Kommentar:Mehr Rehkitz auf den Teller

Tierfreunde mag der Gedanke stören, dass die im Wald geschossenen Tiere als Nahrungsmittel dienen. Dabei ist die Jagd im Vergleich zur Massentierhaltung eine humane Option, die Bevölkerung mit Fleisch zu versorgen.

Von Korbinian Eisenberger

Es ist nicht schön, wenn tote Rehe an Metallhaken in der Kühlkammer hängen. Der Gedanke, dass sich Wildtiere bei der Jagd im ungleichen Kampf befinden, ist korrekt. Sie haben keine Chance, wenn der Jäger sein Gewehr beherrscht. Dennoch muss man zu dem Schluss kommen, dass Jagd im 21. Jahrhundert eine der besten Optionen ist, die Menschen mit Fleisch zu versorgen. Wenn nicht die beste von allen.

Die häufigste Alternative: Hühner, Schweine und Rinder werden in Großbetrieben gehalten, ehe sie im Schlachthof unter Stress zu Massenware verarbeitet werden. Oft hatten die Tiere ein Leben hinter Gittern. Ziel ist, viel Fleisch auf wenig Raum in kurzer Zeit zu produzieren. Nach kaum nachvollziehbaren Transportwegen landet eine Putenbrust aus Polen in der 500-Gramm-Schale im bayerischen Discounter. Preis: Drei Euro. Wann vergeht auf solche Angebote der Appetit?

Es gibt die Möglichkeit, auf Fleisch zu verzichten. Und es gibt die Jagd. Bis zum Todesschuss leben die Waldtiere in Freiheit. Sie können sich frei bewegen und sind nicht angewiesen auf Troginhalte. Heraus kommen natürliche Lebewesen mit unbehandeltem Fleisch. Wer beim Jäger im Ort bestellt, oder an der nächsten Wildbretverkaufstelle, bekommt regionale Ware, deren Herkunft und Erzeugung auf dem Etikett eindeutig gemacht wird.

Bleibt ein Gegenargument beim Verzehr: Das arteigene Aroma des Wildes sei geschmacklich angreifbar. Ein verbreitetes Vorurteil. Kommt es doch - egal ob im gegrillten, gebratenen oder gekochten Zustand - bei Wild wie bei jeder Fleischart auf drei Dinge an: Qualität, Vorbereitung durch richtiges Abhängen und Einlegen - und fachmännische Zubereitung. Bester Beweis: Zu Weihnachten wird der Rehrücken plötzlich als etwas Besonderes zelebriert. Warum nur dann?

Am Weihnachtsgeld wird es nicht liegen. Wild kostet deutlich weniger als etwa Rind. In vielen Teilen Bayerns steht somit eines der günstigsten biologischen Regional-Produkte zur Verfügung. Eine fettarme gesunde Form von Fleisch, auch auf dem Grill. In der von Vegan- und Vegetarismus dominierten Ökoszene wird darauf noch zu wenig gesetzt. Jäger und Förster könnten mehr Wild schießen und verkaufen, gäbe es die Nachfrage her.

Den Wäldern, wo Rehe teils eine Plage für Jungbäume sind, wäre geholfen. Da nun die Schonzeit für Kitze und Geißen vorbei ist, werden die Jäger im Ebersberger Forst und überall in Bayern wieder Jungtiere töten. Das klingt nicht schön. Dennoch wäre es frohe Kunde, wenn die Nachfrage für Rehkeule auch außerhalb der Weihnachtszeit steigt.

© SZ vom 24.09.2021
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