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Kommentar:Sehenden Auges

Eine wissenschaftliche Studie belegt, was in der Tendenz bereits bekannt war: In Grafing fehlen Kita-Plätze. Erstaunlich, dass manchen Eltern eine Turnhalle wichtiger ist als Gerechtigkeit

Von Thorsten Rienth

Wer noch immer nicht glaubt, dass Grafing bei der Kinderbetreuung mit dem Rücken zur Wand steht, sollte bei Monika Wilken im Landratsamt anrufen. Und sie um die Präsentation bitten, mit der sie diese Woche in den Grafinger Stadtrat gegangen war. Auf zwölf Folien verrechnete die Soziologin darin Bevölkerungsentwicklungen, Wanderungssaldi und Betreuungsquoten. Sogar die durchschnittlichen Wohnungsbelegungen der Grafinger Neubaugebiete nebst ihrer jährlichen Zuzugverteilung sind Teil der Prognose. Sie ist die wissenschaftlich fundierteste, die es in Grafing je gab. Demnach werden in sieben Jahren 61 Krippen-, 76- Kindergarten- und 167 Betreuungsplätze für Grundschulkinder fehlen.

Die Deutlichkeit der Prognose ist neu, ihre Tendenz nicht. Deshalb war BfG-Stadträtin Marlene Ottinger in der Sitzung auch regelrecht frustriert. "Wir reden bei dem Thema hier seit Jahren hin. Aber niemanden interessiert es." Das mag zugespitzt sein - entspricht aber den Tatsachen: Die Überlegungen zur Neubau-"KiTa" an der Forellenstraße gehen zurück in die Zeit von Ex-Bürgermeister Rudolf Heiler. Die wesentlichen Beschlüsse für den Bebauungsplan bekam Grafing trotzdem erst im vergangenen Jahr zusammen. Dabei läuft die Sache sogar im sogenannten beschleunigten Verfahren. Aktuell peilt man 2021 als Eröffnungsjahr an. Dümpeln klingt da schon fast zu schnell.

Immerhin wurde das Rathaus jetzt aktiv und fackelte - wohlgemerkt gemeinsam mit der Erzdiözese München-Freising - nicht lange herum. Es legte mit dem Umbau los, damit im Straußdorfer St. Margareth-Kindergarten im Herbst eine zweite Gruppe öffnen kann. So haben wenigstens die Eltern, deren Kinder jetzt noch auf den Wartelisten stehen, eine Perspektive.

Trotzdem machten einige Straußdorfer Eltern in der Bürgerfragestunde Stimmung gegen den Ausbau. Die zweite Gruppe ginge zulasten des Bewegungsraums, klagten sie. Selbstverständlich ist diese Aufrechnung alles andere als optimal - aber nun einmal innerhalb der gesetzlichen Vorgaben. Bemerkenswert ist der Egoismus dieser Eltern. Zugunsten des Turnraums ihrer Kinder würden sie gerne den anderen Eltern 25 neue Kindergartenplätze versagen.

© SZ vom 14.07.2018
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