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Der Sport im Ort:"Ich werde nie das essen, worauf ich Lust habe"

Zwei wichtige Titel in einem Jahr, für diese Momente richtet Lena Etessam ihr Leben aus: Arbeiten, trainieren, fasten - alles für die Fitness und die Form des Körpers. Mit seinen Vor- und Nachteilen.

(Foto: Christian Endt)

Die 24-jährige Ebersberger Bodybuilderin Lena Etessam begibt sich täglich auf die komplizierte Gratwanderung zwischen Training, Beruf und Ernährung.

Lena Etessam kneift die Augen zusammen und presst die Lippen aufeinander. Vor Anstrengung zischt sie beim Ausatmen. Maximale Konzentration auf die vier Sätze am Lastzug. Die Übung stärkt vor allem die Muskeln des Latissimus, des breitesten Rückenmuskels. "Die Flügelchen", wie Etessam sie nennt. Fast jeder Teil ihres Körpers ist durchtrainiert. Daran arbeitet sie an fünf Tagen in der Woche in einem Ebersberger Fitnessstudio.

Die Ebersbergerin ist 24 Jahre alt, Bodybuilderin und seit diesem Jahr bayerische Meisterin in der Klasse "Fitness-Figur". Keine ihrer gut zehn Konkurrentinnen war so gut wie sie. Von vielen bekam sie Lob für ihre Form. Doch ein ständiger Begleiter Etessams sind Selbstzweifel - und, wie sie erzählt, eine atypische Essstörung.

Dass sie einmal die Beste Bayerns in ihrer Klasse sein würde? Vor fünf Jahren begann sie mit schwererem Krafttraining und bewusster Ernährung. Etessam tat das Training gut, sagt sie, "es half beim Stressabbau". Doch sie kam in eine extreme und ungesunde Phase, trainierte schon mal vier Stunden am Tag. Sie aß teilweise so viel, dass es von alleine wieder hochkam, sogenanntes Binge Eating. Und dann wieder phasenweise kaum etwas.

Ihr Essverhalten hält sie selbst für nicht natürlich

Essstörungen sind gefährlich, gerade in der Bodybuilding-Szene aber weit verbreitet. Etessam ging das Thema an. Von ihrem Trainer bekommt sie mittlerweile feste Ernährungspläne. Ihr sei bewusst, dass auch die jetzige Ernährung kein natürliches Essverhalten ist, sagt sie. Weil alles nach Plan läuft und komplett kontrolliert ist. Aber immerhin. Genau das habe ihr geholfen, mit der Essstörung umzugehen und in guten Phasen nicht mehr so viel über das Essen nachzudenken.

Normalerweise kommt mittags Hähn-chen mit Avocado, nachmittags Hähnchen mit Reis und Gemüse, abends Thunfisch mit Kartoffeln und Gemüse auf den Tisch. Zum Frühstück Haferflocken, Eiweißpulver, Banane oder Himbeeren. Für ihre Ernährung gibt sie etwa 400 Euro im Monat aus. Sie muss Supplements kaufen, die sie durch die normale Nahrung nicht aufnehmen und die Omega 3, Vitamin B oder Zink enthalten. "Ich werde nie einfach das essen, worauf ich Lust habe", sagt Etessam. Zum Italiener gehen oder sich einen Döner holen, "das kann ich gar nicht mehr". Doch sie sagt, sie wisse, was ihr Körper braucht und was gut für ihn ist.

Beim Bodybuilding gibt es die Off-Season, in der die Athleten Muskulatur und Masse aufbauen. In der On-Season, die bei Etessam von Januar bis Mai geht, machen die Athleten eine Diät, um ihr Körperfett zu reduzieren und die perfekte Form für den Wettkampf zu erreichen. Gerade in dieser Phase "war eigentlich nix mehr mit Leben" sagt Etessam. Keine Freizeit oder Zeit für Freunde. "Da muss man sein Ding durchziehen", sagt die 24-Jährige. In dieser Zeit sei man schlapp und extrem müde. Beim Treppensteigen habe sie sich am Geländer festhalten müssen, "damit die Beine nicht wegknicken", sagt sie. Das Wichtigste für den Wettkampf: "alles zu tun, was ich tun kann, damit ich mir später nichts vorwerfen kann". Nun hat sie sich mit dem bayerischen Meistertitel belohnt. Für solche Momente richtet sie ihr Leben aus. Alles für die Form und den Körper.

