Kirchseeoner TraditionDie Hexen sind los!

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Hexenhaft: In Kirchseeon sind gruslige Gestalten unterwegs.
Hexenhaft: In Kirchseeon sind gruslige Gestalten unterwegs. Christian Endt

Zum 35. Mal veranstaltet der Verein „Kirchseeoner Hexen“ eine Walpurgisnacht, um Mutter Erde aus dem Winterschlaf zu holen und die bösen Geister der kalten Jahreszeit zu vertreiben.

Von Nora Schulte, Kirchseeon

Zum dröhnenden Trommelschlag tanzen die Kirchseeoner Hexen über den Platz. Ihre langen Gewänder wehen im Wind, die geschmückten Besen fegen durch die Luft. Hinter den warzigen, krummnasigen Masken verbergen sich 58 wirbelnde Kinder-, Jugend- und Althexen, die sich auf ein schauriges Spektakel vorbereiten.

Es ist eine von drei Generalproben, die an diesem Nachmittag kurz vor der anstehenden Walpurgisnacht stattfindet. Seit Januar trainiert der Verein für den 35. Tanz in den Mai, der das Übel des dunklen Winters beenden soll. In einem etwa eineinhalbstündigen Künstlerprogramm führen die Tänzerinnen magische Figuren auf und bewegen sich zum Takt der Rhythmus- und Schlaginstrumente der Kirchseeoner Trommler.

Die mystische Nacht des 1. Mai hat in Kirchseeon bereits Tradition und nahm ihren Lauf im Jahr 1990, als „Perschtenvater“ Hans Reupold einer Gruppe Kirchseeoner Frauen von der Walpurgisnacht und verschiedenen Hexenvereinen erzählte. Seine Berichte stießen auf großes Interesse und führten bald dazu, dass Eva Gramsamer die „Sojer Hexen“ ins Leben rief, die 2001 in der Gründung des Vereins „Kirchseeoner Hexen“ mündete.

Die Walpurgisnacht ist der wichtigste Termin des Jahres für eine Hexe - auch wenn sie nicht ganz echt ist und unter der selbst gemachten Maske ein wenig furchteinflößendes Wesen steckt.
Die Walpurgisnacht ist der wichtigste Termin des Jahres für eine Hexe - auch wenn sie nicht ganz echt ist und unter der selbst gemachten Maske ein wenig furchteinflößendes Wesen steckt. Christian Endt

Bereits ein Jahr später, am 30. April 1991 sollte schließlich die erste magische Walpurgisnacht gefeiert werden. Auf dem Marktplatz veranstalteten die frischgebackenen Hexen ihre Feuertaufe. Bei ihren Vorbereitungen hatten die Damen keine Mühe gescheut: Sie hatten sich Wissen über die Hexen und ihre Bräuche angeeignet, in Handarbeit eigene Masken gebastelt und selbst choreografierte Hexentänze einstudiert.

Noch immer lebt der Verein vom Engagement seiner Mitglieder: Jedes Kleid ist weiterhin selbst genäht, jede Maske selbst gebastelt und die Besen eigens gebaut. Ein besonders großes Exemplar, ein riesiger Besen war wohl einmal ein Weihnachtsgeschenk, wie eine der „Althexen“ stolz bemerkt.

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Die unheimlichen Masken werden in einem „Hexenhäuschen“ unter Anleitung geschaffen. Mit Holzpulver modelliert jede ihr eigenes Exemplar und darf die markante Nase, das scharfe Kinn oder die hervorquellenden Warzen individuell bemalen. Ihre bunten Schürzen bestücken die Jugendlichen gerne mit alten Lumpenfetzen, während die Althexen blutrote Kopftücher, weiße Stulpen und wallende Kleider und Unterröcke tragen.

Was den Vorstand der Hexen an ihrem Verein begeistert? „Alles!“, sagt Marion Keil und lacht. Ihre Familie ist mit dem Hexenbund fest verwoben: Ihre Tochter entwirft die Tänze und ihr Enkel spielt bereits bei den Trommlern mit. Das jüngere Enkelkind starte nächstes Jahr, erzählt die Vorsitzende strahlend.

Tochter Andrea Keil und Alisa Orsetti, die bereits seit 29 und 18 Jahren Teil des Vereins sind, kümmern sich gemeinsam um die Choreografie. „Ab Dezember starten wir mit den Vorbereitungen“, erklärt Orsetti. Ist zunächst die Musikauswahl getroffen, kreieren die jungen Frauen verschiedene Figuren und Tänze. Meist sei das ein Mix aus neuem und altem Material, erläutert Keil. „Dabei verwenden wir unsere Besen, Tücher und Leuchtkugeln.“

Um seinen Nachwuchs muss sich der traditionsreiche Verein keine Sorgen machen: Es gibt bereits Wartelisten, um der hohen Nachfrage gerecht zu werden. Die 17-jährige Alexandra ist schon seit zwölf Jahren Vereinsmitglied. Ihr Vater trainiert die Trommler, ihre Mutter gehört zu den Althexen. Besonders begeistert sie die Gemeinschaft und der langjährige Brauch ihres Heimatdorfs. „Das hat nicht jeder Ort“, sagt sie lächelnd.

Ohne Besen ist alles nix – was eine Hexe sein will, braucht auch ein Fluggerät.
Ohne Besen ist alles nix – was eine Hexe sein will, braucht auch ein Fluggerät. Christian Endt

In einer stillen Ecke hinter dem gewaltigen Trubel der Generalprobe steht ein kleines Mädchen und beobachtet aufmerksam das Geschehen. Als die Kinderhexen ihren Auftritt beginnen und sich zu der Musik im Kreis drehen, fängt sie beherzt an, nach ihrem Vorbild durch die Luft zu wirbeln. Ist da gerade eine neue Hexe geboren?

Die diesjährige Veranstaltung beginnt wie immer am letzten Abend des Aprils, also an diesem Mittwoch, wenn um 20 Uhr die Dämmerung hereinbricht. Bereits ab 18 Uhr findet auf dem Kirchseeoner Marktplatz eine Bewirtung mit Gegrilltem, Pommes und einer Bar statt. Ein Infostand bietet Interessierten Hintergründe zum Brauch und Souvenirs wie Mini-Besen, Masken und ein selbstgemachtes Kochbuch. 

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