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Kommentar:Mehr Vorbilder

Es wird weiblicher

Frauen sind, sowohl in Gemeinde- und Stadträten als auch an der Rathausspitze, immer noch krass unterrepräsentiert. Trotzdem wertet es Helga Lukoschat als Fortschritt, dass im Landkreis Ebersberg fast 25 Prozent der Bewerber um das Bürgermeisteramt weiblich sind. Die Wissenschaftlerin und Vorstandsvorsitzende der Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft Berlin (EAF) forscht seit Jahren zum Thema Frauen in der Kommunalpolitik.

Aktuelle Studien belegen, dass bayernweit derzeit zehn Prozent der ehrenamtlichen Bürgermeister Frauen sind, bei den hauptamtlichen sind es gar nur 8,5 Prozent. "Zudem ist bundesweit die Zahl der Oberbürgermeisterinnen dramatisch zurückgegangen in den letzten Jahren", so Lukoschat. "Da war die Quote schon mal bei um die 15 Prozent." Aktuell liegt sie bei 8,1 Prozent. Im Kreis Ebersberg liegt die Frauenquote bei einem Verhältnis von eins zu 20 bei 4,8 Prozent.

Dieser Missstand sei auch darauf zurückzuführen, dass Frauen deutlich seltener nominiert würden. "Der Weg in das Bürgermeisteramt ist strukturell schwierig", sagt Lukoschat. Es koste viel Zeit, um Netzwerke aufzubauen, was viele Frauen abschrecke. Außerdem fehle oft die Unterstützung in den Parteien, auch im Wahlkampf selbst. "Viele Parteien setzen in der Regel auf bewährte Männer", so die Forscherin.

Frauen würden of nur nominiert, wenn niemand anderes den Job übernehmen wolle oder die Erfolgsaussichten eher mau seien. Ein Indiz für diese "Verlegenheitskandidatur" sei etwa, so Lukoschat, dass drei Viertel der Frauen, die einen Wahlerfolg erzielen, davon überrascht sind. Bei den Männern sind es nur die Hälfte, die nicht mit einem Sieg gerechnet haben.

Größere Chancen auf einen Wahlerfolg können sich Frauen erhoffen, wo ein politischer Wechsel an der Spitze angesagt ist. Studien der EAF haben ergeben, dass Männer meist zum Zug kommen, wenn dieselbe Partei wiedergewählt wird. Frauen aber kandidieren aussichtsreicher, wenn ein grundsätzlicher Umbruch angesagt ist. fla

Die Unterrepräsentanz von Frauen in der Kommunalpolitik ist ein strukturelles Problem. Dieses muss von mehreren Seiten her angegangen werden

Nicht selten begleitet das Thema Gleichberechtigung ein Gemaule im Hintergrund: "Immer das gleiche stumpfe Schema: Mann/Frau". Ja, die Diskussion gestaltet sich bisweilen etwas klischeehaft, wenn Plattitüden hervorgekramt werden, warum Frauen etwa besser zuhören und Männer besser einparken können. Aber: Nein, das ist kein Grund, das Thema fallen zu lassen. Denn allein schon die parteiinterne Entscheidung für den männlichen Bewerber und gegen die weibliche Kandidatin kann viel aussagen. Experten nennen es das "Platzhirsch-Problem", auf das Frauen oft stoßen, wenn sie in Parteien eintreten: Männer nominieren Männer.

Die meisten Parteien schaffen es nicht, den Frauenpart auch nur annähernd paritätisch abzudecken. Eine SPD-Politikerin formulierte es in den Achtzigern einmal so: "Die geringe Beteiligung von Frauen in den Parlamenten ist Verfassungsbruch in Permanenz." Besonders dramatisch ist das in der Kommunalpolitik zu sehen. Dabei gilt: Je höher das Spitzenamt, desto seltener ist es weiblich besetzt. Beispiel Landrat: Bayernweit werden von 71 Landkreise gerade einmal fünf von Frauen geführt. Ein strukturelles Problem ist es also, das zu dieser krassen Unterrepräsentanz von Frauen in der Kommunalpolitik führt, und das von mehreren Seiten - Politik, Arbeitgeber, Gesellschaft - angegangen werden muss.

Beginnen wir im Kleinen: Im Vergleich zur vergangenen Kommunalwahl vor sechs Jahren hat sich im Landkreis Ebersberg schon viel getan; sieht man es so, muss man sagen, dass 24 Prozent an weiblichen Bürgermeister-Kandidatinnen schon ein Fortschritt sind. Diese könnten wieder als Vorbilder für andere Frauen wirken, die sich bisher noch nicht in die Kommunalpolitik getraut haben. Und auf verschiedenen Ebenen zeigen, wie und dass es möglich ist: Frau sein, Mutter sein, berufstätig sein - und politisch engagiert.

© SZ vom 22.02.2020
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