Eigentlich schien es nicht so, als würde der 31. Januar 2022 zu einem Glückstag für Anita Haas werden: Schon auf dem Weg zu ihrer Umschulung beim Berufsförderungswerk in Kirchseeon wurde sie geblitzt – ein eigentlich denkbar schlechter Start in den Tag. Heute blickt die 46-Jährige, die im Landkreis Miesbach wohnt, aber sehr positiv auf das Erlebnis zurück, denn es war der Anfang eines erfüllenden beruflichen Neustarts, wie sie berichtet.
SZ: Wie schnell waren Sie denn unterwegs, als Sie geblitzt wurden?
Anita Haas: Moment, da muss ich kurz nachschauen … ich habe den Bescheid nämlich tatsächlich aufgehoben. Also: Es war Tempo 30 erlaubt, und ich bin innerhalb der geschlossenen Ortschaft um sechs Kilometer pro Stunde zu schnell gefahren. 30 Euro hat das gekostet.
Und Sie haben sich erst einmal furchtbar geärgert?
Im ersten Moment ja. Wenn man guter Dinge morgens in die Schule fährt, und dann leuchtet es rot, da ist wahrscheinlich auf Anhieb keiner begeistert. Der Ärger ist aber schnell verzogen. Mir ist klar, dass ich den Fuß auf dem Gaspedal hatte und ich damit auch verantwortlich dafür war, wie schnell ich gefahren bin.
Umso ungewöhnlicher ist es, wie es dann weiter gegangen ist bei Ihnen.
Lustigerweise hatten wir an dem Tag in der Umschulung Kommunalrecht als Thema, und der Dozent war zufälligerweise in der Gemeinde Kirchseeon tätig. Als ich ihm erzählte, dass ich morgens geblitzt wurde, hat er erzählt, dass die Verkehrsüberwachung der Zweckverband aus Bad Tölz für die Gemeinde macht. Er war davon begeistert und hat auch erzählt, dass er mit dem Verband engen Kontakt pflegt. Ich habe dann salopp gemeint: Wenn Sie schon Kontakt haben, können Sie vielleicht mal fragen, ob die eine Praktikumsstelle anbieten? Es war ja damals noch die Coronazeit, und die Praktikumssuche war sehr schwierig. Eine Woche später hatte ich die Kontaktdaten.

Berufsförderungswerk:„Ein Leuchtturm der Inklusion“
Das Berufsförderungswerk München mit Standort in Kirchseeon feiert sein 50-jähriges Bestehen. Mehr als 10 000 Menschen haben dort in dieser Zeit einen neuen Beruf erlernt – und damit die Chance auf Rückkehr in die Arbeitswelt und auf ein selbstbestimmtes Leben bekommen.
Und was passierte dann?
Ich habe dann gleich in Bad Tölz angerufen und hab gefragt, ob ich eine Bewerbung schicken dürfte für ein Praktikum. Zwei Wochen später hatte ich schon ein Gespräch mit der Personalchefin und wenig später die Zusage für einen Praktikumsplatz. Herausragend war, dass ich während des Praktikums sämtliche Bereiche durchlaufen durfte – von der Verkehrsüberwachung über die Vergabestelle bis zur Mahnung und Vollstreckung. Nach dem Praktikum bekam ich die Zusage für eine Festanstellung nach dem Abschluss meiner Ausbildung.

Sie waren also dem Zweckverband nicht lange böse wegen des Blitzer-Bilds.
In keinster Weise. Den Kollegen, der damals in Kirchseeon gestanden ist, den kenne ich jetzt persönlich, das ist ein ganz netter Mensch. Mittlerweile haben wir ein sehr freundschaftliches Verhältnis, eigentlich müsste ich ihn aus Dankbarkeit noch zum Essen einladen.
Warum genau haben Sie die Umschulung eigentlich gemacht?
