Energiewende bei Canon in PoingFokus auf den Klimaschutz

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Sonnenkollektoren so weit das Auge reicht - der Blick vom Dach des Canon-Bürogebäudes in Richtung Westen über die Produktionshallen ist beeindruckend.
Sonnenkollektoren so weit das Auge reicht - der Blick vom Dach des Canon-Bürogebäudes in Richtung Westen über die Produktionshallen ist beeindruckend. Alexandra Leuthner

Die Niederlassung des Drucker- und Kameraherstellers in Poing setzt ganz auf alternative Energie und bemüht sich überall im Betrieb um die Einsparung von CO₂. Mit der dritten Erweiterung ihrer Solarmodule nutzt die Firma jetzt eine der größten Dachanlagen im Großraum München und produziert 25 Prozent ihres Stroms selbst.

Von Alexandra Leuthner, Poing

Hier oben auf dem Dach hat man eine wirklich eindrucksvolle Aussicht: im Süden die Alpenkette, im Norden die Landeshauptstadt. Der Dunst der Sommerhitze lässt die zwei Windräder bei der Fröttmaninger Fußball-Arena verschwimmen, auch jene fünf, die im Westen vor Starnberg im Wald stehen, sind kaum zu erkennen, umso besser dafür die beiden Anlagen bei Bruck und Fürmoosen im südlichen Ebersberger Landkreis.

Stefan Speer ist bei Canon in Poing verantwortlich für die Energieversorgung und hat ein paar Gäste hinauf aufs Dach des Bürogebäudes geführt, wo normalerweise nur Berechtigte hin dürfen. Hier oben hat es nicht nur eine schöne Aussicht, sondern auch Solarmodule – fast so weit das Auge reicht. Ein weiteres Windrad hier, in unmittelbarer Nachbarschaft, „das würde er sich schon wünschen“, hat Speer vorhin im Aufzug gesagt.

Projektleiter Speer hat die Einführung der Solarenergie bei Canon Production Printing Poing von Anfang an begleitet. Die Niederlassung ist Teil des weltweit agierenden japanischen Mutterkonzerns, bekannt vor allem für Drucker und Spiegelreflexkameras. Etwa 1000 Mitarbeiter sind am Standort im Landkreis Ebersberg beschäftigt.

Bis 2020 war noch Océ auf den Schildern des Unternehmens im Poinger Gewerbegebiet gestanden, das damals aber schon Tochterfirma von Canon war, wie Geschäftsführer Johann Meyer unten in einem klimatisierten Empfangsraum jenen Gästen erklärt hat, die zur Einweihung des letzten Abschnitts der Solaranlage geladen sind: darunter Landrat Robert Niedergesäß, der Landtagsabgeordnete Thomas Huber, Bundestagsabgeordneter Andreas Lenz (alle CSU) und der parteilose Bürgermeister der Gemeinde, Thomas Stark.

Eine Computeranzeige zeigt Strombedarf und Eigenverbrauch in Echtzeit an.
Eine Computeranzeige zeigt Strombedarf und Eigenverbrauch in Echtzeit an. Alexandra Leuthner

Auf dem Dach ist gar nichts klimatisiert, die Julisonne brennt erbarmungslos auf 6600 Solarmodule hernieder, der helle Kies reflektiert die Hitze, kein kühlender Windhauch sorgt für Linderung. Von hier aus gleitet der Blick nach unten zu den fünf Produktionshallen, 2019 sind dort die ersten etwa 5000 Solarmodule installiert worden. Seit 2020 sind sie in Betrieb, liefern 1,5 Megawatt Peak (MWp) als maximale Solarleistung, wie Speer berichtet. Ohne die später folgenden Erweiterungen deckten sie bereits 15 Prozent des bei Canon benötigten Stroms, etwas über acht Gigawattstunden pro Jahr –  das Zweitausendfache eines Vier-Personen-Haushalts, der bei etwa 4000 Kilowattstunden liegt. Zugleich brachten die Module eine jährliche Einsparung von 626 Tonnen CO₂. Bis heute liege die Reduktion bei 4500 Tonnen, so der Projektleiter.

Mit der Amortisation der Investition von 1,27 Millionen Euro habe man nach 5,4 Jahren gerechnet. „Das ging aber schneller als gedacht wegen des Ukraine-Kriegs und der dadurch höheren Strompreise.“ Weitere Module kamen 2021 hinzu und seit Jahresbeginn sind nun auch die letzten Dächer mit Photovoltaik versehen: Bürogebäude und Casino. Sogar die Fläche auf der senkrecht am Bürogebäude angebrachten Klimaanlage wird genutzt, um Solarenergie zu erzeugen.

Dabei habe es anfangs so ausgesehen, als würde die Eigenstromerzeugung für Canon in Poing ein schöner Traum bleiben, erzählt Speer.  „Auf diese Dächer bauen Sie keine Photovoltaik-Anlagen“, nicht ohne Investitionskosten von einer Million pro Dach auf den Produktionshallen, um alle fünf Dächer stabil genug zu machen, hatte ein Statiker prophezeit. Doch ein Kollege, der sich die Dachhaut etwas genauer anschaute, hatte mit den Hallen kein Problem.

