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Konzert:Ein Strom der Sinnlichkeit

Musikschule VAT Argentinischer Tango

Jonathan Bockelmann (Gitarre) und Stephan Birk (Klarinette) gehen behutsam mit der Melodie zu Werke.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Piazolla-Tangos im Live-Stream der Musikschule Vaterstetten leben von filigranen Musikern und exzellenter Technik

Von Ulrich Pfaffenberger, Vaterstetten

"Das Leben geht weiter, pack's an." Diese Botschaft sendet der Film "Sur". Als er 1988 entstand, hatte die argentinische Heimat des Autors und Regisseurs Fernando Solanas zwar die mörderische Zeit der Militärdiktatur schon fünf Jahre hinter sich, war aber noch immer zerrissen im Bewältigen der Folgen. Der Regisseur verstand seinen Film als Mutmacher, wie schon die ersten Zeilen seines Gedichts "Vuelvo al Sur" zeigen: "Ich kehre zurück zum Süden, wie man immer wieder zur Liebe zurückkehrt..."

Wer sich am Freitag Zeit nahm für das online gestreamte Konzert der Musikschule Vaterstetten, dem begegnete der Komponist, der diesem Lebensgefühl - und dem Film - seine charakteristische Melodie gegeben hat: Astor Piazolla. Seine Tangos, geprägt vom aufregenden Wechselspiel zwischen Distanz und Berührung, von Hoffnung und Verzweiflung, sind mehr als argentinische Folklore. Sie sind Stimme dort, wo Menschen verstummen, und bringen Farbe dorthin, wo alles grau erscheint. In der Ouvertüre zum Film verdichtet sich das auf jenes Maß, von dem ein Teelöffel genügt, um einen See zu färben.

Wie sich Stephan Birk und Jonathan Bockelmann, beide Instrumentallehrer an der Musikschule, dieses und weiterer Tangos als Lieder ohne Worte annahmen, war von so großer Intensität, dass es die technische Distanz der Übertragung mühelos überwand. Die Kombination aus Klarinette (Birk) und Gitarre (Bockelmann) verlieh den melancholischen Tönen ebensolche Dichte und Sinnlichkeit, wie sie zum lebhaften Dialog der Gegensätze beitrug - und wie sie Spielraum für filigrane Momente ließ, bei denen die feinen Töne und nachhallenden Schwingungen die Wirkung ausmachten. Die Wahl zugunsten der Klarinette anstelle des Saxofons erwies sich in diesem Sinn als durchweg vorteilhaft. Das macht das Klangbild geschmeidiger, bringt mehr Licht und Farbe ins Spiel.

Welche weitgreifenden Deutungsmöglichkeiten ein Tango bietet, bei dem nicht zwei Tanzende umeinander kreisen, sondern sich die Klangstränge ineinander verweben, brachte das dritte Stück des Konzerts nahe, "Mumuki". Dramatische Figuren, mal zögernd, zweifelnd, introvertiert, mal federleicht schwebend und frei verursachten Gänsehaut beim Zuhören. Die Innigkeit, mit der Bockelmann die Saiten seiner Gitarre zum Schwingen bringt, hat jene seltene, dafür umso ergreifendere Freiheit von jeder Sentimentalität. Seine Kunst, Gedanken aus der Musik mit seinen Fingerspitzen herauszulocken, wird den Liebhabern gepflegter Saitenmusik auch künftig noch viel Freude machen. Im Duett mit Birk entsteht etwas fast schon Übersinnliches: So langsam und behutsam gingen die beiden Musiker mit der Melodie zu Werke, dass die letzten Töne sich in einer Schwerelosigkeit verloren, von denen Tanzende nur träumen können. Nur, um sich nach kurzem Atemholen anschließend in das quirlige Leben des "Street Tango" zu stürzen, bei dem einer mit wilden Schritten aufregende Figuren zeichnet, während den andere den Boden federn lässt unter schleppenden Schritten und Führung gibt mit starken Händen. Nur zwei sind da am Spielen, vermitteln aber eine Vitalität, als sein ganz Buenos Aires auf den Beinen.

Der Tontechnik gebührt uneingeschränktes Lob für die blitzsaubere Arbeit an den Reglern. Für Qualität auf diesem Niveau reicht es nicht aus, nur Mikrofone richtig zu platzieren; da ist Musikverstand und sehr gutes Gehör gefragt - und wird geliefert. Mangels Abspann im Video gehen hier Bestnoten an zwei Unbekannte, die Maßstäbe setzen für die Qualität von Streaming-Konzerten. Egal, welche Anforderungen die Konzertszene künftig noch bereithält: Hier sind Musiker wie Publikum in besten Händen.

Mit knapp zwanzig Minuten schien das Konzert sehr knapp bemessen. Für vier Titel wäre auf Verdacht kaum einer in den Konzertsaal aufgebrochen. Auch für eine Aufführung vor dem Bildschirm wirken vier Titel nicht gerade üppig. Bevor man sich in die Stimmung hineingefühlt hatte, war's auch wieder vorbei. Zumal die Kulisse, an dieser Stelle schon einmal angesprochen, in ihrer schulischen Nüchternheit wenig dazu beiträgt, die eigenen Emotionen anzufachen. Doch: Halt! Klingt nicht jetzt, Tage später, in den Live-Zuhörern nach, was sie da gehört haben? Drängt nicht die Sehnsucht nach einem Wiederhören dazu, wieder und wieder das Video aufzurufen? Alles richtig gemacht also - und allen Beifall wert.

© SZ vom 22.02.2021
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