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Kommentar:Der Markt wird es nicht richten

Zu warten, bis vielleicht doch noch eine Firma das Glasfasernetz in Vaterstetten erstellt, ist keine Option. Doch muss klar sein, dass die Planung eines solchen Projektes der Verwaltung mehr Arbeit macht

Von Wieland Bögel

Wenn man nicht alles selber macht..." Dieser von inadäquaten Arbeitsleistungen der Mitmenschen verursachte Stoßseufzer passt gut zum Vorstoß aus dem Vaterstettener Rathaus, die Gemeinde solle ein Glasfasernetz in Eigenregie errichten. Die endgültige Entscheidung darüber steht zwar noch aus, doch wenn sich nicht fundamental andere Aspekte ergeben, dürfte eine Zustimmung zum sogenannten Betreibermodell sicher sein. Dieses könnte sich am Ende durchaus mehr lohnen, als den Ausbau einer Privatfirma zu überlassen.

Der bislang letzte Versuch ist vor gut einem Jahr gescheitert, als nur zehn Prozent der für einen Ausbau nötigen Interessenten gewonnen werden konnten. Wobei allemal das Ausmaß aber nicht unbedingt das Scheitern selbst bemerkenswert ist. Denn dort, wo es für Firmen interessant ist, das Netz auszubauen, weil es viele potenzielle Kunden gibt, haben diese bereits schnelles Internet und kein Interesse.

Umgekehrt besteht der größte Bedarf da, wo es wiederum für die Konzerne wirtschaftlich uninteressant ist, etwa in den Ortschaften und Randlagen. Daran wird sich so schnell nichts ändern, zu warten, bis vielleicht doch noch eine Firma das Glasfasernetz erstellt, ist daher keine Option. Zumal es ohnehin höchst unwahrscheinlich ist, dass dann im gesamten Gemeindegebiet ausgebaut wird. Möglicherweise verstärkt sich dadurch die digitale Spaltung noch, wenn in den Ballungsgebieten nach und nach von Vectoring auf Glasfaserleitung umgestellt wird, während in den dünner besiedelten Ortsteilen gar nichts passiert. Sicher ist aber jetzt schon: Der Markt wird es nicht richten. Was interessanterweise die sonst eher privatisierungsfreundlichen Parteien im Gemeinderat, also CSU, FDP und Grüne erkannt haben, während die SPD, sonst eher für eine hohe Staatsquote, weiter auf einen eigenwirtschaftlichen Ausbau setzt.

Das angeführte Argument, der Ausbau durch die Gemeinde stelle eine nicht unerhebliche Belastung dar, ist richtig. Dabei ist es nicht einmal der finanzielle Aspekt, hier kann die Gemeinde mit großzügigen Fördermitteln rechnen. Dass die Planung eines solchen Großprojektes, auch wenn es in mehreren Abschnitten erfolgt, der Verwaltung mehr Arbeit macht, dürfte dagegen kein Förderprogramm verhindern können. Wie so oft ist es auch hier eine Frage der Prioritäten: Wenn man flächendeckend schnelles Internet in der Gemeinde will, müssen eben andere Projekte warten.

© SZ vom 24.11.2020
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