Süddeutsche Zeitung

Kinderhaus Kirchseeon:Pleiten, Pech und Pannen

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Der Bayerische Kommunale Prüfungsverband untersucht den verkorksten Neubau der Kita und gibt Tipps für die Zukunft.

Von Andreas Junkmann, Kirchseeon

Das sogenannte Nachtreten, also die Revanche nach einem gegnerischen Foulspiel, ist weder im auf dem Fußballplatz noch im echten Leben gern gesehen. Selbiges unterstellte Kirchseeons Bürgermeister Jan Paeplow (CSU) nun aber einigen seiner Gemeinderatskollegen, als es am Montagabend um die Aufarbeitung des Bauprojekts Haus für Kinder ging. Während der Arbeiten ist - gelinde gesagt - nicht alles rund gelaufen, was das ein oder andere Gremiumsmitglied in markige Worte packte. So war etwa von Verschleierung die Rede und von einem völlig überforderten Bauamt. Wie eine Analyse des Bayerischen Kommunalen Prüfungsverbandes (BKPV) nun ergab, lagen die Probleme beim Haus für Kinder aber wohl eher an einer Vielzahl an kleineren und größeren Fehlern, gepaart mit unglücklichen Umständen.

Als die Einrichtung am Spannleitenberg im Oktober vergangenen Jahres an die Gemeinde übergeben wurde, sollte der Kirchseeoner Nachwuchs dort bereits seit knapp zwei Jahren heimisch sein. Doch eine ganze Reihe an Pleiten, Pech und Pannen verzögerte die Fertigstellung immer weiter nach hinten - und ließ die Baukosten steigen. So war bei der Entwurfsplanung, die der Gemeinderat im Februar 2016 abgesegnete hatte, etwa noch von rund 6,38 Millionen Euro die Rede. Die Hochrechnung des BKPV zum Stand Sommer 2021 jedoch ergibt eine Summe von 7,63 Millionen. Und das Haus ist immer noch nicht ganz fertig, laut Bürgermeister Paeplow seien nach wie vor kleinere Arbeiten zu verrichten.

Die großen Kosten datieren jedoch aus einer Zeit, als von einem Gebäude auf dem Grundstück noch gar nichts zu sehen war. Bei den Aushubarbeiten nämlich, verzichtete die Gemeinde auf eine genauere Untersuchung des Bodens auf Schadstoffe - ein fataler Fehler, wie sich später herausstellen sollte. Erst eine Prüfung durch die Baufirma ergab, dass das Erdreich kontaminiert war, die rund 432 000 Euro an Mehrkosten tauchten aber erst eineinhalb Jahre später in den Unterlagen auf. Als das Haus bereits fast fertig war, sorgte im August 2019 obendrein ein Wasserschaden dafür, dass Teile der Einrichtung wieder herausgerissen werden mussten. Kostenpunkt laut BKPV: 343 000 Euro.

Bemerkenswert war den beiden Prüfern zufolge aber auch das Verhalten von Altbürgermeister Udo Ockel (CSU). Der damalige Rathauschef hatte immer wieder Summen für den Bau freigegeben, ohne dass der Gemeinderat in die Vorgänge involviert war. "Der Bürgermeister war sehr präsent im Baugeschehen", sagte BKPV-Expertin Heide von Günther in der Sitzung. Den Prüfern zufolge habe Ockel aber wohl nicht rechtswidrig gehandelt. Die freigegeben Summen - insgesamt rund 100 000 Euro - seien von der Geschäftsordnung gedeckt gewesen, wenngleich das Regelwerk einigen Interpretationsspielraum lasse. Der Gemeinde rieten die Prüfer deshalb, hier nachzubessern und konkreter zu werden.

Überhaupt hatten von Günther und ihr Kollege Andreas Wernthaler einige Ratschläge, was man künftig bei größeren Bauprojekten besser machen könnte. Die Kosten für eine genaue Untersuchung des Erdreichs etwa seien auf jeden Fall gut angelegtes Geld. Außerdem müsse der Informationsfluss von Architekt über Verwaltung und Bürgermeister bis in den Gemeinderat dringend verbessert werden. "Wir plädieren immer dafür, über Geld offen zu reden", sagte von Günther. Auch vor Alleingängen des Bürgermeisters warnten die Prüfer in diesem Zusammenhang, der Gemeinderat müsse stets involviert sein. Zudem gaben die BKPV-Experten der Gemeinde die Empfehlung, bei künftigen Vorhaben entschlossener gegenüber den beauftragten Planern aufzutreten und klare Grenzen zu setzen. "Die Bauherrenfunktion kann man auch ganz selbstbewusst ausfüllen", sagte von Günther.

Hinweise auf eine Verschleierung der Kosten, wie sie Susanne Markmiller in der anschließenden Diskussion ins Spiel brachte, habe es jedenfalls keine gegeben. Dennoch bezeichnete die FDP-Gemeinderätin den Verlauf des Bauprojekts als "desaströs". Rüdiger Za (Grüne) erhob derweil Vorwürfe gegen das Bauamt, dieses "war überfordert". Dagegen aber wehrte sich Bürgermeister Paeplow, es ärgere ihn, wenn man jetzt so mit dem Finger auf die Verwaltung zeige. "Es war eine schwierige Situation, aus der wir jetzt nur lernen können."

Komplett erledigt ist das Thema aber noch nicht. Derzeit läuft eine Prüfung, wer für den Wasserschaden zahlen muss. Das Haus für Kinder kommt laut Paeplow bei den Eltern und beim Nachwuchs unterdessen gut an. Damit sich auch alle anderen Kirchseeoner ein Bild von der neuen Einrichtung machen können, will der Rathauschef demnächst zu einem Tag der offenen Tür einladen.

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Quelle:
SZ vom 17.11.2021
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