Tierschutz:Zurück in die Wildnis

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Tierschutz: Eichhörnchen sind keine Haustiere, deswegen fühlen sie sich in freier Wildbahn am wohlsten.

Eichhörnchen sind keine Haustiere, deswegen fühlen sie sich in freier Wildbahn am wohlsten.

(Foto: Daniel Reinhardt/dpa)

Seit einigen Wochen steht in Kirchseeon eine mobile Voliere zur Auswilderung von Eichhörnchen. Es ist ein Artenschutzprojekt für Tiere, die verletzt oder ohne Eltern gefunden und wieder aufgepäppelt worden sind.

Von Mohamad Alkhalaf, Kirchseeon

Luis Karcher Pardo hält in seiner rechten Hand eine Schachtel voll mit Nüssen, Sonnenblumenkernen und Früchten. In seiner linken Hand hält der zwölfjährige Bub eine Zeitschrift, auf dem Cover ist ein Eichhörnchen zu sehen. "Die Eichhörnchen freuen sich, wenn man sie mit Hasel- oder Walnüssen füttert", erklärt Luis. Er greift in die Schachtel, holt ein paar Nüsse hervor und steckt sie zwischen die schmalen Löcher hindurch, die das Gitter der mobilen Voliere lässt. Im Eck ganz hinten, auf einem Holzbalken, sitzt ein braunes Eichhörnchen mit emporgerichtetem Puschelschwanz und blickt in Luis' Richtung.

Allein in München gibt es hunderte von Eichhörnchen, die ohne ihre Eltern in der Natur oder in Siedlungen aufgefunden werden - Findlinge, die auf menschliche Hilfe angewiesen sind, um eine Chance zum Überleben zu haben. Stetig suchen Tierschutzvereine deshalb nach Möglichkeiten für Plätze, an denen solche Tiere wieder ausgewildert und schließlich in die freie Natur übergeben werden können.

Tierschutz: Die mobile Voliere ist ein umgebauter Anhänger mit allerlei Ästen, Seilen und Balken zum Klettern für die Eichhörnchen.

Die mobile Voliere ist ein umgebauter Anhänger mit allerlei Ästen, Seilen und Balken zum Klettern für die Eichhörnchen.

(Foto: Christian Endt)

Einer dieser Vereine ist der Münchner Wildtierwaisen Schutz. Seit mehr als 15 Jahren widmen sich dort Vereinsvorsitzende Sabine Gallenberger und einige andere Tierfreunde dem Aufziehen und Auswildern von kleineren Wildtieren, vor allem Feldhasen, Siebenschläfern, Wildkaninchen - und Eichhörnchen. Zusätzlich beraten die Vereinsmitglieder über ein Notruftelefon und versuchen hilfsbedürftige Tiere deutschlandweit an Pflegestellen zu vermitteln. 2014 zeichnete die Staatsregierung die Arbeit des Vereins sogar mit dem Bayerischen Tierschutzpreis aus.

In Kirchseeon nun steht seit kurzem eine der Volieren des Vereins für Eichhörnchen, die letzte Station bevor die Tiere wieder in freier Wildbahn leben können - direkt am Rande des Ebersberger Forsts. Und direkt gegenüber von dem Haus, in dem der zwölfjährige Luis mit seiner Familie wohnt.

Das Gehege hat eine verkehrsberuhigte Lage direkt am Ebersberger Forst

Luis und seine Familie hatten sich auf einen Aushang hin gemeldet, mit dem der Verein bei der Suche nach einem passenden Stellplatz für ein Auswilderungsgehege gesucht hat. Sie schlugen den Platz nur wenige Meter von ihrer eigenen Haustüre entfernt vor - direkt am Waldrand bei verkehrsberuhigter Lage, das erschien der Familie wie ein idealer Ort, um ein Stellplatz im Rahmen des Artenschutzprojekts zu werden. Vereinsvorsitzende Sabine Gallenberger sah das genauso.

Nun steht also genau dort seit Anfang September eine mobile Voliere, direkt am Ebersberger Forst. Mobil deshalb, weil es sehr mühsam ist, große feststehende Gehege in Gärten aufzubauen, wie Gallenberger erklärt. Die Idee sei deshalb gewesen, eine mobile Voliere bauen zu lassen, die flexibel an verschiedenen Orten aufgestellt und dementsprechend von unterschiedlichen Tierschützern betreut werden könne. Aus einem mittelgroßen Anhänger entstand ein Gehege mit vielen Klettermöglichkeiten aus Ästen, Seilen und Röhren - es soll die Eichhörnchen an die Umgebung in freier Natur gewöhnen.

