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Kommentar:Je mehr, desto besser

Das offenkundige Desinteresse an politischen Ämtern bei der bayerischen SPD dürfte zu einem guten Teil auch für das Desinteresse der Wählerschaft verantwortlich sein. Das muss sich dringend ändern

Von Wieland Bögel

Zugegeben: Interessenten für den Posten des oder der bayerischen SPD-Vorsitzenden zu finden, dürfte selbst fähigsten Werbefachleuten derzeit schwer fallen. Die Partei insgesamt, und ihr bayerischer Landesverband besonders, ist in der mindestens zweittiefsten Krise ihrer Geschichte. Um so höher ist es zu bewerten, wenn sich jemand zumindest grundsätzlich für dieses Amt zur Verfügung stellt, wie es die Ebersberger Abgeordnete Doris Rauscher nun getan hat. Im Sinne der SPD, aber auch im Sinne einer vielfältigen Parteienlandschaft kann man nur hoffen, dass noch viele ihrem Beispiel folgen.

Ob Rauscher am Ende tatsächlich am Rennen um den Landesvorsitz teilnimmt, ist zwar noch offen, die Wahrscheinlichkeit aber gar nicht so gering. Dass die Abgeordnete aus Ebersberg vieles mitbringt, was der aktuellen Vorsitzenden fehlt, allem voran Erfahrung sowohl in der politischen Arbeit als auch im Umgang mit der Öffentlichkeit, ist unbestritten. Ein Berufsleben im Sozialbereich und ein Vorsitz im Sozialausschuss des Landtages schaden sicher auch nicht bei der Bewerbung um den Vorsitz einer Partei, die das Soziale im Namen führt. Was ja auch noch eine andere im Landtag vertretene Partei tut, die deshalb hier Erwähnung findet, um den Unterschied bei der Wahl des Vorsitzenden zu illustrieren: Denn während man bei den Christsozialen bei der Frage "Wer wird der nächste Chef?" gelegentlich Macbeth zumindest als geistiges Rüstzeug vermuten kann, war es bei der SPD - nicht nur in Bayern - eher der Busfahrplan: Man nimmt halt mit, wer gerade so rumsteht. Dieses offenkundige Desinteresse an politischen Ämtern dürfte zu einem guten Teil für das Desinteresse der Wählerschaft verantwortlich sein: Die SPD hat bei der vergangenen Landtagswahl ja nicht nur das schlechteste Ergebnis seit 1893, sondern auch den größten Einbruch im Vergleich zur Wahl davor seit einem Jahrhundert hinnehmen müssen.

Mit dieser Hypothek wird der oder die neue Landesvorsitzende ins neue Amt starten. Dass dies besonders attraktive Aussichten sind, wird niemand behaupten. Um so wichtiger wäre, dass sich trotzdem viele Genossinnen und Genossen zur Wahl stellen, nicht nur, aber auch aus dem Landkreis Ebersberg.

© SZ vom 17.11.2020

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