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Kommentar:Fehlender Abstand

Lokale Geschichtsforschung tut sich manchmal schwer, objektiv zu sein, gerade bei heiklen Themen wie der Zeit des Nationalsozialismus. So nun auch in Glonn

Große Forschungsprojekte suchen große Rahmen. Etwa, wie ein Blick auf die Mottos des Deutschen Historikertags zeigt, zu gespaltenen Gesellschaften in den Weltregionen. Zur Entwicklung von Glaubensfragen. Zu den Gewinnern und Verlierern neuer Handelsrouten. Je lokaler Geschichtsforschung dagegen wird, je tiefer die meist Ehrenamtlichen in kommunalen Archiven und Kreisdokumentationsstellen graben, desto mehr verschwimmen leider oft wissenschaftliche Methodik, lose Dokumentation und bisweilen fragwürdige Einordnungen zu einem unübersichtlichen Potpourri. Das nun vom Glonner Ehrenbürger Hans Obermair im Eigenverlag veröffentlichte Buch "Politik in Glonn. 1933 bis 1945" steht beispielhaft für diese Problematik.

Im konkreten Fall beginnt sie mit dem Verständnis, für das Obermair gleich im Vorwort wirbt. Dafür, dass sich die Glonner nicht stärker gegen die Nationalsozialisten zur Wehr gesetzt hätten: Wer sich dem Führerprinzip nicht unterordnete, konstatiert Obermair, habe "mit dem Schlimmsten zu rechnen" gehabt. "Also blieb den kleinen Beamten, Angestellten und Arbeitern, die nicht mit Selbstständigkeit gesegnet waren, die eine Familie zu ernähren hatten, kaum etwas anderes übrig, als alles über sich ergehen zu lassen - mit zu schwimmen." Nicht nur sind derartige Pauschalisierungen in der Geschichts- und Sozialwissenschaft längst überholt. Sie spinnen auch die gefährliche Mär aus den 1950er Jahren weiter, wonach die Deutschen zwischen 1933 und 1945 im Großen und Ganzen ehrwürdige Leute gewesen waren, die, ideologisch verblendet, leider den Falschen die Treue schworen.

Den als SA-Parodie auf ein Hausdach montierten "Pfingstlümmel" oder einen Glonner Wirt, der im Sommer 1934 einen Münchner Juden beherbergte, zum "Widerstand gegen die Nazis" zu verklären, ist, mit Verlaub, vermessen. Gleiches gilt für das Foto dreier in Glonn zur Zwangsarbeit verpflichteten Franzosen: "Sie machen keinen verwahrlosten Eindruck, so wie man es von den deutschen Heimkehrern aus den Gefangenenlagern kannte", steht darunter. Im Fließtext daneben gibt Obermair seine Kindheitserinnerung wieder, wonach das Zwangsarbeiterleben zumindest "in der Gemeinschaftsunterkunft erträglich" war. Ob die Betroffenen das wohl genauso sahen?

Dass der rührige Obermair Vieles so nicht gemeint hat, mag man ihm glauben. Dass Quellennachweise zwar zahlreich, aber kaum nachvollziehbar sind, mag man ihm verzeihen. Da Bürgermeister Josef Oswald (CSU) das Buch als "neutrale Betrachtung des Zeitgeschehens" lobt, stellt sich allerdings schon die Frage: Hat er es überhaupt gelesen? Oder lediglich überflogen?

Natürlich: Welchem Ehrenbürger will man ankreiden, seine Gemeinde weniger kritisch zu reflektieren, als dies vielleicht ein anderer täte? Welchem Bürgermeister will man verdenken, einen wohlwollenden Prolog beizusteuern? Aber gerade deshalb ist in der lokalen Geschichtsforschung ein gewisser Abstand so wichtig. Im Glonner Fall: zwischen Bewertern und Bewerteten.

© SZ vom 23.05.2020
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