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Klavierzyklus:Esprit und Emotion

Konzert von Victor Julien-Laferriere (Cello) und Oliver Triendl (Klavier)

Cellist Victor Julien-Laferriere und Pianist Oliver Triendl mit klangsinnlicher Kammermusik aus Frankreich und Russland im Alten Kino.

(Foto: Matthias Ferdinand Döring)

Victor Julien-Laferrière und Oliver Triendl verzaubern mit klangsinnlicher Kammermusik

"Nouveaux Jeunes" nannten sich die Mitglieder einer in den 1920er Jahren entstandenen französischen Komponistenvereinigung. Es war dies eine Zeit des Aufbruchs in neue Klangwelten, die einherging mit der allmählichen Auflösung traditioneller Formen. Das musikalische Schaffen, nicht nur in Frankreich, war damals geprägt von ungewöhnlichen Klangfarben, radikalem Gefühlsausdruck und ungekannter harmonischer Vielfalt. Die "neuen Jungen" in Frankreich, darunter Francis Poulenc (1899 bis 1963), gingen jedoch einen eigenen Weg. Unter anderem wandten sie sich den Klängen der Zirkusmusik, der Operette und anderen Formen der Unterhaltung zu, lehnten Konventionen des Tonsatzes ebenso ab wie schmachtende Romantik à la Wagner.

Mit Poulencs Cellosonate, FP 143, eröffnen der gerade einmal 29 Jahre junge französische Cellist Victor Julien-Laferrière und Pianist Oliver Triendl am Sonntag ihr Duo-Konzert im Ebersberger Klavierzyklus des Kulturvereins Zorneding-Baldham. Auf dem Programm im Alten Kino stehen auch noch Werke von Henri Dutilleux, Louis Vierne und Sergei Rachmaninow, drei zwischen 1870 und 1916 geborene Zeitgenossen Poulencs.

Der Pariser Cellist Julien-Laferrière hat als Solist und Kammermusiker bereits eine beeindruckende, von wichtigen Preisen begleitete Laufbahn vorzuweisen. Er musiziert mit zupackender Leidenschaft, artikuliert kontrastreich und verfügt über ein schier unerschöpfliches Repertoire an Klangfarben und Spieltechniken. Mal feinnervig und zart, mal strahlend und erhaben. Leidenschaft und technische Brillanz, gepaart mit ungeheurem Feingefühl als Kammermusikpartner, ist, wie gewohnt, Oliver Triendl, dem künstlerischen Leiter der Reihe, am Flügel zu eigen.

Ihm ist es zu verdanken, dass dem zahlreichen Publikum im Alten Kino an diesem frühen Sonntagabend einmal mehr kaum bekannte Stücke geboten werden, die unterschiedliche Musikstile von der Spätromantik bis zur Avantgarde umfassen. Nach Poulencs viersätziger Sonate, die mit dem Ruf des Kuckucks beginnt, und mit Witz, Geist und Empfindsamkeit betört, erklingt Dutilleuxs Werk "Drei Strophen über den Namen Sacher".

Dieses Werk für Violoncello solo hatte der Komponist dem Basler Dirigenten Paul Sacher zu dessen 70. Geburtstag gewidmet. Die drei Strophen, 1976 uraufgeführt, basieren auf dem Tonalphabet, das im Namen des Jubilars steckt. Dieses Motiv erklingt in unterschiedlichen Rhythmen und Stricharten, auch gespiegelt - ein geheimnis- und reizvolles Werk, das der junge Cellist in Ebersberg mit Bravour interpretiert.

Louis Viernes Stück, die Sonate für Cello und Klavier in h-Moll op. 27, 1910 entstanden, ist noch von der Spätromantik geprägt. Vierne war Organist an der Kathedrale Notre- Dame in Paris. Die Sonate ist die einzige der Gattung aus seiner Feder. Im zweiten Satz, dem "molto largamento", reflektiert der Komponist, wie es im Programmheft heißt, "biografische Erlebnisse und Enttäuschungen", darunter die Erblindung, eine schwere Erkrankung und eine Scheidung. Vierne, der 1937 Orgel spielend in Notre-Dame starb, verband in dieser Sonate formale Meisterschaft mit elegischem Klangzauber. Die beiden Musiker im Alten Kino interpretieren das Werk mit berührender Emotionalität.

Die Sonate in g-Moll von Rachmaninow von 1901 wird zum Glanzstück des Abends. In diesem Werk hat das Klavier eine hochvirtuose und zuweilen dominante Hauptrolle. Die Läufe steigern sich wie heftige Meeresbrandung, fließen, brodeln, schlagen Wellen. Rachmaninow war nun mal der Großmeister dramatischer und wuchtiger Klaviermusik. In der Sonate erklingen variantenreiche Liedthemen, von beiden Instrumentalisten ergreifend interpretiert, das Klavier wird zum Naturereignis, das Cello zum König klangsinnlichen Gesangs. Rachmaninow hatte die Sonate nach einer überstandenen Schaffenskrise komponiert, die wiedergewonnene Lebendigkeit und Lebensfreude lässt sich deutlich heraushören. Pianist und Cellist gelangen hier zu beispielloser musikalischer Einheit, was das Publikum mit vielen Bravorufen belohnt.

Und nach den aufwühlenden Akkorden gibt es noch einen Gute-Nacht-Gruß mit auf den Heimweg: das "Noturne" von Tschaikowsky.