Tierschutz: Direkt am Rand des Ebersberger Forsts steht das Umzugsgehege.

Direkt am Rand des Ebersberger Forsts steht das Umzugsgehege.

(Foto: Christian Endt)

Zusammen mit der mobilen Voliere brachte Gallenberger gleich die erste Gruppe der Tierchen mit. Fünf Eichhörnchen zogen an jenem Sonntag in ihr neues Zuhause, drei Meter lang, zweieinhalb Meter hoch und eineinhalb Meter breit. Sechs waren es beim zweiten Mal. Nach je einer Woche wurden sie freigelassen. Aktuell wohnen fünf Eichhörnchen in der Voliere. Sie sollen in den nächsten Tagen wieder in die Freiheit entlassen werden.

"Den Zeitpunkt der Auswilderung hatte Frau Gallenberger festgelegt und mit meinen Eltern abgesprochen", sagt Luis. Mit der Nussschachtel in seiner Hand hat er sich auf die Anhängerkupplung der Voliere gesetzt. Nicht einmal zwei Meter gegenüber von ihm, auf der anderen Seite des Zauns, der den Stellplatz vom Ebersberger Forst trennt, schnüffelt ein Wildschwein. "Es ist wichtig", so der Zwölfjährige weiter, "dass die Eichhörnchen vor Einbruch des Winters noch genug Zeit haben, um sich an ein selbstständiges Leben in Freiheit zu gewöhnen."

Tierschutz: Der zwölfjährige Luis kommt oft vorbei, um die Eichhörnchen zu beobachten und sie mit Nüssen zu füttern - und manchmal schaut ihm auch ein Wildschwein dabei zu.

Der zwölfjährige Luis kommt oft vorbei, um die Eichhörnchen zu beobachten und sie mit Nüssen zu füttern - und manchmal schaut ihm auch ein Wildschwein dabei zu.

(Foto: Christian Endt)

Für Luis ist die Begegnung mit den kleinen Wildtieren etwas Besonderes. "Ich habe Eichhörnchen nur selten aus der Nähe gesehen", sagt er. Er sei überrascht gewesen, als er sie nun aus nächster Nähe beobachten konnte, so flink und wendig sausten sie umher.

Tierschutz liegt dem Jungen sehr am Herzen. Denn wir Menschen lebten nun einmal gemeinsam mit Tieren auf dieser Welt, alle sollten aufeinander aufpassen, sagt er. "Manche Tiere, wie diese Wildtierwaisen, brauchen unsere Hilfe, denn ohne sie könnten sie nicht überleben." Und wenn man sich wie durch das Betreuen der Voliere aktiv am Tierschutz beteiligt, dann mache er sogar richtig viel Spaß - man lerne schließlich auch viel über die Tiere.

Für Siebenschläfer wird derzeit ein Standort für eine Großvoliere gesucht

Sabine Gallenberger vom Tierwaisen Schutz erklärt, dass genau das auch Voraussetzung sei, um überhaupt eine mobile Voliere aufstellen zu können: Sie muss von Ehrenamtlichen betreut werden. Darüber hinaus werde aber auch ein Standort für eine Großvoliere gesucht. Denn nicht nur Eichhörnchen benötigten Hilfe, sondern auch größere Wildtiere wie Siebenschläfer ziehen sie und andere Tierschützer immer wieder per Hand auf. "Für sie suchen wir dringend eine Auswilderungsmöglichkeit weiter weg von Wohnhäusern, am besten an Obststreuwiesen."

Immer wieder schauen Kinder mit ihren Eltern an der Voliere in Kirchseeon vorbei. So auch er siebenjährige Tim und seine Familie. Ein Freund habe ihm von dem Projekt erzählt und den ungefähren Standort der Station beschrieben, so der Bub. Auch er hat kleine Nüsse dabei, mit denen er die Eichhörnchen nun füttert. "Es ist sehr lustig, ihnen zuzusehen", sagt er und strahlt dabei über sein ganzes Gesicht.

Weitere Infos über Wildtierschutz, die jeder in seinem eigenen Garten umsetzen kann, sowie Kontaktmöglichkeiten, falls die Möglichkeit besteht, selbst Tiere auszuwildern, gibt es online unter wildtierwaisen-schutz.de oder telefonisch unter (0151) 41 66 66 88.

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