Klimawandel:Super Sauwetter für Ebersbergs Wildschweine

Klimawandel: Wildschweine gelten als sehr fruchtbar, acht Junge kann eine Bache pro Jahr bekommen.

Wildschweine gelten als sehr fruchtbar, acht Junge kann eine Bache pro Jahr bekommen.

(Foto: Christian Endt)
  • Der Ebersberger Bauernverband beklagt Schäden auf den Feldern durch Wildschweine.
  • Dass Wildschweine sich ausbreiten, ist ein bundesweites Phänomen.
  • Die Tiere vermehren sich vor allem, weil die Winter immer wärmer werden.

Von Korbinian Eisenberger, Ebersberg

Wenn das Wildschwein den Wald verlässt, kann es zum Saubären werden, darüber ärgern sich im Landkreis gerade ziemlich viele Bauern. Das erzählt Franz Lenz, er ist der Ebersberger Kreisobmann des Bauernverbandes, bei ihm laufen die Informationen der Landwirte zusammen.

"Die Schäden auf den Feldern werden immer mehr", sagt Lenz. "Die Wildschweine trampeln im Mais und im Raps herum." Manche Landwirte bauen mittlerweile Elektrozäune um ihre Getreidefelder oder lassen Schuss-Schneisen für die Jäger stehen. Und dennoch gibt es Bauern, so Lenz, "denen wurden ganze Wiesen umgewühlt".

Der Landkreis und sein Wappentier, bisher war das eigentlich eine harmonische Beziehung, doch in diesen Monaten gerät einiges durcheinander. Vor fünf Tagen spazierte ein Zwei-Zentner-Keiler durch die Vorgärten im Ebersberger Stadtbereich, zum ersten Mal, seit es in der Region freilaufende Wildschweine gibt. Was genau die Sau in das Wohngebiet lockte, darüber lässt sich spekulieren, vielleicht war es ein Zufall, vielleicht auch nicht. Hört man sich bei Bauern, Jägern und Förstern im Landkreis um, so wird jedenfalls deutlich, dass es ins Bild passt: Die Kontrolle der Wildschweine wird immer komplizierter.

Dass Wildschweine sich ausbreiten, dass die Jäger ihnen nicht mehr Herr werden, ist ein bundesweites Phänomen, überall häufen sich die Meldungen von ungebeten Gäste in Siedlungen, über Unfälle und schmerzhafte Begegnungen. Brisant ist das, weil Wildschweine gefährlich werden können, wenn sie sich in die Enge getrieben fühlen, verletzt sind oder Nachwuchs erwarten.

Im Ebersberger Forst kommt es immer wieder vor, dass Jagdhunde aufgeschlitzt werden, viele Jäger haben dort eine "Saufeder" dabei, einen Speer für den Nahkampf, wenn ein Schuss nicht tötet.

Wildschweine vermehren sich vor allem, weil die Winter immer wärmer werden, das beobachtet auch der Ebersberger Kreisjäger Konrad Metzger. Neben dem Klima sieht Metzger einen zweiten Faktor, den zunehmenden Maisanbau in der Landwirtschaft, und dass die Felder immer näher an den Wald rücken. Dort wiederum werden immer mehr Laubbäume angepflanzt, Eichen und Buchen, deren Früchte Wildschweine gerne fressen. "Für die Wildsau sind es gerade optimale Lebensbedingungen", sagt Jäger Metzger.

Die Arbeit der Jäger im Forst war schon mal einfacher, es gibt wenige, die das besser wüssten als der Revierjäger Max Schauberger. Der 70-Jährige geht seit den Achtzigern am Stadtrand von Ebersberg auf Wildschweinjagd, vergangene Woche dann der Anruf von der Polizei: Ein Keiler spazierte durchs Wohngebiet. Schauberger rückte mit Gewehr in die Hohenlindener Straße aus, ein Schuss reichte.

Auch wenn sich das Tier womöglich nur verirrt hat, so ist für ihn klar: "Wir Jäger können den Zuwachs nicht mehr schießen", sagt er. "Die Bachen bekommen immer mehr Junge, dennoch sitze ich nächtelang auf dem Hochsitz und schieße keine einzige Sau." Es liegt kaum mehr Schnee im Ebersberger Forst, "ohne Spuren tun wir Jäger uns schwer", sagt auch Kreisjäger Metzger.

Die Jäger gehen 40 Nächte im Jahr auf Wildsaujagd

Es kommen mehr Wildschweine zur Welt, gleichzeitig wird es wegen der äußeren Bedingungen schwieriger, sie zu schießen, das ist der Knackpunkt. Und auch wenn der Eindruck ein anderer ist: Der Landkreis hat seine Wildschwein-Population im Griff, da sind sich der Kreisjäger und Heinz Utschig, der Leiter des Forstbetriebs in Wasserburg, dennoch einig. "Es sind hier nicht mehr Wildschweine geworden", sagt Utschig, "die Quote ist gleich geblieben", sagt auch Kreisjäger Metzger. Insgesamt sind das 800 geschossenen Tiere pro Jahr, wobei 650 im eingezäunten Wildpark erlegt werden.

Verglichen mit anderen Regionen ist Ebersberg tatsächlich alles andere als Wildschwein-geplagt. Für die Vergleichbarkeit werden vom Forstamt Tiere in eingezäunten Bereichen wie im Wildpark nicht erfasst. Während im Forst und seinen Randgebieten nur 150 von 250 frei herumlaufenden Wildschweinen geschossen werden, sind es im Landkreis Freising 800 erlegte Tiere, im Landkreis Landshut um die 700 und im Landkreis Eichstätt gar mehr als 3000 pro Jahr. Damit das so bleibt, gehen die Jäger im Ebersberger Forst außerhalb des Wildparks 40 Nächte im Jahr auf Wildsaujagd. "Dass wir so viele Schweine schießen, ist eine echte Leistung unserer Jäger", sagt Utschig.

Es klingt vorbildlich, wie ein Gallisches Dorf, das der Wildschwein-Ausbreitung noch standhält. Nur dass die Arbeit eben auch in Ebersberg schwierig geworden ist, für Bauern auf dem Feld, und für die Jäger auf der Pirsch, ganz ohne Zaubertrank. Jäger Schauberger erklärt, dass er sich mehr Unterstützung von der Politik wünscht, Nachtzielgeräte etwa, damit man auch ohne Vollmond und Schnee mit Beute heim kommt. Um das Verbot dieser Geräte aufzuheben, müsste der Bundestag die Waffengesetze entschärfen. Dafür bräuchte es in Berlin eine Zweidrittel-Mehrheit, was so wahrscheinlich ist, wie ein Verzicht der bayerischen Bauern auf ihren Maisanbau.

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