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Konzert in Grafing:Gitarrenklang mit digitaler Dimension

Konzert im Hasi Grafing

Wird seinem exzellenten Ruf gerecht: der australische Gitarrist Michael Fix beim Konzert in Grafing.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Der Australier Michael Fix erweist sich als Brückenbauer zwischen Saitenkunst und Musiktechnik

Von Ulrich Pfaffenberger, Grafing

1980 war ein verrücktes Jahr in der Geschichte der Popmusik. An der Spitze der internationalen Hitparaden standen so gegensätzliche Titel wie Bette Middlers "The Rose", Billy Joels "It's Still Rock and Roll to Me" und "Funky Town" von Lips Inc. direkt nebeneinander. Da begann sich bei den Commodores "Still", aber unaufhaltsam Lionel Richie in die Solo-Karriere zu verabschieden; da landete Charlie Dore mit "Pilot of the airwaves" ein evergreentaugliches One-Hit-Wonder; und da tauchte mit der britischen Band Sky eine Progressive-Rock-Band am Musikhimmel auf, die sich bei ihrer "Toccata" doch glatt eines Themas von Johann Sebastian Bach bediente. Das fabelhafte Gitarrensolo von John Williams, der damals im klassischen Metier zu den besten seiner Generation zählte, klingt bis heute vielen im Ohr. Inklusive der intensiven elektronischen Effekte aus der Frühzeit der musikalischen Digitalisierung.

In diese Tradition reiht sich Michael Fix ein, der am Sonntag im Grafinger Hotel Hasi einen überzeugenden Grund dafür lieferte, dass er immer wieder zu den aktuell herausragenden Musikern an der Akustikgitarre gezählt wird. Anders als einst bei Sky kommt seine Interpretation der Toccata ohne Elemente der Rock-Musik aus, bedient sich aber wesentlich stärker in der Schatzkiste der Bits and Bites. Seine Maton-Gitarre dürfte daher bei Puristen der Saitenmusik Stirnrunzeln auslösen. Aber ist es nicht angebracht, einen Musiker zu würdigen, der es meisterhaft versteht, neue technische Möglichkeiten in sein Spiel zu integrieren? Ja, mehr noch: Dem es gelingt, eine elektronische Variante der Gitarre in einen innovativen Klangraum zu transponieren, dem die klassischen Elemente noch anzuhören sind, der aber mit modernen Elementen eine neue Dimension schafft?

Manches Mal an diesem Abend vergaß man über der Betrachtung der Spielweise Fix', die ganze Aufmerksamkeit den Klängen zu widmen. Wie stellt er das nur an, dass er gleichzeitig auf dem Griffbrett die Töne markiert, die Saiten schlägt und mit einer Hand den Korpus zur Percussion nutzt? Zaubertricks? Playback? Drei Hände? Alle Rätsel lösen sich, wenn man bereit ist zu akzeptieren, dass hier einer sein instrumentales Können im Fingerstyle-Spiel ins digitale Zeitalter transformiert - und perfektioniert! - hat und damit seiner Fakultät eine neue Spielform beschert im Spannungsfeld von elektronischem Impuls und Saitenschwingung.

Dass der Australier von Klassik bis Flamenco, von Rock bis Jazz, von Folk bis Blues versiert ist, zeigt die Bandbreite der Stücke, mit denen er sein Konzert bestreitet. Inhaltlich wie melodiös zutiefst berührend der "Coppertown Blues" in Erinnerung an seine Kindheit in der Industriestadt Port Kembla in New South Wales. Wo die Luft in der Schule am Fuß des 250 Meter hohen Schornsteins zeitweise so dreckig war, dass die atemlosen Kinder nach Hause geschickt wurden. Für ein paar Minuten legt Fix hier seine Rolle als entspannt-fröhlicher "Aussie" ab und konfrontiert sich und sein Publikum mit einer Realität, die auch beim Klassiker "Waltzing Matilda" nicht immer nur vom Abenteuer im Outback schwärmt.

Die lange Reihe an Eigenkompositionen im Repertoire bringt neben dem spielerischen auch das poetische Können des Musikers zum Vorschein: Das erst in diesem Sommer bei einer Schifffahrt auf der Rhone entstandene "Watercolours" hat die Innerlichkeit eines Monet und die Farbigkeit eines Renoir. Ähnlich tief und ergreifend seine Betrachtung über "Denali", den Nationalpark in der Wildnis Alaskas; ein Kunst-Stück über ein unbekanntes Land, das einem von Takt zu Takt näher rückt, bis die Sehnsucht übergroß ist, ähnliches zu sehen und zu spüren, wie es diese Komposition ausstrahlt. Mit seinem Klassiker "Sunrise over Alice", verbildlicht in Impressionen von fliegender Leichtigkeit und unter Einsatz aller Spielformen, die seine Gitarre hergibt, geht es einem genauso. Seine Interpretationen von "My guitar is my sweetheart" und des Beatles-Songs "A day in the life" strotzen nur so vor folkloristischer Lebendigkeit und innerer Frische - was auch für Stücke aus seiner Heimat gilt, wie das "Down Under" der Men at work oder "Friday on my mind", 1966 von den Easybirds vorgestellt und heute im Register der "Sounds of Australia" verzeichnet.

Fix hat ein außerordentlich gutes Gespür für die dramatischen Momente jedes Stücks. Er setzt es ein, um den Melodien seine eigene Note zu geben und gleichzeitig eine emotionale Verbindung zu seinen Zuhörern aufzubauen, die mit "gebannt lauschend" und "hingebungsvoll" nur annähernd zu beschreiben ist. Dem Schlussapplaus im ausverkauften Saal nach werden sie alle wieder da sein, wenn Fix 2019, wie jedes Jahr, wieder in Grafing vorbeischaut.

© SZ vom 06.11.2018

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