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Konzert in Poing:Gemeinsam auf dem fliegenden Teppich

Der Freitagabend in der Poinger Rupert-Mayer-Kirche: Klarinettistin Lisa Riepl (links), der Vaterstettener Dirigent Maximilian Leinekugel und das Ensemble "Munich Classic Players".

(Foto: Christian Endt)

Wie die Zuschauer in der Poinger Rupert-Mayer-Kirche und die Mozart-Klänge der "Munich Classic Players" harmonisch zusammen finden

Von Ulrich Pfaffenberger, Poing

Indem er überwiegend seinem Heimatlandkreis Ebersberg treu bleibt, nimmt sich der Vaterstettener Dirigent Maximilian Leinekugel für seine Munich Classical Players die Freiheit, immer wieder einmal neue Spielstätten für Konzerte auszuwählen. Dieses Privileg eines jungen Ensembles kam am Freitagabend der ebenfalls noch jungen Rupert-Mayer-Kirche in Poing zugute, deren Sakralraum sich für ein sinfonisches Konzert öffnete. Der Kontrast zwischen der schlichten, großflächigen Architektur des Kirchenraums und dem filigran-verspielten Klangraum Wolfgang Amadeus Mozarts schien, soweit die Erwartungshaltung vor dem Konzert, für eine solche Begegnung größtmöglich. In der Wirklichkeit des Klarinettenkonzerts "KV 622" und der Jupiter-Sinfonie erwiesen sich dann beide als nahezu idealfällig komplementär.

Das lag vor allem am Selbstbewusstsein und der davon getragenen Spielweise des Orchesters. Es ist spannend, die Classical Players und ihren Dirigenten dabei zu beobachten, wie sie sich miteinander entwickeln. Das dritte gemeinsame Jahr des jungen Klangkörpers nähert sich seiner Vollendung in einem überzeugenden Grad orchestraler Reife - ohne dabei jener erfrischenden Elemente des Sturm und Drang zu entbehren, die ein Publikum aus dem "Ach dieses Stück schon wieder"-Modus reißen.

Ohrwurm-Klassiker wie das Klarinetten-Konzert, schier endlos für Film- und Fernsehhintergründe geplündert, eignen sich hervorragend als Maßstab, ob sich ein Orchester schon in der Routine eingerichtet hat oder ob ihm das Stück noch etwas bedeutet. Leinekugel, Jahrgang 1995, und sein Ensemble befinden sich da auf der Skala noch ziemlich nahe an der Perfektion. Was sich unter anderem daraus ablesen lässt, wie sie innerhalb der drei Sätze ihre Akzente setzten und gleichzeitig die Einheit des Stücks wahrten. Sie begannen ihre Aufführung am Freitag mit einem sehr flotten sinfonischen Allegro, dessen opernnahe Passagen das Orchester mit freundlicher Heiterkeit zum Blühen brachte. Dem folgte ein Adagio, das in Schönheit schwelgen durfte, aber nicht zerfloss, sowie ein abschließend lebhaftes Rondo-Allegro, spielerisch leicht und mozarteisch durchwachsen, von klassischer Eleganz und zuckergussbefreit.

Man merkte es der Solistin Lisa Riepl an, wie gut aufgehoben sie sich in diesem Umfeld fühlt. Sie spielte ungezwungen und befreit, schwebte schwerelos durch Gesänge und Tänze auf den Notenlinien, wobei sie das Orchesters wie ein fliegender Teppich begleitete, in lockerer Verbundenheit und so fein gewoben, dass die Klarinettistin die Freiheit hatte, sich in Nuancen warmherzig zu verlieben und technische Details glänzen zu lassen wie geschliffenes Kristall. Wenn diesem Konzert soviel Natürlichkeit innewohnt und so wenig Artistik anhaftet, wie es dieser Abend den beeindruckten Zuhörern bescherte, dann ist so herzhafter und begeisterter Applaus uneingeschränkt verdient, wie ihn die Poingerin vom gut besuchten Haus zur Pause erhielt.

Diesen Impuls griff das Orchester dann zur Jupiter-Sinfonie erneut auf. Wiederum souverän bewegte es sich auf einer eigenen Spur durch das vorgezeichnete Mozart-Universum, konzentriert geleitet von seinem Dirigenten, der sich erkennbar dagegen sträubt, sich einfach so mit dem Glanz beliebter Klassik-Hits zu schmücken, sondern sich lieber die Anerkennung aus dem Stück heraus erarbeitet. Er vermittelt dabei glaubwürdig den Eindruck eines Künstlers, dem jeder mit eigener Hand gestaltete und geglückte Satz eine Erfüllung ist. Die er mit seinen Musikerinnen und Musikern teilt.

Wie gut ihm das gelingt, war in der Rupert Mayer-Kirche mustergültig zu hören. Denn auf gewisse Weise ist die Akustik der Kirche entlarvend. Im Fall der Munich Classical Players muss man einschränken "sie könnte es sein". Denn an den nüchternen Wänden spiegeln sich die einzelnen Stimmen so trennscharf, dass selbst die schmale Bass-Gruppe von zwei Celli und einem Kontrabass aus dem Streicherklang kristallklar herauszuhören ist; das macht die Schwäche in der Besetzung mehr als wett. Auch die diversen Instrumente der Bläsergruppe lassen sich sauber gegeneinander absetzen - im Studio würde man von "Kanälen" sprechen. Die Akustik honoriert damit das akkurate Spiel und den blitzsauberen Ansatz im Blech wie im Holz, die feinen Abfolgen von piano und forte, das ausgeklügelte Wechselspiel von Solisten und Gruppen.

Ein weiterer Effekt hat gerade dem Mozart an diesem Abend in Poing besonders gutgetan: In der Weite des Raums bekam der Orchesterklang etwas unbeschwert nach oben Entschwebendes, ohne sich je aus der Nähe der Zuhörer zu lösen. So gesehen darf man den herzlichen Schlussapplaus auch als Zeichen der Verbundenheit deuten.

© SZ vom 25.02.2019
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