Ob es ein Mädchen oder ein Junge war – nein, daran kann er sich nicht mehr erinnern. Zu oft war Bernhard Nowotny schon unterwegs, um zu helfen. Von der Wiege bis zur Bahre habe er alles schon erlebt in den 45 Jahren, die er inzwischen beim Roten Kreuz ist. Aber, dass jene Geburt genau der 1000. Einsatz war, den er als Helfer vor Ort für den BRK-Rettungsdienst in Glonn gefahren ist, das weiß er noch ganz genau. „Es war eine Hausgeburt, und die hat ein bisserl früher begonnen als eingeplant.“
Also hat er das Auto gepackt, ist losgefahren und noch vor dem Rettungsdienst angekommen. Auch die Hebamme war noch nicht da. Nur die werdende Mutter. Und das Baby, das es eilig hatte. „Es ist uns quasi in die Hände geglitten“, erzählt er. Heute kann er darüber lachen, zumal alle Beteiligten die Geschichte gut überstanden haben. „Mutter und Kind wohlauf!“
Daran, dass es in Glonn seit 1988 schon eine aktive BRK-Truppe von Helfern vor Ort gibt, ist Bernhard Nowotny nicht ganz unschuldig. Er selbst und drei seiner Kollegen vom BRK-Sanitätsdienst in der Gemeinde waren es, die die Initiative ins Rollen brachten, ein Pilotprojekt beim DRK in Karlsruhe war das Vorbild. Die Glonner Truppe bestehend aus Nowotny, Josef Kraus, Christian Beham und Christoph Fink wurde Vorreiter für ganz Bayern. Es ging darum, die Minuten zwischen einem Notruf und dem Eintreffen des Rettungsdienstes zu überbrücken – damals genau wie heute, das sogenannte „therapiefreie Intervall“, wie BRK-Bereichsleiter Holger Mauerer aus Kirchseeon erklärt.
Während einer Pressekonferenz stellte er die Kirchseeoner Pläne vor, eine neue Einsatztruppe von Helfern in der Gemeinde zu etablieren, das Pendant zu den First Respondern der Freiwilligen Feuerwehr. Öffentlichkeitswirksam unterschrieben Kirchseeons Bürgermeister Jan Paeplow und BRK-Kreisgeschäftsführer Manfred Barth den Vertrag über die Zusammenarbeit zwischen Gemeinde und Rotem Kreuz.

90 000 Euro hat der Marktgemeinderat bewilligt, „einstimmig und ohne jede Diskussion“, erklärt Paeplow, um die Kirchseeoner BRK-Einsatztruppe zu finanzieren, die nach Glonn, Poing, Markt Schwaben und Hohenlinden fünfte im Landkreis. Im November soll es für die bisher 17 gemeldeten freiwilligen Helfer losgehen, dann nämlich, wenn ihr Einsatzfahrzeug da ist, das den größten Batzen der Grundausstattung ausmacht.
Wobei, wie Mauerer betont, weit mehr Geld in die Einbauten für Medikamente im Rückraum des Wagens, den Funk und die Blaulichtanlage fließt als in die Anschaffung des vierradgetriebenen Fahrzeugs selbst. „Aber wichtig ist, dass unsere Helfer auch im Winter sicher zum Einsatz kommen.“
„Wir waren damals noch ganz anders unterwegs“, erzählt Nowotny. Man sei halt mit dem Privatauto gefahren, wenn es galt, schnelle Hilfe zu leisten, oder auch mal mit dem Fahrrad, wenn's pressiert habe, bevor das erste ausgemusterte Dienstfahrzeug den Helfern vor Ort zur Verfügung gestellt wurde. „Wir hatten keinen Funk, Handys gab es noch lange nicht und auf dem Land auch oft keine öffentlichen Telefone.“

Weil er die Sanitätsausbildung, die auch heute noch Voraussetzung für den Einsatz als Helfer ist, schon ein paar Jahre gehabt habe, bevor diese als Ersthelfereinheit in Glonn quasi institutionalisiert wurde, hätten ihn und seine Glonner BRK-Kollegen halt die Nachbarn alarmiert oder die Leute aus der Gemeinde. „Ich kann mich noch erinnern, wie mich ein Freund angerufen hat, dann bin ich mit dem Radl zum Unfallort. Auto gegen Motorrad.“ Letztlich sei der Verletzte mit einem gebrochenen Bein davongekommen.
Wobei die schnellen Helfer vor allem in lebensbedrohlichen Notlagen da sein sollen. „Sie haben in Bayern Anspruch darauf, innerhalb von 15 Minuten Hilfe zu bekommen“, erklärt Bereichsleiter Mauerer, „und in der Regel klappt das auch.“ Bei einem Kreislaufstillstand, einem Patienten mit Atemnot oder allergischem Schock aber sind 15 Minuten eine lange Zeit. „Und wenn der Rettungswagen aus Ebersberg gerade im Einsatz ist, dann ist der Helfer vor Ort viel schneller beim Patienten.“ Je früher mit einer Reanimation begonnen werde, desto besser.
Mit Funk, Notfallausrüstung, Bekleidung, Schutzjacken und Helm seien die Ersthelfer ausgestattet und in das Rettungsleitsystem integriert. „Bei bestimmten Alarmstichworten checkt das System innerhalb von Sekunden, ob ein Einsatzfahrzeug oder ein Helfer vor Ort näher an einem möglichen Einsatzort ist und aktiviert ihn.“ Beziehungsweise sie, denn nach Möglichkeit sollten immer zwei Helfer im Dienst sein, vorzugsweise an den Wochenenden und nachts, wenn die professionellen Hilfsdienste in kleinerer Besetzung arbeiteten.

Das Einsatzfahrzeug steht in solchen Nächten bei den diensthabenden Helfern vor der Haustür. Die müssen nach 80 Stunden Grundausbildung und einer Blaulichtbelehrung bereit sein, ohne zu zögern aus dem Bett zu springen, wenn ein Alarm eingeht. „Und das sind sie. Wir haben keine Nachwuchsprobleme, zumindest nicht in der Kreisgruppe Ebersberg“, berichtet Nowotny. Die Aktiven kämen aus allen Altersgruppen und allen möglichen Berufen. „Wir haben Ingenieure genauso wie Landwirte oder Studenten. Die opfern ihre Freizeit, und sie bekommen kein Geld dafür.“
Warum tun sie es dann? „Es geht immer darum, den Menschen zu helfen“, sagt Nowotny. Das war auch bei mir von Anfang an die Motivation, egal ob nachts oder am Wochenende. Und was sagt seine Frau dazu? „Die ist auch dabei. Ich hab sie beim BRK-Dienst kennenlernt. Das hilft.“
Wer Interesse an einer Ausbildung zum Rettungssanitäter und Helfer vor Ort hat, kann sich bei der BRK-Bereitschaft Kirchseeon, (08091/ 6280 oder auch beim Kreisverband des BRK melden, weitere Helfer werden immer gesucht. Außerdem wirbt das BRK um Spenden für die laufenden Kosten, die Spendensammlung wird unterstützt von der Gemeinde, die ein von allen Teilnehmerbands des letztjährigen Rock am Markt unterschriebenes T-Shirt verlost.