Zurück im Fitnessstudio, Etessam zieht einen Seilzug mit beiden Armen zu sich. Dabei ist sie in der Hocke, den Blick starr geradeaus, an den Armen treten die Adern hervor. Sie zieht das schwerste Gewicht, das es bei diesem Gerät gibt, 85 Kilo. Heute steht Rückentraining an. "Eh meine Stärke", sagt Etessam. Ihre Tage sind durchgeplant. Jeden Tag klingelt der Wecker um sechs Uhr. Derzeit macht sie eine Ausbildung zur Fitnesskauffrau in Zorneding. Für die Kunden sei es beruhigend, wenn sie von jemandem betreut werden, "der offensichtlich Erfahrung mit dem Sport hat". Disziplin in der Arbeit, im Training - und bei der Diät.

Bodybuiliding gilt als oberflächlicher Sport, ist aber harte Arbeit

Etessam trainiert geschminkt, mit lackierten Fingernägeln und blondierten Haaren. Klar sei das Bodybuilding ein oberflächlicher Sport und das Aussehen sei wichtig, sagt sie. Aber für die Athleten sei es vor allem harte Arbeit. Es sei wichtig, auch bei großer Anstrengung trotzdem nie das Gewicht loslassen. "Wenn man das Reißen anfängt, klemmt man sich schnell was ein", sagt sie.

Über die Risiken sei sie sich bewusst, sagt sie, dass der Lebensstil auch gefährlich sein könne. Man lerne sich und seinen Körper gut kennen. "Es ist wie ein Tick im Kopf, und irgendwann sieht man sich selbst nicht mehr". Mit ihrem Trainer spricht sie fast alles ab und fragt auch Außenstehende nach Feedback. "Manchmal muss mich mein Coach auch bremsen", sagt Etessam. Er verordnet ihr auch schon mal drei Wochen Trainingspause, damit sich der Körper erholen kann. Sie hatte auch schon Verletzungen, eine Entzündung an der Schulter macht ihr heute noch zu schaffen. Sie trainiert fünfmal pro Woche, das Wochenende ist frei. In der Off-Season ist der Sonntag gar ihr Ausnahmetag, an dem sie auch mal Pizza, Croissant oder Donuts essen kann.

Viele haben wenig Verständnis für den Sport - und den Lebensstil

Die meisten würden jedoch wenig Verständnis für ihren Sport und Lebensstil zei-gen. Das sei normal, aber trotzdem schade. Beim Essen nimmt sie Vorgekochtes mit, dann fallen Sprüche wie "Jetzt musst du wieder deine Tupperdose auspacken". Es sei anstrengend, sich permanent rechtfertigen zu müssen. Immer wieder wird sie gefragt, ob sie irgendwann mit dem Training aufhören wird oder ob sie sich noch schön finde. Doch Bodybuilding sei ein Lebensstil, von dem man nie so ganz wegkommen wird, sagt Etessam. Der Reiz sei, seinen eigenen Körper zu formen, "das Beste auch sich herauszuholen".

2017 startete sie auf dem ersten Wettkampf. Damals war es eine Überwindung für sie, sich nur in Bikini auf eine Bühne zu stellen. Sie sei sehr unsicher gewesen. Doch der Sport habe ihr sehr geholfen. Ein Athlet habe zwar immer etwas an sich zu meckern. "Aber heute bin ich viel selbstzufriedener" sagt sie. Im Mai trat sie sogar bei den deutschen Meisterschaften an, was weniger erfolgreich verlief. Der Grund dafür war wohl, dass sie für die Fitness-Figur-Klasse schon zu viel Muskeln und Masse aufgebaut hatte. Im Paar-Posing, also das Posen mit einem männlichen Partner, wurde sie Deutscher Meister, "eines meiner schönsten Erlebnisse", sagt Etessam.

Ihr Leben lang will sie nicht an Wettkämpfen teilnehmen, sagt sie. Doch so weit ist es noch nicht. "Ich würde gerne andere Athleten trainieren und Erfahrung weitergeben". In diesen Wochen will sie vor allem an ihren Beinen arbeiten. Ihr Ziel: Sich einmal mit internationalen Athleten messen - und 2020 vielleicht an der Qualifikation für die EM teilnehmen.

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