Hoch auf den Dächern von Canon lassen sich Christian Stampfer (Canon Poing), der Poinger Bürgermeister Thomas Stark, MdB Andreas Lenz, MdL Thomas Huber, Landrat Robert Niedergesäß, Canon Geschäftsführer Johann Meyer (v.l.) von Stefan Speer die Solarmodule zeigen.
Hoch auf den Dächern von Canon lassen sich Christian Stampfer (Canon Poing), der Poinger Bürgermeister Thomas Stark, MdB Andreas Lenz, MdL Thomas Huber, Landrat Robert Niedergesäß, Canon Geschäftsführer Johann Meyer (v.l.) von Stefan Speer die Solarmodule zeigen. Alexandra Leuthner

Es wurde eine stabile Dachdurchführung eingebaut, die Flächen bekiest, um sie vor zu starker UV-Einstrahlung zu schützen, die Wechselrichter für den Solarstrom nicht wie normalerweise üblich ans Dach, sondern in den Keller gebaut. „Sie arbeiten besser, wenn sie nicht zu heiß werden, dann haben sie eine höhere Lebensdauer“, so Speer. Und um schließlich sicherzustellen, dass die Produktion und die Menschen in den Hallen nicht durch heftige Wintereinbrüche gefährdet werden, erstellte man ein Schneeräumkonzept: Die Module sind so angeordnet, dass man mit einer Schneefräse durchfahren kann, und ein Alarmsystem im Innern gibt Bescheid, wenn es Zeit wird, die Schneeräumer hochzuschicken. „Das wichtigste ist, dass die Produktion immer weiterläuft, damit man nicht im Notfall die Halle sperren muss.“

Weitere 402 KWp erreicht die Anlage mit den zuletzt installierten Modulen. Mit einer Gesamtleistung von 2,2 MWp ist sie damit, nach Aussage der Firma selbst, eine der größten Dachanlagen im Großraum München.

Die aktiven Drucker in Poing sind über ein Rohrsystem mit einem Kreuztauscher im Keller verbunden und sorgen durch ihre Abluft mit dafür, dass das Gebäude geheizt wird.
Die aktiven Drucker in Poing sind über ein Rohrsystem mit einem Kreuztauscher im Keller verbunden und sorgen durch ihre Abluft mit dafür, dass das Gebäude geheizt wird. Canon/oh

Statt, wie ursprünglich erhofft, 20 Prozent „decken wir nun 25 Prozent unseres Stroms selbst“, sagt Elektrotechniker Speer,  „das schaffen die wenigsten Energieunternehmen“. Um möglichst zeitökomisch zu produzieren, sind die Module auf den Poinger Dächern nicht nach Süden, sondern nach Ost und West ausgerichtet. So wird der Mittagspeak vermieden und die Produktionszeit besser abgedeckt. Bis zu 92 Prozent Eigennutzung erreiche man immerhin, erklärt Speer „an Brückentagen oder Wochenenden können wir dagegen selbst einspeisen.“ Auf einer Computeranzeige im Konferenzraum können die Mitarbeiter den gerade aktuellen Werksverbrauch und das Verhältnis zum selbst erzeugten Strom ablesen. Bei  76 Prozent liegt der Eigenanteil an diesem hochsommerlichen Nachmittag.

Die Abwärme aus den Druckern wird zum Heizen genutzt.

Was an Strom nicht vom Dach kommt, werde zumindest ökologisch produziert, zu 100 Prozent und durch Grünstromzertifikate belegt, erklärt Speer. Doch damit nicht genug, setzt man hier auch beim Heizen und Kühlen der Räume auf alternative Quellen: Tiefen-Geothermie zum einen,  Abwärme aus den Druckern zum anderen. Über ein Rohrsystem wird sie über Kreuzwärmetauscher im Keller geleitet und wiederverwendet. Gekühlt würden Produktionsanlagen und Gebäude mit Grundwasser. Eine Wärmepumpe dient zugleich als Klimaanlage und als Heizung – alles im Sinne der Firmenphilosophie.

Der Mutterkonzern Canon sei für das Jahr 2023 bereits zum dritten Mal mit der Note A in der Kategorie Klimawandel vom CDP (Carbon Disclosure Project)  ausgezeichnet worden, so Speer. Damit gehöre die Firma zu den besten zwei Prozent der in dieser Kategorie bewerteten Unternehmen – das sind Firmen aus 130 Ländern, die zwei Drittel der weltweiten Aktienwerte repräsentieren.

Viel leuchtender Mohn, Kornblumen und Gräser wachsen auf einer Blühwiese, die auf einer freien Fläche des Firmengeländes angelegt ist.
Viel leuchtender Mohn, Kornblumen und Gräser wachsen auf einer Blühwiese, die auf einer freien Fläche des Firmengeländes angelegt ist. Canon/oh

Ob es für eine Firma mit so hohem Energiebedarf wohl möglich ist, vollständig autark zu werden? „Das ist wohl schwer zu schaffen“, sagt der Mann mit der Expertise, „aber ein Batteriespeicher für Solarstrom wäre in diesem Zusammenhang vielleicht interessant: Wir sind immer auf der Suche nach neuen Möglichkeiten“. Derweil weitet man bei Canon das ökologische Portfolio auch in andere Richtungen aus. Sukkulenten umgeben die Dachterrassencafeteria, die Duschen der 1988 von Siemens errichteten Gebäude sind saniert worden, damit die Angestellten auch mal gerne mit dem Rad kommen. Zwölf Ladestationen für E-Bikes stehen bereit, drei Ladestationen für E-Autos, auch für Nichtangestellte.

Ob sie denn auch frequentiert würden? „Naja, die Einnahmen decken die Kosten, aber es könnten schon noch ein paar mehr kommen.“ Noch in diesem Jahr soll eine Schnellladestation eröffnet werden. Nebenbei hat man Nisthilfen für Vögel aufgehängt und auf einer 50 000 Quadratmeter großen Fläche eine Blühwiese angelegt – welche Nahrung für zehn Bienenvölker bietet, die auf dem Gelände von externen Imkern betreut werden.

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