Von wegen „Ab hier nur Schwimmer“. Die Warnung, mit einem signalroten Pfeil nach rechts versehen, hängt noch immer an einer Säule. Sie markiert die Beckenmitte. „Nicht springen“ steht auf einem kleineren Schild darüber. Überflüssige und auch irgendwie traurige Hinweise, zumal das Bassin gähnend leer ist. Kein Tropfen Wasser glitzert im hellblau gekachelten Pool des Kirchseeoner Schwimmbads. Keine Badelatschen, die am Beckenrand herumliegen, keine Omis, die breitarmig durchs Blau pflügen, kein Kindergeschrei, nichts. Nur die Lüftung brummt leise irgendwo im Gemäuer – eine Sicherungsmaßnahme, um das Raumklima stabil zu halten und das Gebäude gegen Frost zu sichern, erklärt Bürgermeister Jan Paeplow (CSU). Man wolle das Gebäude schließlich erhalten. Oben drüber, die Turnhalle, ist nach wie vor in Betrieb.
Paeplow ist herübergekommen vom benachbarten Rathaus. Ein leichter Chlorgeruch hängt in der Luft, obwohl es gut eineinhalb Jahre her ist, dass die Gemeinde das Bad zugesperrt hat. Doch das Chlor hat sich festgesetzt, vermutlich in der Holzverkleidung und in den Fugen zwischen den Kacheln.

Unten im Becken wird der Geruch stärker. Trockenen Fußes lässt sich die Länge der Bahnen durchmessen. Die blauen Kacheln, in einem halben Jahrhundert von Generationen von Schwimmern gezählt, eingefasst von schwarzen Markierungen, knicken in der Mitte des Pools nach unten ab, senken sich vom 80 Zentimeter tiefen Nichtschwimmerbereich bis auf zwei Meter unter dem Beckenrand. Die Sohlen klappern auf den Fliesen; Straßenschuhe, an und für sich ein No-Go im Hallenbad.
Aber es gibt ja keinen Bademeister, der das Vergehen ahnden könnte. Aus der Sommerpause 2023, in der normalerweise alle notwendigen Reparaturen für die nächste Wintersaison erledigt worden wären, wurde das endgültige Aus für das Hallenbad – zumindest in seiner jetzigen Form. Zu groß die Schäden – nicht nur an den Rohren neben dem Babybecken, die schon undicht waren, als der Betrieb noch auf vollen Touren lief.

Doch während es hier oben im Großen und Ganzen so aussehe, „als könnte man gleich das Wasser wieder einlassen“, offenbare der Keller noch ganz andere Probleme, erzählt Paeplow – zuletzt sei es immer schwieriger geworden, Ersatzteile für die veraltete Technik zu bekommen. Hier im Schwimmbereich habe man vor allem befürchten müssen, dass sich Holzbretter aus der Decke lösen könnten, vom Asbest, das überall in den Verkleidungen vermutet werde, ganz zu schweigen. „Ich bin froh, dass wir geschlossen haben, bevor irgendjemand etwas auf den Kopf gefallen wäre“, stellt Paeplow fest und weist hinauf zur Deckenverkleidung. Selbst aus der Entfernung sieht man die unzähligen weißen Flecken von aufsteigendem Kondenswasser, an den tiefer hängenden Brettern über dem Beckenrand kann man erkennen, dass sich rund um die Schrauben vom Rost dunkle Höfe gebildet haben. Feuchtigkeit hat sich ins weiche Material hineingefressen. Warum man vor 50 Jahren in einem ständig feuchten Raum mit Holzverkleidungen gearbeitet hat – der Bürgermeister schüttelt den Kopf, „das weiß ich auch nicht“.

Über dem Babybecken ist die Verkleidung tatsächlich runtergekommen, „zum Glück war zu dem Zeitpunkt kein Betrieb“. Sie war schon auf der Mängelliste gestanden, als sich der Marktgemeinderat im Juli 2023 zur Schließung durchrang, auch wenn das die vielen Nutzer aus Kirchseeon und Umgebung gar nicht wahrhaben wollten. Sogar eine Petition hatte es gegeben. Doch die Gemeinde sah sich damals nicht in der Lage, die nötige Renovierung zu bezahlen.

Hallenbäder im Landkreis Ebersberg:"Immer mehr Kommunen können sich das nicht leisten"
Der Betrieb ihrer Hallenbäder stellt die Gemeinden im Landkreis Ebersberg vor Herausforderungen. Etliche der meist in den Jahren um Olympia 1972 erbauten Bäder sind stark in die Jahre gekommen und müssen oder mussten bereits saniert oder ersetzt werden. Eine Bestandsaufnahme.
Mittlerweile aber dürfen die Badefreunde wieder hoffen: Es sieht so aus, als könnte die Zusammenarbeit mit dem Nachbarn Zorneding in einem eigens gegründeten Zweckverband sowie ein ordentlicher Zuschuss vom Freistaat aus dem Sonderprogramm Schwimmbadförderung SPSF die Fluten wieder sprudeln lassen. Bis dahin aber bleibt hier alles trocken.

