bedeckt München 24°

Kommentar:Weniger wäre mehr

Die Idee der Zukunftsaktie ist ärgerlich, weil erstens die Energieagentur ihren guten Namen für so einen Humbug hergibt und zweitens das Projekt durchaus gute Ansätze hat, die aber als Einzelvorhaben sinnvoller wären

Produkte, die mehrere Funktionen erfüllen, sind bei Verbrauchern ganz offenbar beliebt. Das gilt bei Haarpflege oder Süßigkeiten, bei Werkzeugen und anderen Elektrogeräten - und offenbar auch bei Produkten, welche die Folgen obengenannter Konsumartikel ausgleichen wollen, so wie der geplanten Zukunftsaktie der Landkreise München und Ebersberg. Darüber, dass es sich dabei um keine Aktie handelt, weil sie weder handelbar ist noch Dividende verspricht, mag man hinwegsehen. Genauso wie über die Tatsache, dass der Name "Aktie" für ein Umweltschutzprojekt ungefähr so passend ist, als würden die Anonymen Alkoholiker zu Veranstaltungen namens "Frühschoppen" einladen, ist es doch die auf Pump finanzierte Wirtschaft, die den klimaschädlichen Wachstumsdruck erzeugt. Doch viel problematischer als eine etwas ärgerliche Benennung ist, dass das Projekt zahlreiche Konstruktionsfehler aufweist.

Das fängt mit dem Versprechen von Kompensation an. SPD-Kreisrätin Bianka Poschenrieder hat recht, wenn sie dies mit dem Ablasshandel früherer Zeiten vergleicht. Ob der die Seelen in den Himmel springen ließ, muss mangels Nachfragemöglichkeiten als unbekannt gelten, dass eine CO₂-Kompensation gut fürs Klima sei, darf man aber getrost ins Reich der Mythen und Legenden verweisen. Das gilt nicht nur für die Zukunftsaktie sondern für alle ähnlichen Produkte - die nicht mehr sind als eben das: Ein Geschäftsmodell. Kassiert wird bei Leuten, die zwar wissen, dass ihr Lebensstil schädlich ist für Umwelt, Klima und Lebensqualität künftiger Generationen, die aber keine Konsequenzen daraus ziehen, weil sie glauben - oder glauben wollen -, man kann das Problem mit Geld regeln. Kann man aber nicht. Die Natur nimmt weder Scheck noch Karte und eine kompensierte Menge CO₂ verschwindet nicht aus der Atmosphäre.

Allenfalls ist dies ein vages Versprechen. Etwa wenn Projekte unterstützt werden, die vielleicht beitragen, dass irgendwann weniger Kohlendioxid ausgestoßen wird. Und das führt zum nächsten Konstruktionsfehler der Zukunftsaktie: Um rein rechnerisch eine Tonne CO₂ zu kompensieren, braucht es hierzulande eine Menge Geld. Damit aber die Sünder den Ablassbrief erwerben, darf er nicht zu teuer sein, ergo wird nur die Hälfte des eingesammelten Geldes hier, die andere in Entwicklungsländern investiert, weil da ja alles viel billiger zu haben ist. Inklusive der Hoffnung, man könne den üppigen Lebensstil eines Westeuropäers führen und die Folgen durch die Finanzierung von ein paar Setzlingen im globalen Süden ungeschehen machen.

Das Ganze ist um so ärgerlicher, weil erstens die Energieagentur ihren guten Namen für so einen Humbug hergibt und zweitens das Projekt durchaus gute Ansätze hat, die aber als Einzelvorhaben sinnvoller wären. Wenn die Landkreise beispielsweise statt Zukunftsaktien einfach mehr Verschmutzungsrechte kaufen würden, als ihre CO₂-Emissionen ausmachen und den Rest stilllegen. Auch die Crowdfunding-Plattform für Energiewende-Maßnahmen, egal ob lokal oder international, hat Potenzial. Diese sollten die Landkreise beziehungsweise die Energieagentur auf jeden Fall anbieten, aber ganz ehrlich als Spendensammlung und ohne den Ablassbrief einer angeblichen CO₂-Kompensation.

© SZ vom 03.06.2020
Zur SZ-Startseite