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Kommunalwahl in Markt Schwaben:Mission im Schlossidyll

In Markt Schwaben steht bei der Kommunalwahl ein Vierkampf um den Chefsessel im Rathaus an. Die Kandidaten für die Nachfolge von Georg Hohmann könnten unterschiedlicher nicht sein - und doch eint sie ein gemeinsames Ziel

Das vielleicht imposanteste Rathaus im Landkreis Ebersberg steht in der ärmsten Gemeinde: Wer auch immer bei der Kommunalwahl im März neuer Bürgermeister von Markt Schwaben wird, große finanzielle Sprünge kann derjenige sich nicht erlauben. Dafür wird sein Arbeitsplatz in einem ehemaligen Schloss liegen.

(Foto: Christian Endt)

Bei der Wahl zum idyllischsten Rathaus im Landkreis Ebersberg hätte die Gemeinde Markt Schwaben sicherlich gute Chancen. Handelt es sich doch um ein Gebäude, das einst als Schloss diente und lediglich von innen umfunktioniert wurde. Seither residiert dort der Bürgermeister mit seiner Verwaltung. Und nun wechselt der Chef. Vier Kandidaten haben sich positioniert, um den amtierenden Schlossherren Georg Hohmann zu beerben. Der Sozialdemokrat hat die Altersgrenze erreicht, und so wird sich künftig sein Nachfolger den drängendsten Themen in Markt Schwaben annehmen. Etwa dem Schulneubau und der prekären Finanzsituation der Gemeinde. Vier Kandidaten also, für eine Mission im Schlossidyll, mit der leergefegtesten Schatzkammer Oberbayerns.

Frank Eichner (CSU)

Kandidatenpodium BGM Wahl Markt Schwaben

Mit Frank Eichner könnte die CSU nach 18 Jahren Pause wieder übernehmen.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Frank Eichner ist ein Zeitgenosse von freundlicher Natur, mit Ausnahme beim Stichwort Schulden. "Markt Schwaben ist nicht arm", stellte der 55-Jährige unlängst im Rahmen einer Podiumsdiskussion fest und wurde in dieser Ansicht prompt von einem Mitbewerber bestätigt. Hintergrund ist Markt Schwabens Schuldenberg, der lange vor Eichners Engagement als Bauamtsleiter zu wachsen begann. Würde man Bürgermeister Georg Hohmann als Vater der neuen Grund- und Mittelschule bezeichnen, wäre Eichner mindestens der Patenonkel dieses zukunftweisenden, größten und teuersten Bauprojekts in der Ortsgeschichte. Eichner wohnt mit seiner Ehefrau in Zorneding. Er macht aber deutlich, dass die Wähler am 15. März - und einer eventuellen Stichwahl zwei Wochen später, auch über die Wohnortfrage entscheiden werden. "Wenn ich gewählt werde, ziehen wir nach Markt Schwaben." Fünfeinhalb Jahre leitet Eichner mittlerweile das Markt Schwabener Bauamt, diese Erfahrungswerte, das Wissen über Verwaltungsangelegenheiten, hat er seiner Konkurrenz voraus. Eichner machte im Lauf des Wahlkampfs deutlich, dass er sich für eine Strategie beim Thema Stadtentwicklung einsetzen wolle, bei dem die Bürger besser miteinbezogen werden. Gelingt ihm der Wahlsieg, würde im Rathaus nach 18 Jahren SPD-Führung wieder die CSU regieren. Nach dem gebürtigen Hessen Hohmann würde dann ein in Ditzingen groß gewordener Schwabe das Zepter im Schloss übernehmen. Ein Schwabe in Markt Schwaben.

Michael Stolze (SPD und FW)

Kandidatenpodium BGM Wahl Markt Schwaben

Würde die SPD-Regentschaft gerne fortführen: Michael Stolze.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Auch lokal findet Wahlkampf längst im Netz statt, das sieht man an Social-Media-Wahlkämpfer Michael Stolze. Unlängst konnte man den Markt Schwabener auf Instagram und Facebook bei seiner wortgewandten Aktion "Burger für Bürger" verfolgen. Mit Pfannenwender und Grillzange servierte er gut 50 selbst gebratene Patties in der Fußgängerzone, wobei die Wahl der Flankierung der Fleischscheibe (Salat/Zwiebel/Tomaten) dem Vertilger oblag, was man Stolze wohlwollend als Fördern von Bürgerbeteiligung auslegen kann. Stolze ist 49 Jahre alt und damit längst kein digital native mehr, dafür unter den Bewerbern der einzige local native. Die Eingeborenen-Karte spielt er offensiv, in einem Wahlkampf-Video auf Instagram steht Stolze etwa an einer Ecke der Schulgasse und erzählt, wie er dort als Bub mit Spezln Ortsthemen erörterte. Stolze hat den Doppel-Nimbus des Schwabener Eigengewächses, der es zum Feuerwehrkommandant gebracht hat. Diese Kombi dürfte den Malus seines Umzugs nach Buch am Buchrain vor 17 Jahren wettmachen. Stolze, in führender Positionen im industriellen Mittelstand, hat zwei Kinder und eine Ehefrau. Für die Rückkehr nach Markt Schwaben, so ist zu erfahren, fehle der Familie nicht der Wille, sondern die Immobilie. Sein Wahlprogramm "Vision 2032" ist nichts anderes als die Idee eines Gesamtkonzepts für den Ort. Etwa, dass beim Schulbau "keine handwerklichen Fehler unterlaufen" und Zeit- und Finanzplan eingehalten werden. Zugute könnte ihm kommen, dass mit SPD und Freien Wählern zwei Ortsverbände hinter ihm stehen. Manko seiner Vision: Im Plan fehlt eine Burgerbraterei.

