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Kommentar:Rückenwind nutzen

Der Bürgerentscheid hat gezeigt, dass sich offenbar viele Menschen mit Windkraft beschäftigen. Dass das auch für die Politik gilt, sieht man daran, dass nun wieder das Konzentrationsflächen-Konzept aus der Schublade geholt werden soll. Der Zeitpunkt könnte in der Tat auch nicht besser sein

Von Wieland Bögel

Nebenwirkungen sind im allgemeinen etwas, auf das man gerne verzichtet, manchmal können sie aber auch ganz nützlich sein. So im Falle des Bürgerentscheids vom vergangenen Sonntag. Der hatte die Nebenwirkung, dass sich wohl noch nie so viele Leute im Landkreis Gedanken zur Nutzung von Windkraft gemacht haben. Dass das auch für die Politik gilt, zeigt sich daran, dass nun wieder das Konzentrationsflächen-Konzept aus der Schublade geholt werden soll. Der Zeitpunkt könnte aber in der Tat auch nicht besser sein.

Neben der allgemeinen Befassung mit dem Thema hat der Bürgerentscheid noch etwas gebracht: Eine Erkenntnis. Nämlich, dass die Widerstände gegen Windräder weniger groß sind, als manche in der Politik das wohl glauben. Der Entscheid ging zwar nur mit knapper Mehrheit für die Windräder im Forst aus. Allerdings hatte sich ein gutes Drittel der Berechtigten nicht beteiligt, weil es ihnen offensichtlich egal ist, ob im Forst Windräder gebaut werden. Was rein rechnerisch ergibt, dass inklusive der Enthaltungen letzten Endes nur ein Drittel der Einwohner des Landkreises ein Votum gegen die Windräder im Forst abgegeben hat. Von denen wiederum einige gar kein grundsätzliches Problem mit Windrädern an sich haben dürften, sondern deshalb mit Nein gestimmt haben, weil sie durch das Projekt einen Schaden für den Forst befürchten.

Denn tatsächlich war als Argument gegen die Windräder im Ebersberger Forst des öfteren zu hören, man solle doch lieber die 10-H-Regel außer Kraft setzen. Dann ließen sich auch an landschaftlich weniger sensiblen Stellen Anlagen errichten. Wofür es in den vergangenen Jahren zwar in einigen Gemeinden Anläufe gab, allerdings folgte die Mehrheit in den Gremien dann dem berühmten Spruch von Karl Valentin: "Mögen hätt' ich schon wollen, aber dürfen habe ich mich nicht getraut." Schließlich sind die Bürger ja gegen Windräder und strafen all jene an der Urne ab, welche den schrecklichen Rotoren Vorschub leisten.

Nun hat sich gezeigt, dass das nicht der Fall ist, ja dass die Windkraft sogar unter besonders schweren Umständen gewinnen kann. Vielleicht wäre das ein guter Anlass, in den Gemeinden über Ausnahmen von 10 H nachzudenken. Neben einem Beitrag für die Energiewende wäre das übrigens auch einer für mehr Gerechtigkeit: Denen, die in der Nähe des Forstes wohnen, zu zeigen, dass nicht nur bei ihnen Windräder gebaut werden. Vielleicht könnte dies einen Beitrag dazu leisten, zumindest einige, die am Sonntag mit Nein gestimmt haben, mit dem Projekt zu versöhnen. Das wäre dann ebenfalls eine Nebenwirkung, auf die man es ankommen lassen sollte.

© SZ vom 19.05.2021
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