Über den Herrenumkleiden ist die Verschalung schon abgebaut, Lüftungsschächte und Stahlträger, die kreuz und quer an der freigelegten Decke verlaufen, sind mit schwarzer Farbe bestrichen, „die eigentlich feuchtigkeitsresistent sein sollte“. Was man aber sieht, sind überall weiße Kalkablagerungen und brauner Rost. Der Blick fällt auf die entblößten Armaturen der Herrendusche. Elektrische Leitungen führen zwischen den Wasserleitungen mit teilweise korrodierten Anschlüssen hindurch – Wasser und Strom, war da nicht was? „Das würde so heute keiner mehr abnehmen“, kommentiert der Rathauschef. „‚Wir können das alles in ein Museum reinstellen‘, hat der Elektriker gesagt.“

Hinter den Einzelumkleiden reicht das Halbdunkel gerade aus, um den Schimmel in einer Öffnung an der Decke zu erkennen, die eine herausgebrochene Verkleidung offenbart. Über der Damensammelumkleide verlaufen ebenfalls Rohre: Alte in dunkler Isolierung mit hässlichen braunen Löchern, an vielen Stellen durchgefressen von Feuchtigkeit und Chlor. „Wir gehen davon aus, dass die Rohre schwitzen“, erklärt der Rathauschef. Und neue: Sie sind versteckt in unbeschädigtem weißem Isoliermaterial. Hier sind auch die Elektrokabel sauber getrennt und eingekoffert. Man wolle versuchen, zu erhalten, was noch gut sei oder schon erneuert, sagt Paeplow, darunter die Umkleiden oder die Spinde, an denen alle Schlüssel stecken. So als würden gleich die ersten Gäste kommen. Der Bürgermeister, in elegantem Mantel und Trachtenweste, nimmt einen typischen grauen Schwimmbadföhn aus seiner Halterung. Sofort fängt das Gerät an zu summen. „Der geht noch, der bleibt“, stellt er fest, und es klingt hoffnungsvoll, als er hinzufügt: „Es wäre schon schön, wenn hier wieder Leben drin wäre.“
Doch das kann noch eine Weile dauern. Im Untergeschoss sieht man tatsächlich erst so richtig, warum die Experten den Sanierungsbedarf auf zwölf Millionen Euro schätzen. „Ich gehe davon aus, dass hier alles raus muss“, sagt Paeplow mit Blick auf die riesigen, grauen Behälter, in denen bisher Wasser gereinigt und mit Chlor versehen wurde. Sie liegen unterhalb der Kellerebene. Von der Galerie aus, die an ihrer Oberseite vorbeiführt, sieht man Stückchen von Putz, die von der Decke auf sie gefallen sind. „Chlorimpfstelle“ steht an dem einen, „Schwallwasserbecken“ an einem anderen, dicke Rohre sind mit Aufschriften wie „Luftsprudelleitung“, „Reinwasser“ oder „Überlaufwasser“ versehen. An Rohren und Verschlüssen erkennt man Spuren von heruntergelaufener oder ausgetretener Flüssigkeit – hinten in einer Ecke ein Regal mit Chlorschutzmasken. Weiße Warnzeichnung auf blauem Grund.
Am bedrohlichsten aber sind die Risse im Deckenbeton, sie sehen aus, als wäre braunes Harz durch sie hindurchgesickert. Genau dort, wo oben drüber die Kanten des Beckens verlaufen.

An manchen Stellen wurden sie repariert, überputzt, doch Wasser und Chlor, vermutlich auch Rost haben sich immer wieder ihren Weg gebahnt. Ein bedrückend enger Gang führt unterhalb des 25-Meter langen Beckenrands zu dessen rückwärtigem Ende. Rohre, die an den Seiten und über dem Kopf verlaufen, lassen nur wenig Platz.

Und als reichte die Vorstellung nicht aus, dass man hier 450 Kubikmeter, also 450 000 Liter Wasser, quasi über dem Kopf hat, wenn das Bad in Betrieb ist, um sich unwohl zu fühlen, sieht man auch hier überall Schäden an der Betondecke. An manchen Stellen hängen Kalknasen herunter, Stalaktiten gleich, wie in einer Tropfsteinhöhle.

Etwa vier Millionen Euro erhoffe man sich aus dem Förderprogramm der Regierung, erläutert der Bürgermeister, der vor einem provisorischen Ablaufrohr für ständig austretendes Wasser und einem darunter postierten Eimer stehen geblieben ist. Bleiben für die beiden Gemeinden zusammen noch acht Millionen zu stemmen, erklärt er weiter. Wenn die Gründung des Zweckverbands über die Bühne sei – noch vor den Sommerferien, hofft Paeplow – müsse zunächst ein Sanierungsplan erstellt werden.
16 890 Euro zahlt das bayerische Bauministerium im Grundsatz pro Quadratmeter Wasserfläche, allerdings nur für Bäder, in denen es vorrangig ums Schwimmen und Schwimmenlernen geht – so wie in Kirchseeon. Ohnehin aber wolle man bei der Renovierung so nah wie möglich am Original bleiben, sagt der Rathauschef, nicht nur, um die kalkulierten Kosten nicht zu überschreiten. „Eine Sauna wird's hier nicht geben, auch keine Sprungtürme.“ Es gehe aber auch um Nostalgie. So viele Kirchseeoner verbänden mit dem Bad Jugenderinnerungen – und schließlich seien hier sogar Filme gedreht worden, unter anderem ein Tatort. Mit seinen Ziegelwänden sehe das Bad ja so ein bisschen nach Norddeutschland aus, es biete also eine vielseitige Kulisse. Einzig auf die gewohnten blauen Beckenfliesen werden die Kirchseeoner Schwimmer künftig verzichten müssen: Ein Edelstahlbecken soll sie ersetzen, um mehr Dichtheit zu haben, sagt der Bürgermeister.

Wann die Glastüren zum Eingangsbereich, in dem sich derzeit Stühle und Mobiliar stapeln, tatsächlich wieder geöffnet werden, wollte Paeplow nicht prophezeien. Die Kassenautomaten, die hinter der Absperrung stehen, funktionieren aber noch. Sie müssen nur eingestöpselt werden.