Raphael Brandes (Grüne)

Kandidatenpodium BGM Wahl Markt Schwaben

Raphael Brandes könnte der erste Grünen-Bürgermeister im Ort werden.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Raphael Brandes wird nachgesagt, dass er aufgrund seiner gastronomischen Ausbildung Mitbewerber Stolze mit dem Pfannenwender gehörig den Schneid abkauft. Zehn Jahre lang hatte der 45-Jährige das Gasthof Oberbräu in Markt Schwaben, das er nun aufgibt, um zu verhindern, dass ihm vor der Wahl Befangenheit unterstellt wird, wie er erklärt, etwa falls im Oberbräu Gemeindefeiern stattfinden. Brandes wird sich neuen Dingen widmen, und mit Vorliebe wäre das der Vorsitz im Rathausschloss als Markt Schwabens erster Grüner Bürgermeister überhaupt. Geld ist das leidige Thema dieser Zeit in Markt Schwaben. Das weiß auch Raphael Brandes, der an dieser Stelle gerne an seine Erfahrungen in der Finanzwelt erinnert. Andere Politiker kämen von der Verwaltung, sagte Brandes bei seiner Nominierung durch den Grünen Ortsverband. "Ich komme vom Verkauf." Auf einem Video, auch Brandes ist in den Netzwerken aktiv, spricht er über seine Zeit als Verkaufsdirektor eines Schokoladenherstellers mit Personalverantwortung für 60 Mitarbeiter. Erfahrungen, die ihm halfen, um den finanzschwachen Sportklub BSG Markt Schwaben in zehn Jahren als Präsident wirtschaftlich flott zu machen. Nun könnte Brandes für das zum Sparprogramm verdonnerte Markt Schwaben zum rettenden Dagobert Duck werden. Ein Ziel, neben dem Schulbau: Brandes will ein Verkehrskonzept im von Parksündern geplagten Ortsinneren entwickeln. Historisch gesehen hat Brandes gute Karten, in der Ortsgeschichte gab es bereits vier Mal einen Bürgermeister, der vorher Wirt war. Raphael Brandes könnte nun der fünfte werden.

Sascha Hertel (ZMS)

Kandidatenpodium BGM Wahl Markt Schwaben

Sascha Hertel sitzt bereits im Marktgemeinderat.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Der Jüngste auf dem Wahlzettel hat gleichwohl die größte kommunalpolitische Erfahrung. Sascha Hertel, 42, wurde als einziger der vier Kandidaten in den amtierenden Gemeinderat gewählt und hat sich dort eine Rolle erarbeitet. Hertel ist der heimliche Rebell im Sitzungssaal, im Ton nonchalant, inhaltlich mit Vorliebe querdenkend. Ganz im Sinn der von ihm gegründeten Wählergruppe "Zukunft Markt Schwaben" (ZMS) fiel Hertel in den vergangenen sechs Jahren verlässlich durch Anträge auf, deren Visionen nicht selten jenseits der Horizontlinie des Gremiums rangierten. Etwa sein Vorschlag aus dem Oktober 2016: der Gemeinderat solle sich nicht auf die Errichtung eines neuen Gewerbegebiets im Burgerfeld konzentrieren, sondern ein Konzept für den kompletten Ort entwickeln. Beim Bürgermeister und auch sonst biss er damit nicht zum ersten mal auf Granit. Hertel ließ sich nicht beirren und erwies sich als verlässlich bissig. Im Wahlkampf hat er das Thema nun wieder aufgegriffen. Wie Patenonkel Eichner, Burgerbrater Stolze und Dagobert Brandes hat auch Granitbeißer Hertel eine Vision im Wahlprogramm. Seine trägt den Namen "Gemeindeentwicklungskonzept" und fordert etwa, dass die Strukturen und Aufgabenverteilungen in der Verwaltung "effektiver und effizienter" werden. Bei der Bürgermeisterwahl vor sechs Jahren tauchte Hertel wie aus dem Nichts auf und forderte Amtsinhaber Georg Hohmann heraus. Und zwar, wie Hertel erklärte, aus demokratischen Gründen: weil Hohmann sonst konkurrenzlos gewesen wäre. So erreichte der demokratische Granitbeißer Sascha Hertel damals auf Anhieb 19,3 Prozent der Stimmen. An Georg Hohmann biss er sich aber die Zähne aus.

© SZ vom 29.02.2020

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