Ich hatte schon längere Zeit mit dem Rücken Probleme durch meinen Job als Verkäuferin, es gehört ja schon viel schweres Heben dazu, und ich bin eine relativ große Frau, was heißt, dass ich bei der Arbeit oft eine sehr gebückte Haltung einnehmen musste. Viele Arbeitsgeräte wie die Aufschnittmaschine waren zu niedrig für mich. Das hat mir wohl ein Halswirbel ein bisschen krummgenommen. Bei meiner letzten Arbeitsstelle sind mir so richtig die Schmerzen eingeschossen, ich bin dann noch in den Urlaub gefahren, aber mit einem schiefen Hals zurückgekommen und hatte brutale Schmerzen in der Halswirbelsäule. Ein Orthopäde hat dann mit einem MRT festgestellt, dass zwischen zwei Wirbeln keine Bandscheibe mehr drin war, das ging wirklich Knochen auf Knochen. Die Schmerzen und ein Taubheitsgefühl haben sich bis in den Arm gezogen. Letztlich ist mir eine Bandscheibenprothese eingesetzt worden. Ich hatte erst Bedenken, aber es ist alles gut gegangen.
Ein Glück …
Ja. Was für mich auch sehr toll war: Als ich bei meiner örtlichen Krankenkasse was abgegeben habe, hat mir die Beraterin noch vor der OP gesagt: „Frau Haas, in Ihrem Job können Sie ja dann gar nicht mehr arbeiten.“ Sie hat mir einen Beratungsschein fürs BFW mitgegeben, und es ist von dort aus alles in die Wege geleitet worden, auch mit der Rentenversicherung. Im BFW München wurde erst eine Erprobung gemacht, für welche Jobs ich überhaupt geeignet bin. Es wurde ein psychologisches Gutachten erstellt, auch körperlich wurde ich untersucht, meine Fähigkeiten getestet, ich musste sogar ein Diktat schreiben. Dabei hat sich herausgestellt, dass ich für eine Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten, die ich mir gewünscht hatte, auch tatsächlich geeignet bin.
Es ist dann sehr knapp geworden, weil der Kurs schon 14 Tage nach der Erprobung begonnen hat. Das BFW hat gesagt: Wir schaffen das, wir geben jetzt Gas, der Bescheid von der Rentenkasse war auch superfix da. Ich bin also am ersten Tag der Umschulung auf meinem Platz gesessen und war so dankbar, dass ich noch einmal eine neue Perspektive bekomme. Natürlich war es auch eine Herausforderung, ich hatte ja schon 25 Jahre gearbeitet und nicht mehr die Schulbank gedrückt, aber das war es echt wert. Jeder, der die Chance hat, sollte das nutzen.
Oft ist ja von Bürokratiewahnsinn die Rede, das hier scheint aber ausnahmsweise mal ein positives Beispiel zu sein, dass Behörden und Einrichtungen gut zusammenarbeiten.
Es ist absolut positiv. Ich glaube aber auch, dass es oft an den Menschen selbst liegt, wenn sie dem Ganzen aufgeschlossen gegenüberstehen, nicht an allem herummäkeln. Zum Beispiel war ich im BFW im Internat und habe da auch Frühstück, Mittagessen und Abendessen bekommen. Das waren wirklich Speisen, wo man sagen würde, da findet jeder was. Sogar da haben Leute gemäkelt, dass das Essen nichts ist. Mir ist das jedenfalls in sehr guter Erinnerung geblieben. Und beim Zweckverband bin ich jetzt zwei Jahre in Anstellung und habe bisher noch keinen Krankheitstag gehabt. Mir geht es sehr gut.
Was machen Sie jetzt genau?
Ich bin in der Planung für die Verkehrsüberwachung im fließenden Verkehr zuständig.
Wollten Sie selbst mal blitzen?
Nein, dazu habe ich auch die Schulung beziehungsweise Zertifizierung gar nicht. Dafür haben wir Mitarbeiter, die umfassend geschult sind.
Wenn Sie heute Leute treffen, die sich ärgern, weil sie geblitzt wurden – haben Sie dafür Verständnis?
Einerseits ja, denn es kann ja jedem mal passieren, dass er kurz mal unachtsam ist. Aber im Endeffekt stehen da halt die Verkehrszeichen und müssen von jedem eigenverantwortlich beachtet werden. Wir legen Messstellen in Absprache mit Polizei und der Gemeinde fest. Diese befinden sich zum Beispiel an einem Unfallbrennpunkt oder Unfallgefahrenpunkt. Wenn vor einer Schule oder einem Kindergarten einer zu schnell fährt und ein Kind läuft auf die Straße, ist der Bremsweg halt mit 20 oder 30 anders als mit Tempo 50.

