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Kommentar:Unlautere Mittel

Die Gegner des Windparks im Forst gehen mit einem Horrorszenario auf Stimmenfang. Dabei wird es bald keinen schützenswerten Wald mehr geben, sollte die Energiewende nicht gelingen

Von Alexandra Leuthner

Ein Horrorszenario ist es, das die Gegner der Windkraft im Ebersberger Forst mit ihrer in der nächsten Woche startenden Kampagne entwerfen, mit Plakaten, die eine Waldidylle in Frühlingsgrün einem gigantischen Windpark gegenüberstellen. Ein großes Waldgebiet unter den mächtigen Betonsäulen wirkt wie eine Zwergenwiese zu Füßen Dutzender Goliaths. Dazwischen gespannt sind Aufnahmen von Greifvögeln und Fledermäusen sowie der Hinweis darauf, dass man mit einer Spende mithelfen könne, den Bestand des Ebersberger Forstes weiterhin zu sichern. Was ohne weiteres impliziert, dass der schöne Wald, den durchaus nicht nur die Mitglieder der Initiative schätzen, von jetzt auf gleich verschwinden wird, wenn der Bürgerentscheid am 16. Mai pro Windkraft ausgeht.

Da wird auf ein Gutachten verwiesen, das es zwar gibt, das aber kein Ersatz für die umfangreichen artenschutz-, naturschutz- und wasserschutzrechtlichen Prüfungen ist, die erst dann erfolgen, wenn der Landkreis durch den Bürgerentscheid überhaupt erst in die Lage versetzt wird, in die konkrete Planung seiner fünf Windräder einzusteigen. Von dauerhaften Schäden am Wald ist die Rede, von einer Aushebelung des Naturschutzes auch. Da wird mit ängstigenden Vokabeln wie "Zonierung" hantiert, ohne sie zu erklären, man verwendet Abkürzungen wie "WKA", was unterbewusst an "AKW" erinnert und Assoziationen von qualmenden Atomkraftwerken weckt - die, nebenbei gesagt, ja gerade unter anderem durch den Bau von Windkraftanlagen reduziert werden sollen. Von gebrochenen Versprechen seitens des Landrats und mangelndem Vertrauen ist die Rede, große Zahlen werden genannt, die sich auf den ganzen Forst beziehen, aber nicht ins Verhältnis gesetzt werden zu dem, was tatsächlich geplant ist.

Nun ist es so, dass für die Befürchtungen der Gegner von Windrädern im Forst sicher viele Verständnis haben. Jeder, der die Natur liebt, wird nachvollziehen können, dass Spaziergänger, Jogger, Radler, Jäger dort draußen ihre Ruhe haben wollen, dass ihnen die Unversehrtheit des Waldes am Herzen liegt - auch wenn der Ebersberger Forst zwar Landschaftsschutzgebiet ist, aber auch jetzt schon bewirtschaftet wird. Das darf in einem Landschaftsschutzgebiet sein, und es muss nach dem Windkrafterlass von 2016 dafür auch nicht aufgehoben werden.

Aber die Mitglieder der Initiative erweisen sich selbst und ihrem Schutzobjekt einen Bärendienst, wenn sie moralische Enttäuschung über das Handeln des politischen Gegners ins Feld führen, aber dann selbst mit unlauteren Mitteln arbeiten. Natürlich, da gibt es wohl keinen Zweifel, wären Windräder an vielen Stellen besser aufgehoben als mitten im Wald. Doch das heißt nicht, und das haben wir alle inzwischen oft gehört, dass es dann keine Proteste geben würde.

Wir alle müssen anerkennen, und das gilt für die Verteidiger des Forsts ebenso wie für die Politik, dass ohne regenerative Energie in absehbarer Zeit kein Wald mehr da ist, den wir schützen können - und die muss irgendwo herkommen.

© SZ vom 17.04.2021
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