Lockdown"Es ist unverständlich, von der Politik ignoriert zu werden"

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Angelika Neuwieser.
Angelika Neuwieser. Sindia Boldt

Angelika Neuwieser aus Ebersberg betreibt seit 1996 einen Kosmetikladen. Anders als Friseure darf sie nach wie vor keine Kunden empfangen.

Interview von Johanna Feckl

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Mehr als 22 Wochen hat Angelika Neuwieser ihren Kosmetikladen in Ebersberg, den sie seit 1996 betreibt, in den vergangenen elf Monaten schließen müssen. Im Gespräch erzählt die 64-Jährige, wie sie die Pandemie erlebt.

SZ: Frau Neuwieser, als Argument für die frühere Öffnung von Friseuren führt Ministerpräsident Markus Söder an, dass die Möglichkeit auf einen Friseurbesuch auch etwas mit Würde zu tun habe. Was sagen Sie dazu?

Angelika Neuwieser: Zwei Sachen: Zum einen fühle ich mich mit meinem gesamten Berufsstand auch entwürdigt. Und zum anderen - und das empfinde ich als noch schlimmer: Meine Kunden werden entwürdigt. Mir geht es überhaupt nicht darum, einen anderen Berufsstand als Sündenbock heranzuziehen - im Gegenteil: Ich gönne es jedem von Herzen, wenn er wieder öffnen darf. Aber eine Ungleichbehandlung von Berufen, die mindestens vergleichbar sind, das ist einfach nur sehr schwer zu verkraften.

Sie sagten, dass Sie Behandlungen im Bereich der medizinischen Hautpflege anbieten. Medizinisch notwendige Behandlungen sind ja aber erlaubt.

... sofern die Behandlung von einer staatlich geprüften Kosmetikerin durchgeführt wird, ja. Ich zum Beispiel bin jedoch eine Fachkosmetikerin, medizinisch geprüft. Das ist ein Unterschied. Wir arbeiten aber ebenso vorbeugend, etwa durch Fuß-Reflexzonen-Massagen oder intensive Gesichtsbehandlungen. So etwas stoppt zum Teil das Fortschreiten von Beschwerden.

Wie erging es Ihnen, als Sie im vergangenen Frühjahr zum ersten Mal Ihren Laden wegen der Pandemie schließen mussten?

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Von Johanna Feckl

Ich erinnere mich sehr gut an den 16. März 2020, als Herr Söder die Lage in einer Pressekonferenz geschildert hat. Ich habe seine Aussagen als sehr dramatisch empfunden, sodass ich augenblicklich meinen Laden geschlossen habe. Ich nehme die Pandemie ernst; ich bin keine Medizinerin und muss auf die Beschlüsse vertrauen, an die ich mich auch gewissenhaft halte. Aber wenn es eine grobe Ungleichbehandlung gibt, dann ist das einfach nicht gut - für niemanden: weder für die Bevorzugten, noch für die Benachteiligten.

Sie sehen die Kosmetikbranche hier also benachteiligt im Vergleich zu Friseuren, um ein Beispiel zu nennen.

Ja, aber nicht nur. Es geht mir beispielsweise auch um kleine Einzelhändler. Die Kunden können wunderbar nach Terminvereinbarung einzeln in die Läden kommen. Es ist doch so: Wir alle sitzen in einem Boot. Um uns herum peitscht ein Sturm und alle haben Angst. Und dann wird ein einziger herausgenommen und sicher aus dem Sturm hinfort getragen. Wie sollen alle übrigen, die weiterhin ausharren müssen, darüber denn denken? Dass so großer Unmut aufkommt, ist doch klar.

Friseure werden von mehr Menschen genutzt als Kosmetikstudios - so gehen etwa kaum Kinder zur Maniküre, wohl aber viele zum Pony-Schneiden in den Friseurladen. Die Öffnung der letzteren betrifft also mehr Menschen als die der Kosmetik-Läden. Ist das keine Rechtfertigung?

Nein. Wenn man die Wahl hat zwischen Haare schneiden und zur Kosmetikerin zu gehen, dann wählen die meisten wohl den Friseur. Aber wenn ich sehe, dass in einigen Salons mehrere Menschen in einem geschlossenen Raum sind, während kosmetische Einzel-Behandlungen in der Regel in abgeschlossenen Kabinen durchgeführt werden, die ausgiebig gelüftet werden, dann ist das ungerecht.

Wie gestaltet sich Ihr Arbeitstag während des Lockdowns?

Mittlerweile darf ich Produkte verkaufen. Meine Kunden bestellen telefonisch und ich liefere dann zu ihnen nach Hause. Aber unser Geschäft ist und bleibt die Behandlung direkt am Kunden: Es geht um Hautpflege und vertrauensvolle Zuwendung. Und was auch wichtig ist: Wir sehen bei unseren Behandlungen auch Anomalien.

Was meinen Sie damit?

Es gibt Fälle, in denen stellen wir Dinge fest, die so nicht sein sollten, etwa einen Knoten unter der Haut oder ein auffälliges Muttermal. Wir empfehlen den Kunden dann ein Abklären beim Arzt. Das ist nicht an der Tagesordnung, aber es gehört zu unserem Berufsbild. Damit leisten wir weitaus mehr als nur das Erfüllen dekorativer Zwecke. Somit ist es unverständlich, von der Politik ignoriert zu werden.

© SZ vom 15.02.2021 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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