Kommentar Das Problem mit den Prognosen

Altersarmut nimmt zu - um das zu erkennen, braucht man nicht 45 Jahre in die Zukunft zu schauen

Von Johanna Feckl

Es ist Fakt, dass die Menschen ab 65 Jahren im Landkreis, deren gesetzlicher Rentenanspruch nicht zum Leben reicht, mehr geworden sind. Zwar bewegt sich der Anteil der Betroffenen nach wie vor um etwa ein Prozent. Wenn man aber sieht, dass heuer 28 Prozent mehr alte Menschen auf Grundsicherung angewiesen sind als noch neun Jahre zuvor, ist das ein deutlicher Sprung. Das sollte aufhorchen lassen. Mehr noch: Der rasante Anstieg sollte Politiker mindestens ebenso rasant mit Maßnahmen gegen diesen Trend ansteuern lassen.

Das Pestel-Institut nun schätzt einen Anstieg der Zahlen bei den Rentnern, die Grundsicherung erhalten, von derzeit 1,16 Prozent auf 39 Prozent innerhalb der kommenden Jahre. Das ist eine ziemlich steile Vorhersage. Einzig: Wie wahrscheinlich ist eine Prognose, die bis zu 45 Jahre in die Zukunft reicht?

Wichtige einflussreiche oder sogar ausschlaggebende Umstände können in einer solchen Hochrechnung nicht berücksichtig werden - und wurden es bei der vorliegenden auch nicht. Wie viele Jobs werden durch den Fortschritt in Digitalisierung und Technisierung wegrationalisiert? Wie viele neue Jobs werden durch denselben Fortschritt geschaffen? Welche Entscheidungen werden die künftigen Regierungen treffen - zum Beispiel, was das Rentenniveau anbelangt? Vieles hängt eben von Faktoren ab, die in der Zukunft liegen.

Auf den Punkt gebracht: Der Konjunktiv ist ein Problem. Er drückt Mögliches aus - und ist dadurch immer auch ein Stück ungewiss. Genauso ist es, wenn es um Prognosen geht: Wie falsch man hier liegen kann, zeigt ein Blick auf Vorhersagen vergangener Wahlausgänge. Um zu sehen, dass Maßnahmen dringend notwendig sind und zwar sofort, müssen die Verantwortlichen nicht die Zukunft voraussagen. Die Zahlen der Gegenwart und Vergangenheit sehen doch schlimm genug aus.