende bringen, er darf bei Überlastung keinen Fall an einen Kollegen abgehen, der etwa gerade mehr Luft hat, so schreibt es das juristische Regelwerk vor. Im Schnitt dauert ein Verfahren 4,2 Monate, es kann sich aber auch deutlich länger hinziehen. Wie er mit dem Druck klar kommt? "Es ist auf Kante", sagt Nikol. Das System funktioniere, "wenn keiner krank ist, keiner einen Skiunfall hat" oder anderweitig fehle, so Nikol. Sein Vorgesetzter ergänzt: "Diese Situation tritt praktisch nie ein."

Richter Markus Nikol ist Richter und stellvertretender Direktor am Ebersberger Amtsgericht.

(Foto: Christian Endt)

Nikol und Berg sprechen vom Gesamtapparat, den das Amtsgericht Ebersberg ausmacht, 2019 waren das insgesamt 60 Mitarbeiter, von denen 33 Vollzeit und 27 in Teilzeit beschäftigt waren, insgesamt also ein Mitarbeiter weniger als 2018. Auffällig ist der hohe Frauenanteil, mit 43 fast drei Viertel der Belegschaft. Berg erklärt dies einerseits mit dem flexiblen Teilzeitmodell des Gerichts, was die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleichtere. Hinzu komme seiner Erfahrung nach, dass im Richter- und Rechtspfleger-Beruf Frauen oft mehr Qualität aus Studium und Lehre mitbringen würden, so Berg. "Sie haben die besseren Noten."

Schwierigkeiten gibt es vor allem bei der Suche nach sogenannten Servicekräften, also Mitarbeitern, die in erster Linie Verwaltungsangelegenheiten erledigen. So gingen dem Amtsgericht im abgelaufenen Jahr mehrere Servicemitarbeiter verloren. Bei drei Stellen gelang es dem Gericht nicht, sie nachzubesetzen.

© SZ vom 17.02.2020/koei
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