Kochen in Grafing Syrisch für Anfänger

Syrisch, Grafingerisch, und vegan.

(Foto: Bilals Hummus Evolution, Youtube-Screenshot)

Videos aus Grafing - Rezepte aus Syrien: Das Kochbuch "Bilals Hummus Evolution" ist seit kurzem auf dem Markt. Gekocht wird vegan, und trotzdem schmeckt's.

Von Viktoria Spinrad, Grafing/Ebersberg

Rhythmische orientalische Gitarrenklänge, in die hinein ein fröhlicher Mann Mitte 30 mit Bart, Brille und arabischem Akzent erscheint. Auf dem Holztisch vor ihm liegt ein Schneidebrett, noch ist es leer; entlang wechselnder Gitarren- und Trommelrhythmen und laufender Erklärungen verwandelt der Mann, er heißt Bilal Maikeh, Auberginen, Joghurt, Tahin und Knoblauch mit Backen, Mischen und Pürieren zu einer sehr ansehnlichen Paste - "M' tabbal aubergine", seine Lieblingsvorspeise aus der Heimat, ein kauendes Grinsen, "guten Appetit!".

Szenen, die in einem alten Bauernhaus in Grafing aufgenommen wurden - und zu dem syrisch-veganen Kochbuch "Bilals Hummus Evolution" gehören, das der Ebersberger Moritz Michael für seinen aus Syrien geflüchteten Mitbewohner in Marburg getextet hat. Der 29-jährige Ebersberger sitzt an einem sonnigen Freitagmittag im Wohnzimmer seines Elternhauses und berichtet von bisher 1000 verkauften Exemplaren des im Eigenverlag erschienenen Kochbuchs, "echt eine Menge", befindet er durchaus stolz.

Ein syrisch-veganes Kochbuch? Ein ziemliches Paradoxon, möchte man meinen, und fragt sich, wie es bloß dazu kommen konnte. Zunächst aber dauert es ein wenig, bis auch Bilal Maikeh per Skype auf dem Desktop von Michaels Laptop erscheint. Dort sind mehrere QR-Codes für die Kochvideos gespeichert, allesamt verfilmt von Michaels Bruder, der Film- und Mediengestalter ist. Auch die professionellen Fotos von Auberginen-Soße, Couscous-Salat, Falafel, Grieß-Dessert und Co. im Kochbuch sind dem Engagement eines Bekannten aus dem Landkreis zu verdanken: Der Grafinger Fotograf Valentin Winhart hat sie in seinem Bauernhaus gemacht.

"Als Bilal zu uns kam, hat er sehr viel gekocht", beginnt Michael, der eine Ausbildung zum Kinder- und Jugendtherapeuten macht, schmunzelnd zu erzählen und macht ausladende Gesten. Nach mehreren Anläufen erscheint endlich auch Bilal Maikeh auf dem Bildschirm; er ist etwas hektisch, wird öfter telefonieren. In wenigen Stunden beginnen die Vorbereitungen für eine Weihnachtsfeier, für die der 33-Jährige, der in seiner Heimat Bankangestellter war, kochen soll.

"Ich wusste gar nicht, was vegan überhaupt bedeuten soll"

"Früher wusste ich gar nicht, was vegan überhaupt bedeuten soll", schildert er in seinem charmanten Akzent. Das lernte er von Michael und den drei weiteren WG-Mitbewohnern in Marburg, sie leben allesamt vegetarisch oder vegan. "Ich musste mich anpassen, um für meine Freunde zu kochen", sagt Maikeh und faltet die Hände. Dann lehnt er sich nach vorne: "Denn alleine kochen und essen, das hat für mich keinen Sinn" und reckt die Finger in die Kamera: "Mindestens vier Personen!"

Bilal Maikeh und Moritz Michael (rechts) erklären mit Hilfe von Skype, wie sie auf die Idee mit dem veganen Kochbuch gekommen sind.

(Foto: Christian Endt)

Auf vier Personen sind auch die Gerichte im Kochbuch auslegt: sieben Soßen und Dips, zwei Salate, 19 Hauptgerichte und vier Desserts; für zehn der Gerichte gibt es die Erklärvideos aus dem Bauernhaus-Studio des Grafinger Fotografen. Die Rezepte sollen traditionelle Gerichte der ärmeren Bevölkerung Syriens sein - und der deutschen Mentalität entgegenkommen: "Zeit ist in Deutschland so wichtig", sagt Maikeh, die Gerichte sollen simpel sein und schnell gehen.

Schleichend aber entwickelte sich die Idee, ein formvollendetes Kochbuch zu entwickeln: Denn eigentlich begann alles damit, dass Michael einige von Maikehs Gerichten für Freunde zusammentragen wollte. "Dann kamen nach und nach die Ideen." Der befreundete Fotograf, dessen Fotostudio in Grafing, der Ebersberger Bernd Wolfram für das Layout, der Video-drehende Bruder... "ein kleines Heftchen gab es dann nie", sagt Michael lachend und legt den Kopf in die Hand. Stattdessen reiste man mehrmals zum Grafinger Studio, um dort "wie am Fließband" zu brutzeln, fotografieren, drehen. Das fertige Kochbuch, das "soweit die Kosten deckt", vertreibt Maikeh heute über die eigens eingerichtete Website.

Ein Projekt unter Freunden, das auch den Alltag und die Einstellung von Michael und Maikeh verändert hat. "Seitdem zelebrieren wir Essen in der WG", sagt Michael. Die Buchhaltung und das Marketing hat er nach und nach an Maikeh abgegeben. Der ist zwar anerkannter Flüchtling, aber noch ohne festen Job. "Ich habe verstanden, was die deutsche Arbeitsmentalität bedeutet", sagt er und formt die Finger zu Kreisen. "Man muss die E-Mails schnell beantworten und seine Zeit gut organisieren."

Michael lobt Maikehs Fortschritte mit der deutschen Sprache, auch habe aus der Verbindung mit dem Syrer viel mitgenommen: "Mich beeindruckt, wie er mit dieser Doppelbelastung umgeht", sich hier integrieren, in Gedanken aber bei der Familie sein, die nach wie vor im vom Bürgerkrieg geplagten Syrien ist, "das geht mir nahe". Außerdem: "Großzügigkeit und Gemeinschaftssinn." - "Das wusste ich nicht", entgegnet Maikeh, "das freut mich zu hören, normalerweise bleiben solche Gedanken ja im Herzen."

Wie es ihm inzwischen in der Veganer-WG ergehe? Fleisch vermisse er nicht, aber "niemand kann die Familie ersetzen. Aber wenn ich in die WG komme, fühle ich mich zuhause." Dann schaut er nach rechts, wo Michael sitzt. "Wie heißt dein Vater noch mal?" - "Matthias." - "Ich sage immer Papa, das ist einfacher für mich." - "Na klar, mein Bruder." Dann recken beide ihren Daumen grinsend in die Laptop-Kameras und man spürt, dass aus der Verbindung zwischen dem Ebersberger und dem Syrer mehr als nur ein Kochbuch entstanden ist.