Kommentar:Zorneding sitzt im Campervan

Die Gemeinde hat sich gemeinsam mit der Bahn auf ein ehrgeiziges Projekt eingelassen. Die Risiken hätten durchaus vorher bekannt sein können

Von Korbinian Eisenberger

Man stelle sich die Gemeinde Zorneding als einen Urlauber vor, der angesichts des bevorstehenden Campingtrips eine Packliste macht: Er besitzt ein Zelt, muss sich aber eine Luftmatratze und Gummistiefel kaufen. Zornedinger Zugreisenden geht es da so ähnlich: Der Bahnhof ist bereits vorhanden, aber nicht wenige wünschen sich einen barrierefreien Zugang - und eine Lösung für das wiederkehrende Überschwemmungsproblem in der Unterführung - was manchmal sogar trotz vorhandener Gummistiefel zu nassen Füßen und Zornedinger Zornesröte führt.

Im örtlichen Gemeinderat kam es am Donnerstag gar zu einem spätabendliche Fausthieb eines Ortspolitikers auf den Sitzungstisch. Anlass war eine schwer verdauliche Information in der letzten Sitzung vor den Ferien: Der Bau des neuen Empfangsgebäudes für den Zornedinger Bahnhof dürfte laut Bahn fast doppelt so teuer werden wie bisher geplant: 1,5 Millionen statt 880 000 Euro - Zahlen, die einem traditionell auf die schwarze Null gedrillten Zornedinger Ortspolitiker ebenfalls die Zornesröte auf die Wangen treibt. Oder war es diesmal eher die Schamesröte?

Nicht die Preissteigerung um fast 100 Prozent ist das Problem. Sondern das Projekt an sich. Um - ferienbedingt - im Bild zu bleiben: Zorneding hätte es bei der Planung dabei belassen können: Entwässerung der Unterführung klären, Aufzug bauen. Fertig. Stattdessen lässt sich der Gemeinderat auf ein deutlich größeres Projekt mit der Deutschen Bahn ein: Eine Empfangshalle samt Kiosk, das Wasser- und Aufzugthema sind da im Endeffekt nur noch Randerscheinungen. Alles ganz nett, aber eben auch deutlich teuerer. Und aus finanzieller Sicht - wie längst bekannt - nie restlos kontrollierbar. Nicht nur, weil die Preise für Baumaterial sich ändern, und das meist nach oben.

So gleicht Zorneding einem Camper, der mit seiner Packliste (Gummistiefel, Luftmatratze) in ein Fachgeschäft geht, dort einem beflissenen Verkäufer begegnet (Bahn), das Geschäft alsbald mit einem nagelneuen Campervan mit Kühlschrank verlässt - und sich dann ärgert, wie teuer zu Ferienbeginn doch die Benzinpreise sind.

© SZ vom 31.07.2021
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