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Konzertkritik:Wegweiser im Seelengestrüpp

So wie Chris Gall seine Titel spielt, laden sie ein, sich darin zu vertiefen, ohne sich darin zu verlieren.

(Foto: Christian Endt)

Chris Gall stellt in einer feinsinnigen Performance seine neue CD "Room of Silence" vor

Wenn Musiker ein neues Album herausbringen, gleichen sie häufig Eltern, die sich über die Geburt eines Kindes freuen. Noch ist es in unserem Kulturkreis gebräuchlich, dieses Kind dann auch "aus der Taufe zu heben". Durchaus passend also, wenn Chris Gall die Vaterstettener Petrikirche wählt, um der Nachbarschaft seine neue CD "Room of Silence" vorzustellen, sein zweites Solo-Album. Zumal er sich dann auch den Wunsch erfüllen kann, "zu meinem Konzert zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu kommen". Auch wenn der Jazz-Pianist inzwischen weltweit gefragter Konzertpartner ist, so zieht er doch einen großen Teil seiner Inspiration aus der Welt, in der er lebt und zuhause ist. Womit auch schon sein Verständnis für die "Silence" geklärt wäre, die er nicht im engsten Wortsinn als "Stille" verstanden haben will, sondern als "Ruhe" oder "Geborgenheit" - und seine Musik als Wegweiser für jeden einzelnen von uns dorthin. Weshalb er darin auch nichts Kontemplatives oder gar Wellness-Sound erkennen mag, sondern eine aktive, mitunter sogar lebhafte Anstiftung zum Aufbruch.

Gleich bei seinem ersten Stück an diesem Abend, "Another Love Song", kann das jeder im gut besuchten Konzertraum für sich spüren. Lieben kann man schließlich alles mögliche, abhängig von Seelenzustand, Tagesform und individuellen Vor-Lieben. Ob es nun der Spaziergang im Regen ist, an die einen diese Melodie erinnert, die Sprache Shakespeares, eine Sonate Rachmaninoffs oder ein Gestrüpp aus wilden Brombeerranken - Galls grooviger Rhythmus ist so nahe am Herzschlag, als habe er das menschliche Leben in seiner Rechten und die Kräfte der Natur in seiner Linken. Oder der Titel "Mosaic", bei dem er eine ihm bisher unbekannte Klangkonstruktion aus Indien aufgreift, die ihm diesen Sommer begegnete. Er erweitert sie um Akkorde, mal kraftvoll, mal filigran, schichtet die Klangfarben in jagende Linien und tanzende Kugeln und macht, die Ohren schicken erstaunte Signale an die (geschlossenen) Augen, das Mosaik von der Seite her und aus dem Inneren heraus sichtbar. Man hat von Drogen gehört, die diese Wirkung entfalten sollen. Offenbar geht es mit Musik mindestens so gut.

Was dem Publikum spürbar guttut, ist die Bescheidenheit Galls, der seine Kunstfertigkeit in den Dienst der Melodien und ihrer Hörer stellt, damit deren Sinne glühen, nicht sein Stern. So, wie er seine Titel angelegt hat, und so, wie er sie spielt, laden sie ein, sich darin zu vertiefen, ohne sich zu verlieren. Bestes Beispiel: die Hommage an den Gitarristen von Radiohead, "Yorke's Guitar". Die Wegweisung, die er sich vorgenommen hat, ist ein behutsames, sorgsames Geleit. Keine Vorschriften, keine Pflichten, aber eben auch keine Ablenkung, die derlei nötig machen würde. Sein "Jazz ohne Artistik", wie er sich beispielsweise in "Children's Daydream" aus seinem ersten Album zeigt, ist näher an Chopin als an Brubeck. In "It never entered my mind" lässt er aufs Piano transferierte Trompetensoli Miles Davis' so elegant mit der Thermik von Radioheads "Daydreaming" schweben, dass nicht nur Ballonfahrern das Herz aufgeht. Die "Backstage Cadence", deren Akkorde ausrollen wie die Wellen eines Meeres, verfügt über die Gelassenheit eines John Cage und das Lieblingslied des Solisten, "Empty, Pale Blue Paper", bietet der Fantasie innerhalb weniger Minuten so viel Spielraum wie ein großes sinfonisches Werk.

Was die Freiheit des Komponisten angeht, der seine eigenen Werke spielt: Wie bei der CD-Aufnahme auch beeinflusst Gall den Ausdruck seines Instruments, je nachdem, ob er eine Eigenkomposition in die Hände nimmt oder die Coverversion eines fremden Titels. Da ihm in der Petrikirche nur ein Instrument zur Verfügung steht und er nicht zwischen zwei Flügeln unterschiedlicher Stimmung wechseln kann, nutzt er das Hilfsmittel des "präparierten Klaviers". Bei "Hymn to freedom" nach Oscar Peterson legt er ein Blatt Papier auf die Saiten, dessen Rasseln dem Klang eine verwegene Rauheit gibt, fast schon zur Percussion-Begleitung wird. Bei "Julia" von John Lennon moduliert er die Schwingungen der Saiten in Richtung Gitarre, für die das Original geschrieben war. Obwohl es sich um technische Eingriffe handelt, wirkt das Ergebnis nicht künstlich, zumal der Pianist nicht übertreibt, sondern dieses Register nur zieht, wo es in die Dramaturgie des Vortrags passt. So entwickeln sich die Effekte organisch aus der Spielweise, wirken unverkrampft und erzeugen Spannung. Dafür dankbarer und lebhafter Applaus eines hingerissenen Publikums, jede Sekunde davon wohlverdient.